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Berlin: Neue Kunstform Computer-Games: Drehbuchautoren und Komponisten werden engagiert

Berlin : Neue Kunstform Computer-Games: Drehbuchautoren und Komponisten werden engagiert

Der Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaftler Michael Bhatty drehte bereits als Zwölfjähriger Science-Fiction-Filme auf Super-8, als Student begeisterte er sich dann für Computerspiele. Seine Dissertation schrieb der Osnabrücker über „Interaktives Story Telling”.

Inzwischen arbeitet der 41-Jährige als Gamedesigner und entwarf zum Beispiel das Fantasy-Epos „Sacred” mit.

Der Hamburger Christopher Dierks studierte am Berklee College of Music in Boston in den USA Filmmusik. Der 33-Jährige komponierte anschließend Musik für Spielfilme, Dokumentationen, Werbespots, Industriefilme - und das Computerspiel „Face of Mankind”. Ein Spielentwickler hatte seine Filmmusik gehört und ihn angesprochen.

Bhatty und Dierks sind keine Einzelfälle: Immer mehr Künstler und Geisteswissenschaftler finden in der Computerspielebranche ein neues Tätigkeitsfeld. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagt: „Anspruchsvolle Computerspiele können ohne die Hilfe von Drehbuchautoren, Komponisten, Musikern, Bildenden Künstlern und Grafikern nicht realisiert werden.”

Bhatty, der auch zwei Romane zu „Far Cry”-Spielen schrieb, betont: „Wir brauchen unbedingt Leute mit künstlerischem Ansatz.” Bislang werde meist die Spielmechanik in den Vordergrund gestellt und die dazu gehörende Erzählung ausgebremst. Bhatty wünscht sich mehr Designer aus den klassischen Künsten mit „technologischem Grundverständnis”. Dierks sagt: „Der Markt ist riesengroß.” Der Einstieg sei auch ohne viel Gameserfahrung möglich. Wer die Musik für einen Film komponieren könne, „schafft das für ein Spiel auch”.

Die Branche boomt: Laut dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) wurden in Deutschland bis zum dritten Quartal 2008 rund 929 Millionen Euro mit Computer- und Videospielen umgesetzt - ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Experten gehen davon aus, dass künftig mehr Geld für Spiele als für CDs oder Musikdownloads ausgegeben wird.

Die Bundesregierung wertet Games, die durch die „Killerspiele”-Debatte auch mit einem schlechten Image zu kämpfen haben, inzwischen als Kulturgut. Am 31. März 2009 wird erstmals der mit 600 000 Euro dotierte Deutsche Computerspielepreis verliehen. Das Geld kommt je zur Hälfte von der Bundesregierung und der Gamesindustrie. Mit dem Preis sollen laut Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) qualitativ hochwertige sowie kulturell und pädagogisch wertvolle Computerspiele aus Deutschland prämiert werden.

Der Weg zum künstlerischen Spielemacher ist indes noch ausbaufähig. Nach Aussage von Bhatty sind professionell ausgebildete Gamedesigner bislang selten. Auch Zimmermann moniert, dem Bereich werde an den öffentlichen Kunsthochschulen zu wenig Beachtung geschenkt. Spieleentwickler seien oft Autodidakten.

In Berlin und Frankfurt am Main gibt es derweil zum Beispiel die 2000 gegründete Games Academy, die nach eigenen Angaben erste Spezialschule für Computer- und Videospielproduktion in Europa. Vier Studiengänge werden angeboten, darunter der Abschluss als Game Artist.

Die Zahl der Studierenden nimmt rasant zu: Nach Angaben des Rektors Thomas Dlugaiczyk startete die Schule mit vier Studierenden, inzwischen sind es 140. Die Ausbildung dauert zweieinhalb Jahre und kostet pro Monat 700 bis 900 Euro. Wer sich einschreibt, muss 18 Jahre alt sein und mindestens einen Realschulabschluss haben.

Zimmermann blickt optimistisch in die Zukunft: ”Vielleicht werden die jetzt noch geführten Debatten, ob Computer- und Konsolenspiele Kunst sind, uns in 20 Jahren als absurd anmuten. Genauso, wie es heute Ausstellungen zu Comic-Kunst gibt und Comiczeichner als Künstler geehrt werden, könnte das in einigen Jahren für die Entwickler von Computer- und Konsolenspielen zutreffen.”