Aachen: Ein Leuchtturm in den noch unruhigen Wogen

Aachen : Ein Leuchtturm in den noch unruhigen Wogen

Dieser Mann ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Und das freundliche Lächeln vergeht Henning Scherf auch dann noch nicht, als der eingeplante kurze Dom-Besuch mit Ehefrau Luise daran scheitert, dass er zwischen den jecken Proben mal eben im dunklen Anzug zur TV-Konferenzschaltung nach Schröders Parteichef-Rücktritt eilen muss.

So chauffiert AKV-Ehrenpräsident Georg Helg die Rittersgattin eben allein Richtung Innenstadt, während der Zurückgebliebene gegenüber einer jungen Öcherin schwärmt: „Sie sind 17? Seit meinem 17. Lebensjahr bin ich hinter dieser Frau her - und jetzt seit 44 Jahren mit ihr verheiratet.”

Er ist der Leuchtturm im noch nicht ganz so perfekt wogenden Frohsinn der Ordenssitzung wider den tierischen Ernst. „Das muss ich rasch einmal lesen”, sagt er zwischen zwei Interview-Fragen, studiert die bislang unbekannten Noten und summt fast perfekt die Melodie von „Vür sönd allemoele Öcher Jonge”.

Lachend fängt er dabei an zu schunkeln, sein wallendes blondes Haupthaar wogt hin und her. „Das Bizarrste an meinem Kostüm ist diese Perücke”, meint er. „Daran muss ich mich wirklich noch gewöhnen.”

Ansonsten bewegt er sich durchs Eurogress, als ob er hier zu Hause wäre: nicht laut, nicht übertrieben jeck, aber fröhlich beobachtend und genießend. Dass sein Kostüm eigentlich eine Überraschung für die Übertragung bleiben sollte: unwichtig, wenn ein paar nette Aachener ihn an der Garderobe abfangen und bis in den Saal hinein in ein Gespräch verwickeln, sodass der „Bremer Roland” plötzlich doch in vollem Ornat schon bei der Generalprobe auftaucht. Nur eins passt Henning Scherf überhaupt nicht: „Mir fehlen hier vor der Bühne ganz einfach noch Menschen!”

Perücke zum Lachen

Zumindest ein paar erleichtern ihm dann doch noch den Aufenthalt. Zunächst einmal Wendelin Wiedeking, Vorjahresritter und Laudator, der in Anbetracht von Scherfs Perücke in Lachen ausbricht. Dann Jürgen Linden, des Ritters bürgerlicher Amtskollege und bei der Ordenssitzung jener Mensch, der das Nordlicht als neuen Bewohner der Ritter-WG vorschlägt. Doch zumindest Lindens Aufenthalt bei der Probe ist nur von kurzer Dauer: „Ich geh jetzt noch richtig Karneval feiern, bei den Mäddchere in Richterich”, verabschiedet sich der Öcher.

Während sich das heimische Stadtoberhaupt ins bunte Treiben stürzt, bekommt Henning Scherf zumindest einen farbenfrohen Vorgeschmack auf das samstägliche Spektakel.

Nicht nur die vielen kostümierten Kinder setzen nämlich entsprechende Akzente, sondern auch die „Mitbewohner” der Ritter-WG. Da sich Henning Scherf schon seit den 60er Jahren bevorzugt in dieser Haushaltsform aufhält, überraschen auch AKV-Elferrat und Tänzerinnen überwiegend im Flower-Power-Stil.

Nur die Frage nach dem Besitzer der bunten Unterwäsche auf der Gemeinschaftsleine ist noch unbeantwortet, als Ritter Henning - inzwischen von der Politik-Pressekonferenz zurückgekehrt - im schwarzen Anzug auf einer Sackkarre zum Narrenkäfig gefahren wird. Heute Abend wird er sich zumindest in diesem Moment ähnlich steif halten - dabei allerdings wieder als Bremer Roland verkleidet sein...