Ranga Yogeshwar über Künstliche Intelligenz: „Wir brauchen einen reflektierten Fortschritt“

Ranga Yogeshwar über Künstliche Intelligenz : „Wir brauchen einen reflektierten Fortschritt“

Selbstfahrende Autos, allerlei elektronische Helferlein im Haushalt oder Medizinroboter, die blitzschnell eine Diagnose treffen können: Künstliche Intelligenz ist das Thema der Zukunft. In seiner Dokumentation „Der große Umbruch“, die am 8. April im Ersten läuft, zeigt Ranga Yogeshwar, was sich auf diesem Gebiet derzeit tut.

Der Moderator und Wissenschaftsjournalist hat sich in China, Europa und den USA umgesehen und mit weltweit führenden Experten über KI gesprochen. Mit Yogeshwar sprach unser Mitarbeiter Martin Weber.

Herr Yogeshwar, in Ihrer neuen Dokumentation beschäftigen Sie sich mit Künstlicher Intelligenz, wie sie etwa zunehmend in Autos eingebaut wird. Wann werden wir uns von Autos durch die Gegend kutschieren lassen, die keinen Fahrer brauchen?

Ranga Yogeshwar: Davon sind wir noch sehr weit weg. Es gibt zwar heute schon Fahrzeuge, die dank spezieller Sensoren zum Beispiel überblicken können, welche Hindernisse vor ihnen sind. Aber für autonomes Fahren reicht das bei Weitem nicht aus. So differenziert, wie ein Mensch ein Auto steuert, kann das eine Maschine noch lange nicht. Konkretes Beispiel: In einer Wohnsiedlung rollt ein Ball auf die Straße und Sie wissen als Autofahrer sofort: Geh auf die Bremse, denn nach dem Ball kommt meistens ein Kind. Genau dieses komplexe Wissen müssen Sie aber einem vollautonomen Auto vermitteln, und genau das klappt noch nicht.

Also ist es doch nicht so weit her mit der Künstlichen Intelligenz?

Yogeshwar: Sagen wir mal so, KI funktioniert auf einer rein abstrakten Ebene großartig, sie ist zum Beispiel in der Lage, jeden Schachspieler zu besiegen, weil Schach ein sehr abstraktes Spiel nach festen Regeln ist. Wenn Sie aber dem KI-Roboter sagen, räume meinen Esstisch ab, wird er daran scheitern. KI vermag eine ganze Menge, aber da ist noch viel Luft nach oben.

Wo gibt es die größten Fortschritte?

„Künstliche Intelligenz vermag eine ganze Menge, aber da ist noch viel Luft nach oben“, sagte der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogesh­war. Foto: dpa/Britta Pedersen

Yogeshwar: Überall dort, wo es um Tätigkeiten geht, die sich wiederholen und die etwas mit Zuordnung zu tun haben. Also zum Beispiel im Bereich der Logistik, wo Teile zusammengesucht werden müssen, die der Roboter erkennt. Oder im Bereich der Übersetzung von Texten, also der Zuordnung von einer Sprache zu einer anderen – das funktioniert mit KI schon recht gut.

Was ist mit medizinischen Anwendungen?

Yogeshwar: Auch dort hat KI große Fortschritte gemacht. Also zum Beispiel bei der Diagnostik, wo KI Röntgenbilder, den Zustand der Haut oder eines Auges blitzschnell zutreffend analysieren kann. Da gehen atemberaubende Entwicklungen vor sich, in den nächsten Jahren wird eine ganze Menge passieren.

Aber wie ein Mensch im Innersten tickt ist für KI dann doch zu hoch?

Yogeshwar: Genau, wenn es darum geht, warum ein Mensch so und nicht anders handelt, wenn es also um tiefere menschliche Entscheidungsfähigkeiten geht, versagt Künstliche Intelligenz – und daran wird sich in absehbarer Zeit auch nichts ändern.

Sehen Sie die Künstliche Intelligenz und den digitalen Fortschritt eher als Chance oder als Gefahr?

Yogeshwar: Eindeutig als Chance. Wir müssen dabei nur ein paar Dinge beachten, denke ich: Es gibt Bereiche, in denen ich keine KI haben will. Das gilt zum Beispiel für autonome Waffen, die selbständig ihr Opfer auswählen und töten. Man muss aber auch bei den Dingen aufpassen, die jetzt schon möglich sind: Zum Beispiel mit einer nahezu perfekten Bilderkennung Menschen zu kategorisieren und letztendlich zu kontrollieren. Das führt dann schnell zu einer Gesellschaft, die ich nicht haben will. Das Problem bei dem Ganzen: Die digitale Entwicklung vollzieht sich zurzeit dermaßen rasant, dass wir mit unseren Diskussionen über Nutzen und Gefahren kaum hinterherkommen. Wir müssen es hinbekommen, den technischen Fortschritt und die ethischen Fragestellungen noch besser miteinander zu verbinden.

Es geht darum, Regeln festzulegen?

Yogeshwar: So ist es, wir müssen bei digitalen Anwendungen etwa klären, wer die erhobenen Daten nutzen darf – und wer nicht.

Firmen wie Google oder Facebook sitzen heute schon auf gewaltigen Mengen von Daten über Milliarden Menschen.

Yogeshwar: Und der aktivste Lobbyist bei der EU in Brüssel ist Google, das sollte uns zu denken geben. Auf der anderen Seite wird die digitale Entwicklung von einem Land wie China enorm forciert, und ich sehe hier gewisse Parallelen. Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir wollen, dass unsere Zukunft von großen digitalen Konzernen und von nicht ganz demokratischen Systemen wie China bestimmt wird. Wobei ich wirklich kein China-Bashing betreiben will – da läuft vieles auch ganz toll.

Was denn zum Beispiel?

Yogeshwar: In der Verwaltung der Megacity Shenzhen etwa, wo wir für unsere Dokumentation gedreht haben, wird im großen Stil KI eingesetzt, was die Planung enorm erleichtert. Das ist für die mehr als zwölf Millionen Einwohner von Vorteil. Es ist aber gleichzeitig natürlich hochproblematisch, wenn eine Verwaltung wirklich alles von jedem einzelnen Einwohner weiß.

Sind Sie mit Blick auf unsere Zukunft mit immer mehr KI skeptisch oder freuen Sie sich darauf?

Yogeshwar: Ich bin von Hause aus Optimist, deshalb schaue ich ganz hoffnungsvoll nach vorne. Wir brauchen aber einen reflektierten Fortschritt und müssen begreifen, wie wichtig es ist, das Ganze auch gesellschaftlich stabil zu gestalten. Wenn wir das hinbekommen, ist mir nicht bange.

Sie werden 60 Jahre alt, wirken aber noch recht jugendlich…

Yogeshwar: Das habe ich in Shenzhen sogar von einer KI-Maschine bestätigt bekommen, die eine Gesichtserkennung durchgeführt hat. Da wurde ich tatsächlich als „jugendlich“ kategorisiert. Ich kann dazu nur sagen: Ich liebe die chinesische Bilderkennung (lacht).

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