Mainz: Podcast: Eine alte Idee von Bertolt Brecht verwirklicht

Mainz : Podcast: Eine alte Idee von Bertolt Brecht verwirklicht

„Hallo, ihr Lieben”, begrüßt Annik Rubens die Hörer am Anfang ihres Podcasts „Schlaflos in München”. Danach plaudert sie eine knappe Stunde aus ihrem Leben, springt dabei von Thema zu Thema. Um kaubare Einwegzahnbürsten geht es, um überflüssige Bücher und um einen neuen Biergarten am Hauptbahnhof. Wenn sie Urlaub in Hongkong macht, erzählt sie ihren Hörern auch davon.

Und das sind gar nicht so wenige: Mit etwa 10.000 Hörern macht sie den erfolgreichsten Podcast Deutschlands. Podcasts, eine Art Radiosendung, die jeder interessierte Laie zu Hause am Computer aufnehmen und übers Internet verbreiten kann, gehören zu den angesagtesten Trends des Web 2.0. Dieser Begriff fasst die interaktiven Angebote zusammen, die seit einigen Jahren das Internet dadurch verändern, dass der Nutzer selbst eigene Inhalte an die Öffentlichkeit bringen kann.

Hinter dem Pseudonym Annik Rubens steckt die 30-jährige Münchnerin Larissa Vassilian. Vor etwas über zwei Jahren entdeckte sie das Medium Podcast zufällig beim Surfen im Internet. „Ich war schon immer technikbegeistert und wollte einfach mal selbst ausprobieren, wie sowas denn geht”, erinnert sich Vassilian. Morgens um vier Uhr stellte sie ihren ersten eigenen Podcast ins Internet. Einige Stunden später bekam sie schon die ersten Kommentare von Hörern.

So schnelle Reaktionen war die damalige Zeitschriftenjournalistin nicht gewohnt. Aber es gefiel ihr. Interaktion ist für sie auch heute noch das Wichtigste bei ihrem Podcast: „Das soll nicht nur meine Sendung sein, sondern auch die der Hörer”, betont sie. „Alleine rumtüfteln macht doch keinen Spaß.” Deshalb freut sie sich, wenn ihr Hörer Reisefotos von der Chinesischen Mauer schicken oder Audio-Kommentare, die sie in ihre Sendung einbaut.

So neu das Medium Podcast auch ist, eigentlich setzt es nur eine Idee um, die der Schriftsteller Bertolt Brecht schon in den 20er- und 30er-Jahren hatte. In seinen als Radiotheorie bekannt gewordenen Texten forderte er, das Radio müsse sich in einen echten „Kommunikationsapparat” verwandeln. Brecht wollte das Radio demokratisieren: Jeder Hörer sollte in die Lage versetzt werden, auch zu senden. Die Hörer sollten sich so untereinander über ihre Interessen austauschen können.

Erste Versuche, den starren Gegensatz zwischen Sender und Hörer aufzubrechen, gab es aber erst mehr als fünfzig Jahre später. Seit den 80er Jahren kamen in vielen Bundesländern offene Kanäle oder Bürgerfunkprogramme auf. Hier konnte jeder Bürger seine eigenen Beiträge oder ganze Sendungen produzieren, die dann eine meist lokale Öffentlichkeit erreichten. Aber dabei gab es immer noch einige Hindernisse: Bevor der Laie auf Sendung gehen konnte, musste er erst mit den Betreibern Kontakt aufnehmen und sich mit der komplizierten Hörfunktechnik vertraut machen - für viele eine zu große Hürde.

Erst der rasante Fortschritt der Computertechnik ermöglichte es, dass jeder, der Zugang zu einem Rechner hat, ohne größeren Aufwand zum Medienproduzenten werden kann. Der Name für die Audiodateien ist eine Wortschöpfung aus dem englischen Begriff „broadcast” für Sendung und dem Namen des MP3-Spielers der Firma Apple, dem „iPod”. Ein Podcast-Macher braucht einen Computer, ein Mikrofon und einen schnellen Internetzugang. Und schon kann er sich an eine potenziell weltweite Öffentlichkeit wenden.

Einer der Pioniere ist Adam Curry, ehemaliger Moderator des Musiksenders MTV. Er schrieb 2004 ein kleines Computerprogramm, das ermöglichte, MP3-Dateien im Internet zu erkennen und herunterzuladen. Seit 2005 boomen Podcasts auch in Deutschland. Inzwischen gibt es eine unüberschaubare Vielfalt von deutschsprachigen Angeboten. Und täglich kommen neue hinzu. Der Reiz am Podcasten: Der eigenen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. So reichen die Themen von persönlichen Alltagsbeobachtungen über Hobbys wie Kino oder Computer bis zu Musik und Politik.

„In meinem Podcast kann ich vieles machen, wofür mir als Journalistin der Freiraum fehlte”, sagt auch Larissa Vassilian, „ich muss dabei nicht streng objektiv bleiben.” Vassilian hat inzwischen ihr Hobby zum Beruf gemacht. Dank bezahlter Auftragsproduktionen für Radiosender und Verlage kann sie mittlerweile vom Podcasten leben. Für die meisten anderen ist es nur ein Hobby, eine Möglichkeit, sich selbst der Welt mitzuteilen - egal, ob tausend Leute zuhören oder nur fünfzig. Brechts Traum vom Radio als Kommunikationsapparat sind sie damit schon ein gutes Stück näher gekommen.

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