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Kommentiert: Mit Nostalgie zurück ins analoge Zeitalter

Kommentiert: Mit Nostalgie zurück ins analoge Zeitalter

Digitalisierung. Da ist es wieder dieses alles beherrschende Thema, das in keiner Studie, keiner Bundestagsrede und keiner Podiumsdiskussion fehlt. Wer sich dagegen wendet, ist abgehängt, hat den Schuss nicht gehört, lebt hinterm Mond. Mit einer Ausnahme: einem kleinen gallischen Dorf voller Hobbyfotografen.

Während Lebensberater, Achtsamkeitstrainer und Yogalehrer die Entschleunigung in der Mehrheitsgesellschaft so erfolgreich predigen, wie Sisyphos einen Felsbrocken den Berg hochschiebt, erfreut sich das Konzept in der Fotografen-Community größter Beliebtheit. Sie sind die einzige Gruppe, die sich nicht nur gegen den Trend wehren, sondern ihn ins genaue Gegenteil verkehren. Man muss tief in der Foren-Welt graben, um einen Blog-Beitrag, Artikel oder Kommentar zu finden, der nicht die Rückbesinnung auf die gute alte Analogkamera predigt. Analog ist in, digital ist out.

Das Paradoxe ist, dass sich gleichzeitig die Technik rasend schnell weiterentwickelt. Mehr Megapixel, größerer Zoom, noch mehr Weitwinkel ist das Motto, wenn die Hersteller ein neues Flaggschiff auf den Markt bringen. Kameras werden schlauer, können im Automatikmodus hervorragende Fotos zaubern. Gleiches gilt für Smartphones. Die neuesten Modelle verfügen über Doppelkameras und Algorithmen, mit denen sie Spiegelreflexkameras Konkurrenz machen. Der Nutzer — um nicht Fotograf zu sagen — muss nur auf den Auslöser drücken. Schon entsteht ein Foto, mit dem der Sony World Photography Award gewonnen werden kann. Kein Scherz.

Bei (Hobby-)Fotografen ist das verpönt. „Knipser“ seien das, keine echten Fotografen. Aufs Equipment kommt es nicht an, sondern auf ein gutes Auge! Um das zu beweisen und sich nicht von Sepia-Filtern bei Instagram die Show stehlen zu lassen, ist analoge Ausrüstung begehrt wie nie. Jeder darf mitmachen, der nicht das böse Wort in den Mund nimmt, das zum Ausschluss aus der de-digitalisierten Community führt: Automatikmodus.

Die Hersteller haben den Braten gerochen. Sie bieten für viel Geld digitale Kameras an, die funktionieren wie analoge. Ein Spielzeug, mit dem so mancher Nostalgiker doch in die Mausefalle der Digitalisierung tappt.