Kreis Heinsberg/Kunduz: Ein Leben zwischen Aufbau und Krieg

Kreis Heinsberg/Kunduz: Ein Leben zwischen Aufbau und Krieg

Gerade einmal 30 Kilometer trennt sie in der Heimat: Norbert Sabrautzki wohnt in Übach-Palenberg, René Schüren in Wassenberg. Kennengelernt haben sich die beiden Bundeswehroffiziere im über 5000 Kilometer entfernten Kunduz im Rahmen der Afghanistanmission der Bundeswehr.

Das Heeresamt hatte den Kommandeurdienstposten im deutschen Wiederaufbauteam (Provincial Reconstruction Team, kurz: PRT) im nordafghanischen Kunduz zu besetzen. Und das Panzerbataillon 203 in Augustdorf war als so genannter Leitverband verantwortlich für die Aufstellung, Ausbildung und Besetzung des Stabes und der unterstützenden Einheiten im PRT Kunduz.

So lernten sich der Oberst aus Übach-Palenberg und der Oberstleutnant aus Wassenberg schon beim vorbereitenden Training in Deutschland kennen und bilden jetzt für sechs Monate die militärische Führungsspitze im PRT: Oberst Sabrautzki ist Kommandeur und Oberstleutnant Schüren Chef des Stabes und sein militärischer Stellvertreter. Und nicht nur die beiden Offiziere arbeiten und leben im wahrsten Sinne des Wortes seit März hautnah 24 Stunden sieben Tage die Woche im Feldlager Kunduz zusammen.

Vielfältiges Aufgabenfeld

Das PRT soll in den Provinzen Kunduz und Takhar die afghanische Regierung beim Wiederaufbau in drei umfangreichen Feldern unterstützen: Regierungs- und Verwaltungsarbeit, zivile Entwicklung und Sicherheitsstrukturen - vorrangig Polizei. Häufig ist es, nach fast 30 Jahren Krieg und Bürgerkrieg in Afghanistan, nach wie vor mehr ein Neu- als ein Wiederaufbau.

Die beiden Offiziere aus dem westlichsten Landkreis Deutschlands mit ihren rund 450 deutschen, armenischen und belgischen Soldaten stellen dabei den militärischen Eckpfeiler. Neben Kommandeur Sabrautzki trägt mit Herrmann Nicolai ein gleichrangiger ziviler Leiter des Auswärtigen Amtes zur ausgewogenen Statik und Balance des PRT-Hauses bei. Die Aufgaben vor Ort sind vielfältig: Schulen, Brücken, Straßen, Elektrizität, Trinkwasser, Ambulanzstationen, Polizeiausbildung, Landwirtschaft und Handel, gute Regierungsführung, Reintegration von Aussteigern aus der radikalen Talibanszene - all das kann nur in einem sicheren, stabilen Umfeld entstehen und nachhaltig wachsen. Schnelle PRT-Hilfsprojekte zur Selbsthilfe als Zeichen für aktive oder stillschweigende Unterstützung im Kampf gegen Bombenleger und Kriminelle helfen, den militärischen Erfolg von Operationen zu festigen.

Alles das planen und koordinieren der Übach-Palenberger Oberst und sein Wassenberger Stellvertreter zusammen mit den zivilen Vertretern. „Das PRT Kunduz selbst hat wenig Truppe. Wir wirken durch Gespräche und Kontakte mit den afghanischen Regierungsvertretern und Meinungsführern - den Gouverneuren, den Polizei- und Geheimdienstchefs, den Mullahs, den Dorfältesten und Weißbärten. Das ist mühsam, kostet sehr viel Zeit, und ich muss dabei ziemlich viele Tassen afghanischen Tee trinken und das traditionelle Reisgericht essen. Entscheidend ist, dass wir helfen, die Arbeit der verschiedenen militärischen und zivilen Akteure in unseren beiden Provinzen zu harmonisieren und zu einem synergetischen Ganzen zu bündeln. Dazu bedarf es eines engen Schulterschlusses mit unseren amerikanischen, belgischen und niederländischen Kameraden und Freunden. Dass da nichts vergessen wird und alles zeitlich und räumlich passt, dafür sorgt der Chef des Stabes”, erzählt Oberst Sabrautzki.

Die morgendliche zivil-militärische Lagebesprechung im so genannten Achteck wird stets zu einem bunten Strauß aus Frauen und Männern. Alle leben seit mindestens sechs Monaten gemeinsam im Feldlager, nehmen gemeinsam die Entbehrungen des Lagerlebens auf sich. Alle sitzen im gleichen Boot, schauen sich betreten an, wenn - wie häufig in den letzten Wochen - der Nachrichtenoffizier einen Bombenanschlag gegen die afghanischen Sicherheitspartner oder gar gegen die eigene Truppe meldet. Mit Herrmann Nicolai und Oberstleutnant Schüren spricht Sabrautzki oft über das Auf und Ab der täglichen „afghanischen” Erlebnisse: Hochrangige afghanische Gesprächspartner, die sich mit Geld ihre Position erkauft haben, aber kaum lesen und schreiben können; Polizeioffiziere, die mit mehreren Handys ihre inoffiziellen Netzwerke bedienen; eine von korrupten Mitarbeitern, die die Hand aufhalten, durchsetzte Provinzverwaltung. Aber auch über die vielen kleinen, erfolgreichen Schritte in Richtung einer für afghanische Verhältnisse sicheren, stabilen, soliden und nachhaltigen Regierungsführung.

Bis Ende September werden die Familien von Oberst Norbert Sabrautzki und Oberstleutnant René Schüren noch auf Ihre Männer verzichten müssen. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat werden die beiden durch Afghanistan zufällig zusammengeführten Offiziere viel zu erzählen haben: Von eigenen lebensbedrohlichen Situationen und dem Anblick von Verwundung und Tod gefallener Kameraden und afghanischen Zivilisten. Aber auch von einer beeindruckenden Kameradschaft innerhalb der Truppe, von dem realen Erleben der politisch viel beschworenen vernetzten Sicherheit mit allen zivilen und internationalen Partnern und der gemeinsamen Erfahrung und Gewissheit, etwas Sinnvolles für die afghanischen Menschen in Kunduz und Takhar getan zu haben.

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