Aachen: Nokia Lumia 710 im Test

Aachen: Nokia Lumia 710 im Test

Nokia bewirbt das Lumia 710 als günstigere Alternative zum (Noch-)Flaggschiff Lumia 800. Lohnt sich das Sparen?

Als Nokia im Frühjahr vergangenen Jahres bekannt gab, die brennende Plattform Symbian zu verlassen und sein Heil im Smartphone-Markt auf Windows Phone zu setzen, galt es keine Zeit zu versäumen und schnell neue Produkte zu entwickeln. Tatsächlich brachte Nokia bereits im November 2011 seine ersten zwei Geräte mit Windows Phone als Betriebssystem auf den Markt - das zunächst für westliche Kernmärkte gedachte Flaggschiffmodell Lumia 800 und das für Schwellenländer vorgesehene Lumia 710. Mittlerweile ist das günstigere Schwestermodell auch hierzulande zu haben - Grund genug für die COMPUTERWOCHE, nach dem Lumia 800 auch das Lumia 710 etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Äußerlich betrachtet hat das Lumia 710 wenig mit seinem großen Bruder gemein: Anstelle der schicken, aus dem Vollen gefrästen Unibody-Polycarbonat-Hülle besitzt das Device nur ein klassisches Plastikgehäuse mit abnehmbarer Rückseite. Dieses stach beim Testgerät zudem durch enorme Spaltmaße und Knarzen bei Berührung negativ hervor. Wie ein Vergleich mit anderen Lumias zeigte, handelt es sich bei dem Testgerät aber um einen Einzelfall, wer weiß, durch wie viele Hände das Lumia 710 auf dem Weg in die CW-Redaktion schon gewandert war.

Immerhin: Dank des abnehmbaren Rückdeckels kann der Nutzer den Akku eigenständig auswechseln - im Vergleich dazu muss das Lumia 800 etwa bei einem Defekt eingeschickt werden. Außerdem verzichtete Nokia beim Lumia 710 auf den abenteuerlichen Verschlussmechanismus zum Einlegen der Micro-SIM-Karte - der übrigens auch beim Lumia 900 weggelassen wurde.

Weniger hübsch ist die Tatsache, dass das glänzende Kunststoffgehäuse des Lumia 710 Fingerabdrücke und Schmutz fast magisch anzieht. Da hilft es auch nur bedingt, dass Nokia als Zubehör für das in den Grundfarben Schwarz und Weiß verfügbare Gerät verschiedenfarbige Rückdeckel (Weiß, Schwarz, Cyan, Fuchsia und Gelb) anbietet - eine fett- und schmutzabweisende Oberfläche wäre sicher praktischer und ästhetischer.

Den Rotstift setzte Nokia auch beim Bildschirm an: Anstelle des im großen Bruder verbauten Super-AMOLED-Displays erhielt das Lumia 710 nur ein einfaches TFT-Modell. Dieses bietet natürlich nicht so leuchtende Farben, dank Clearblack-Technik lässt es sich aber immerhin auch bei Sonnenschein noch gut nutzen. Die Auflösung des 3,7-Zoll-Displays ist bei beiden gleich - sie beträgt wie bei allen Windows Phones 480 mal 800 Pixel.

Als weiterer offensichtlicher Unterschied zum Lumia 800 befindet sich beim Lumia 710 unterhalb des Bildschirms ein Navigationsbalken mit den Funktionen „Zurück”, „Windows” (Menü) und „Suche”. Zur einfacheren Bedienung leuchten die Symbole dabei bei Dunkelheit. Wer beim Tippen allerdings nicht genau zielt, löst mitunter zwei Ereignisse hintereinander aus. Als weitere Elemente befinden sich oben am Gerät der An/Aus-Schalter, die Kopfhörerbuchse und der microUSB-Slot, während von vorne betrachtet rechts an der Seite die Lautstärkenwippe und der Knopf für die Kamerafunktion sitzen.

Apropos Kamera: Hier nutzt Nokia ein einfaches 5-Megapixel-Modell statt dem 8-Megapixel-Objektiv von Carl Zeiss. Die Bildqualität ist bestenfalls Mittelmaß, problematisch ist insbesondere das Bildrauschen bei schlechten Lichtverhältnissen. Positiv hervorheben muss man indes den physischen Kamera-Auslöser an der Seite und die Funktion „Tip to Fokus” - der Nutzer kann den scharfzustellenden Bereich durch Antippen auf dem Display auswählen. Eine Frontkamera für Videotelefonate sucht man indes wie beim Lumia 800 vergeblich - während es inzwischen immerhin eine Beta-Version von Skype im Marketplace gibt.

