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Selbst kuratieren: Das Ende von Viva

Digitalkolumne : Selbst kuratieren: Das Ende von Viva

Den Großteil meiner Schulzeit habe ich ohne Youtube verbracht. Wenn man wissen wollte, warum es um das „Dirrty“-Video von Christina Aguilera so viel Wirbel gab oder wie Destiny’s Child „Survivor“ darstellerisch umsetzten, musste man nachmittags den Fernseher einschalten und hoffen, dass die Clips liefen, die man sehen wollte.

Den On-Demand-Gedanken setzte Vivas Zweitsender Viva Plus erst 2005 mit der Sendung „Get the Clip“ um. Per Sms konnte man abstimmen, was als nächstes laufen sollte. Ein Konzept, dass sich mit dem Start von Youtube schon im gleichen Jahr erübrigte.

Plötzlich waren sämtliche Musikfilmchen jederzeit verfügbar. Seitdem kann ich mich an keine Party erinnern, auf der nicht früher oder später die sorgsam in studenlanger Vorarbeit zurechtgelegte Playliste – egal ob Prä- oder Post-Spotify-Ära – durch das Abspielen von Youtube-Videos ersetzt wurde. Mit dem eigenen Repertoire von guten Songs und lustigen Videos kann man dem Date, dem Freundeskreis, den Partygästen demonstrieren, wie popkulturell bewandert man doch ist.

Streaming-Dienste haben zwar als praktikablere Möglichkeit, im Alltag Musik zur hören, längst überhandgenommen. Wendet man keine Tricks an, unterbricht Youtube schließlich noch immer die Musik, wenn man die Anwendung minimiert. Als Unterhaltungsprogramm ist das Musikvideo aber auch kurz vor der Einstellung von Viva noch hoch im Kurs.

Wer unter Jugendlichen gerade besonders angesagt ist, lässt sich längst nicht mehr an (analogen oder digitalen) Album- und Songkäufen ablesen, sondern an Klicks auf Plattformen wie Facebook, Dailymotion, Instagram, Vimeo oder Vevo. Ariane Grandes „thank u, next“ beispielsweise hat innerhalb von sechs Tagen bereits 133 Millionen Klicks erreicht.

Gemeinsam mit dem Ende von Musikzeitschriften wie Intro fehlt aber eines schmerzlich: Sendungen, die sich um Spartenmusik kümmern. Mtv oder Viva einschalten und sich von Charlotte Roche, Markus Kavka und Sarah Kuttner erzählen lassen, was guter Geschmack ist, ist nicht mehr.