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Bonn: Wenn Google überflüssig wird: Visionen für das Web 3.0

Bonn : Wenn Google überflüssig wird: Visionen für das Web 3.0

Wie nennt man Wörter, die sowohl von vorne als auch von hinten gelesen gleich sind - also zum Beispiel „Anna” oder „Rentner”? Das sind sogenannte Palindrome. Wer auf Fragen wie diese keine Antwort weiß, sucht bei Google.

Die bekannteste aller Suchmaschinen ist für die meisten Menschen schlichtweg unverzichtbar geworden. Gleiches gilt für die Möglichkeit, selber beeinflussen zu können, was es im Internet zu lesen gibt.

Web 2.0 lautet hier das Stichwort: Jeder kann mitmachen und Inhalte generieren, wie zum Beispiel bei Wikipedia. In dem Online-Lexikon findet man inzwischen auf so ziemlich jede Frage eine Antwort, da die Internetcommunity äußerst fleißig ist. Das deutsche Wikipedia besteht aus mehr als 600.000 Artikeln, die von jedem Nutzer immer wieder verändert und weiterentwickelt werden können. Einen Eintrag über Palindrome gibt es selbstverständlich auch. Und wie so häufig taucht der entsprechende Link in der Suchergebnisliste von Google sehr weit oben auf.

Aber man stelle sich einmal vor, Verbraucher könnten einfach ihrem Handy eine Frage stellen und es würde sofort antworten. Soll heißen: Das Handy würde eine gesprochene Frage sofort verstehen und wie ein persönlicher Assistent die richtige Antwort verbalisieren. Solche Visionen einer Antwortmaschine geistern seit einiger Zeit unter dem Schlagwort Web 3.0 beziehungsweise Semantic Web durch das Internet.

Einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet ist Professor Wolfgang Wahlster, Inhaber des Lehrstuhls für Künstliche Intelligenz an der Universität des Saarlandes. „Wir wollen die Sprache der Computer an die Sprache der Menschen anpassen”, sagt Wahlster. Natürlich wird es nicht so sein, dass die Maschinen irgendwann ihren eigenen Willen entwickeln und die Weltherrschaft an sich reißen. Und es ist auch unwahrscheinlich, dass ich mit meinem Computer über die Fußballergebnisse diskutiere und er mir irgendwann gesteht, dass er eigentlich Bayernfan ist.

Vielmehr geht es um die Semantik, also den Sinn und die Bedeutung von Inhalten, die über das World Wide Web transportiert werden. „Das Web 2.0 ist ein primär syntaktisches Web mit Layout-, aber ohne Bedeutungsannotationen”, sagt Wahlster. Das führe zu einer Informations- beziehungsweise Linküberflutung, da beispielsweise Textdokumente letztlich auf eine sinnfreie Kombination aus Buchstaben reduziert werden, Fotos und Videos sind nur Ansammlungen von verschiedenfarbigen Pixeln. Die semantische Wende aber führe zu einem hochpräzisen Antwortverhalten in einem Web, das Sinnzusammenhänge in den Mittelpunkt stellt.

Wenn es also gelingt, die Semantik von Texten, Bildern, Gesten und künstlerischen Darbietungen durch standardisierte Begriffe so zu formalisieren, dass die so gewonnenen Daten maschinenlesbar sind, dann könnte die Vision der Antwortmaschine Realität werden. Eine Suchmaschine wie Google wäre dann überflüssig.

Der Nutzer stellt stattdessen einfach seinem Handy eine Frage und es antwortet, anstatt eine Liste von unzähligen Suchergebnissen anzubieten.

Das Web 2.0 hingegen würde auch weiterhin einen Nutzen haben, da es inzwischen eine enorme soziale Dynamik entfaltet habe und eine beeindruckende Wissensinfrastruktur biete, sagt Wahlster. „In der nächsten Dekade kann ein Web 3.0 entstehen, das die Vorteile des semantischen Webs und des Web 2.0 verknüpft und deren Nachteile überwindet.”

Die Vision geht dann allerdings weit über die Entwicklung einer Antwortmaschine hinaus. „Gegenstände des alltäglichen Lebens werden online vernetzt zu einem Internet der Dinge - vom Mobiltelefon zum Fotoapparat, vom Auto bis zum Einkaufswagen. Maschinen werden maschinelle Intelligenz haben, werden so in die Lage versetzt, den Menschen optimal zu unterstützen, wenn der Mensch das will.” Also Handy, ich will jetzt einen Kaffee! Hmm, nichts passiert. Schade.