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Berlin: PC-Abhängigkeit hinterlässt Spuren im Gehirn wie Drogen oder Alkohol

Berlin : PC-Abhängigkeit hinterlässt Spuren im Gehirn wie Drogen oder Alkohol

Es gibt kein „Hallo”, keinen kurzen Blick zwischen der Mutter und ihrem Sohn. Er verschwindet in seinem Zimmer, schließt die Tür, fährt den PC hoch. Spielen und abschalten, denkt er. Sie hadert mit sich. Hineingehen und reden - oder schweigen und gewähren lassen? Ist ihr Sohn süchtig, oder spielt er einfach nur gern?

Eine Frage, die viele Angehörige plagt. Einfache Antworten können auch Wissenschaftler nicht geben. Denn nicht alleine die Dauer des PC-Spielens oder Chattens entscheidet über eine Abhängigkeit. Erst wenn der Computer täglich dafür herhalten muss, dem Ärger Luft zu machen und Stress zu verarbeiten, besteht eine Sucht. Den Betroffenen peinigt ein unstillbares Verlangen nach dem PC.

„Kinder interessieren sich zum Beispiel überhaupt nicht mehr fürs Essen. Der Computer fesselt so sehr, dass er nicht mehr ausgeschaltet werden kann. Sie reagieren dann eher aggressiv, wenn man sie vom Rechner trennen will”, beschreibt Sabine Grüsser-Sinopoli von der Interdisziplinären Suchtforschungsgruppe der Charité in Berlin typische Alltagssituationen.

„Man muss schon genau hinschauen und darf nicht pauschal alles als Sucht abstempeln”, hebt sie jedoch hervor. In einer Untersuchung stellte ihr Team fest, dass in einer Klinik für mediensüchtige Jugendliche im mecklenburgischen Boltenhagen nur jeder fünfte wirklich PC-abhängig war. Viele der Jugendlichen waren offenbar vorschnell eingewiesen worden.

Umgekehrt wagten die Experten bei einer exzessiven PC-Nutzung lange Zeit nicht, von einer Sucht zu sprechen, weil sie den übermäßigen Gebrauch des Computers nicht mit dem Missbrauch von Drogen gleichsetzen wollten. Jüngste Erkenntnisse legen jedoch frappierende Parallelen offen.

„Auch beim PC-Missbrauch entsteht ein Suchtgedächtnis im Gehirn. Die zugrundeliegenden Lernmechanismen sind vergleichbar mit anderen Drogen”, betont Grüsser-Sinopoli. Diesen Befund wird sie demnächst im Fachmagazin „Behavioral Neuroscience” vorstellen. Für die Medizinpsychologin erhärtet sich damit ein Verdacht, den sie bereits seit einiger Zeit hegt.

2005 hatte sie erstmals beim Messen der Gehirnströme von Computerspielabhängigen ähnliche Muster gefunden wie bei Alkoholikern. „Die exzessiven Computerspieler waren viel erregter als andere PC-Nutzer”, sagt Grüsser. Das PC-Spiel verschaffe den Abhängigen einen Kick und unterdrücke unangenehme Gefühle genauso wie das Bier beim Alkoholiker. Das Belohnungssystem im Gehirn wird aktiviert, die berauschende Erfahrung im Suchtgedächtnis gespeichert. „Das Hirn lernt, dass der Computer das Einzige ist, was wirklich Spaß macht”, sagt Grüsser.

Die Abhängigkeit von technischen Geräten ist dabei keineswegs ein rein akademisches Problem. Internetsüchtige, exzessive Spieler und Chatwütige tauchen in allen Gesellschaftsschichten und Altersklassen auf. Bei einer Internetumfrage unter 7000 Computerspielnutzern stufte Grüssers Team zehn Prozent als süchtig ein.

Der soziale Druck, den PC regelmäßig zu nutzen, ist unter Jugendlichen besonders groß. Die Erlebnisse im Chat und in Computerspielen sind für sie ein wichtiger Gesprächsstoff. Wer nicht mitreden kann, ist out. Bei einer Untersuchung von etwa 350 Fünft- und Sechstklässlern an Berliner Schulen zeigten zehn Prozent einen krankhaft exzessiven PC-Gebrauch. Bei drei Prozent wurde eine Sucht festgestellt.

„Das ist eine ganze Menge”, findet Grüsser. „Es ist anzunehmen, dass die Zahlen steigen, da es immer mehr perfekt auf die Bedürfnisse zugeschnittene Internet- und Spielangebote gibt.” Je verlockender die virtuelle Welt, desto größer ist die Gefahr, sich der realen gänzlich zu entziehen. Wer in einer heruntergekommenen Wohnung haust, kann sich in einem Online-Spiel wie „Second Life” spielend leicht ein virtuelles, luxuriöses Zuhause erschaffen und dort sogar reich werden.

Der Nutzer schlüpft in eine Rolle, in der er anerkannt und belohnt wird. Eine Rolle, in der Emotionen zugleich ungehemmt ausgelebt werden können. „Wenn sich das verselbstständigt, übernimmt die Sucht das Kommando über das Leben”, erklärt Knut Kiepe vom Gesamtverband für Suchtkrankenhilfe im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland. Eine Abhängigkeit kann sich allerdings nur dann entwickeln, wenn schon vorher Störungen in der Persönlichkeit vorhanden sind. Wer Emotionen nicht offen aussprechen kann und zum Rückzug neigt, ist besonders gefährdet.

Die soziale Isolation wird durch den übermäßigen PC-Gebrauch dann noch verstärkt: „Frust auszuhalten und zwischenmenschliche Konflikte zu lösen, diese Fähigkeiten bleiben definitiv auf der Strecke”, erläutert Kiepe. PC-Süchtige verarmen kommunikativ. Hobbys und Freunde spielen in ihrem Leben kaum noch eine Rolle.

Dies bestätigt Grüssers Studie an Berliner Schulen: Die exzessiven Computerspieler redeten deutlich weniger als ihre Mitschüler, schliefen weniger und hatten häufiger Konzentrationsprobleme. Trotz dieser Gefahren ist für Kiepe und Grüsser klar, dass es nicht darum geht, Abstinenz zu verordnen. „Die modernen Medien sind Teil unserer Welt. Die Menschen müssen einen kompetenten Umgang mit diesen erlernen.”