Hamburg: Umstellung hat begonnen: Der neue Internet-Standard IPv6

Hamburg: Umstellung hat begonnen: Der neue Internet-Standard IPv6

Es wird eng im Internet. Das Netz wächst so schnell, dass möglicherweise bereits im Herbst alle Adressen aufgebraucht sind. Mit dem neuen Internetstandard IPv6 sollen nun neue IP-Adressen gewonnen werden.

Bei einem Probelauf am 8. Juni haben große Unternehmen wie Google oder Facebook die Alltagstauglichkeit des neuen Standards getestet.

Der aktuelle Standard IPv4 ist über 30 Jahre alt und stößt an seine Grenzen. Mehr als gut vier Milliarden Internetadressen sind damit nicht möglich. „Die Zahl von rund vier Milliarden Adressen schien damals okay”, sagt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik (HPI) und Vorsitzender des deutschen IPv6-Rats.

Die Informatiker Vinton Cerf und Robert Kahn hatten mit ihrem Protokoll die Grundlagen für das Netz geschaffen. Es beschrieb, wie Daten in Pakete gepackt und verschickt werden. Sie gaben den Computern Adressen, damit die Pakete ihren Adressaten finden. Dabei entschieden sie sich für eine 16-Bit-Codierung. Damit waren 2 hoch 16 Adressen verfügbar. Zu wenig: „Das heutige Internet ähnelt einem Parkplatz, der zu klein geworden ist”, beschreibt es Robert Kahn.

Mit IPv6 entsteht nun ein riesiges neues Parkhaus. Es arbeitet mit einer 128-Bit Codierung und stellt 340 Sextrillionen IP-Adressen bereit. „Das ist eine Zahl mit 39 Stellen. Mit diesem Volumen könnten umgerechnet für jeden einzelnen Quadratmillimeter Erdoberfläche rund 667 Billiarden IP-Adressen vergeben werden - ein praktisch unerschöpfliches Potenzial”, teilt das HPI mit.

Auch für den Verbraucher hat das neue Protokoll indirekt Auswirkungen. Das Internet könne vor allem weiter wachsen, sagt Meinel. Eine Vielzahl neuer Geräten könne eigene Internetadressen erhalten und nicht mehr nur Computer. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Internet der Dinge. „Ein Beispiel ist die Fahrzeugkommunikation.”

Kommunikation zwischen Autos

„Es hört sich wie Science-Fiction an, wird aber schon bald Realität sein, dass Autos untereinander kommunizieren und sich gegenseitig über Staus informieren”, sagt Meinel. Voraussetzung ist eine Internetverbindung. Auch mit stationären Einrichtungen am Straßenrand, beispielsweise Ampeln, könnten Autos dann kommunizieren. „Wenn weit und breit kein anderes Fahrzeug kommt, kann die Ampel sofort auf Grün umschalten”, sagt Meinel.

Laut dem Experten ist vor allem der Bereich Haustechnik „hungrig” nach Internetadressen. Waschmaschinen, Kameras und Unterhaltungselektronik können übers Netz gesteuert werden, wenn jedes Gerät eine Internetadresse hat. „Dann kann man im Urlaub die Jalousien zu Hause hoch- und runterfahren”, sagt Meinel.

Als weitere Dienste seien Hundehalsbänder denkbar, die dem Besitzer melden, ob das Tier Gassi gehen muss, oder Golfbälle, die ihrem Spieler online den Landepunkt anzeigen. Vorstellbar seien auch internetfähige Skihelme, die im Getümmel der Skipiste signalisieren, wo Familie oder Freunde zu finden sind.

Verbesserte Übertragungstechnik

„Vorteil bei allen diesen Anwendungen ist, dass die Infrastruktur durch das Internet schon geschaffen und kostengünstig verfügbar ist”, sagt der Experte. Ein anderer Pluspunkt des neuen Standards seien die verbesserten Übertragungsqualitäten. „Man hat dabei die Erfahrungen mit IPv4 umgesetzt. Am Anfang konnte man sich nämlich nicht vorstellen, dass das Internet auch einmal für Realtimekommunikation genutzt würde.”

Schließlich seien Verzögerungen um Millisekunden beim Verschicken von E-Mail oder Dateien nicht störend. „Musik fängt dann aber an zu jammern und ein Film ruckelt”, sagt Meinel. IPv6 biete in diesem Bereich Verbesserungen. Zudem gehe mit dem neuen Standard auch ein höheres Sicherheitsniveau durch bessere Verschlüsselungsmöglichkeiten einher.