Die übrige Hardware-Ausstattung ist schnell zusammengefasst: Wie von Microsoft als Standard festgelegt, arbeitet im Lumia 710 der Single-Core-Prozessor Qualcomm MSM8255 mit 1,4 GHZ Taktfrequenz. Diesem sind 512 MB Arbeitsspeicher zur Seite gestellt. Auch wenn dieser Wert insbesondere mit Blick auf die Android-Konkurrenz etwas niedrig erscheint - in der Praxis reicht das RAM völlig aus.

Schlechter ist es um den Speicher für Anwendungen, Bilder, Musik, Kartenmaterial und Videos bestellt: Hier stehen acht Gigabyte zur Verfügung, zieht man davon den Platz für Betriebssystem und vorinstallierte Apps ab, bleiben weniger als sechs Gigabyte übrig. Die Möglichkeit, den Speicher über eine microSD-Karte zu erweitern, bietet Windows Phone nicht. Für Nutzer, die ihr Smartphone als Navigationsgerät (Kartenmaterial!) einsetzen und auf ihre Musiksammlung nicht verzichten wollen, könnte es entsprechend eng werden. Zwar stellt Microsoft via Skydrive weitere 25 GB Speicherplatz kostenlos zur Verfügung. Diese Option eignet sich aber primär für die Einsicht oder Weiterbearbeitung von Dokumenten und setzt immer eine gute Internet-Verbindung voraus.

Auch der Akku ist mit 1300 mAh etwas schmalbrüstig geraten - bei intensiver Nutzung liegt die Laufzeit unter fünf Stunden, wird es weniger häufig genutzt, hält das Lumia 710 mit Ach und Krach einen Arbeitstag durch.

Ähnlich wie bei der Hardware hat Microsoft seinem Partner Nokia auch bei Windows Phone nur wenig Spielraum gelassen. Im Großen und Ganzen sind bei den eigenen Anwendungen nur das hervorragende und nun auch ohne Online-Verbindung steuernde Navigationssystem "Nokia Navigation" sowie „Nokia Karten” hervorzuheben, „Nokia Musik” ist in Deutschland eingeschränkt nutzbar, da der Streaming-Dienst Mix Radio fehlt. Zu dem Betriebssystem selbst wurden schon genügend Worte verloren. Zusammenfassend kann man sagen, dass Windows Phone sicher noch etliche Funktionen, etwa für das Business fehlen. Teilweise wird das Betriebssystem aber auch zu Unrecht geschmäht. So zieht etwa das häufig herangetragene Argument „Fehlende Apps” kaum mehr, da sich der Marketplace dank Microsofts Initiative inzwischen gut gefüllt hat. Die Metro-Benutzeroberfläche als zentrales Element von Windows Phone ist nicht nur elegant, sondern auch praktisch - wie schnell man bestimmte Standard-Aufgaben im Vergleich zu anderen Plattformen stellt Microsoft etwa im Rahmen seiner Kampagne "Smoked by Windows Phone" unter Beweis.

Was fehlt, ist sicher der Bekanntheitsgrad und eine gewisse Coolness des Betriebssystems. Etliche Kritiker monieren zudem, dass Microsoft mit der Bezeichnung Windows die falschen Assoziationen bei potenziellen Nutzern weckt - viele verbinden mit dem Wort ein eher spaßbefreites PC-Betriebssystem.

Wie man leider unschwer erkennen kann, hat sich Nokia bei der Entwicklung seiner ersten Windows Phones voll auf das Lumia 800 konzentriert. Dessen kleiner Bruder wurde eher lieblos und mit Blick auf das Preisschild konzipiert. Ob dieses Konzept reicht, um in den sogenannten Schwellenländern möglichst viele Nutzer auf die neue Plattform zu locken, wird sich zeigen. In der westlichen Hemisphäre wird sich Nokia damit sicher schwer tun.

Betrachtet man den unverbindlichen Verkaufspreis von 320 Euro, besteht sicherlich noch Spielraum nach unten, im Online-Handel ist das Lumia 710 bereits bei unter 240 Euro angelangt. Aber selbst in diesem Preisspektrum ist das Gerät nicht konkurrenzlos: Für 40 Euro mehr erhält man bereits das besser ausgestattete "Omnia W" von Samsung. Das Schwestermodell Lumia 800 kostet je nach Farbe etwa 80 Euro mehr als das Lumia 710. Auch im Android-Lager finden sich einige Geräte, die dem Nokia-Gerät preislich und technisch das Wasser reichen können, etwa das "Huawei Honour".

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