Münster/London: Fingerübungen am Bildschirm: Instrumente lernen über das Netz

Münster/London : Fingerübungen am Bildschirm: Instrumente lernen über das Netz

Beim Lernen eines Instruments gibt es üblicherweise zwei Wege: Entweder sitzt man zu Hause und probiert so lange herum, bis passable Töne erklingen. Oder man geht zu einem Musiklehrer, der Griffe und Tonfolgen erklärt, Hausaufgaben aufgibt und sich das Geübte anhört.

Das Internet ermöglicht einen dritten Weg, sozusagen einen Zwitter. Auf eigenen Portalen oder über die Plattform Youtube geben Profis und Laien per Kurzfilm Unterricht. Das hat Vorteile, auf Korrekturen muss aber weitgehend verzichtet werden.

„Hallo Leute, ich bin Siggi aus Münster und spiel schon ein paar Tage Gitarre.” So startet Siggi Mertens Unterrichtsvideo auf Youtube. Mehr als 100 dieser Filme hat er ins Netz gestellt: Mal erklärt er Techniken wie das Spiel mit dem Plektron, mal gibt er Anleitungen für bestimmte Songs - Johnny Cashs „Folsom Prison Blues” etwa. Ähnlich aktiv ist Justin Sundercoe. In mehr als 90 Videos zeigt der Gitarrenlehrer aus London Zupftechniken und Barré-Griffe, gibt Tipps zum Gitarrenkauf und zu Literatur - völlig kostenlos.

Die Auswahl an solchen Lehrvideos ist riesig - vorausgesetzt, angehende Musiker scheuen keine englische Erklärungen. Allein die Suche nach „Guitar Lessons” führt auf Youtube zu 138 000 Treffern - in mehr oder minder guter Qualität. Denn der große Vorteil des Portals ist gleichzeitig sein Nachteil: Jeder kann sich zum Lehrer berufen fühlen, und so schwankt die Qualität enorm.

Hochprofessionell sind beispielsweise die vGuitar Lessons. Lehrer Ben Lowrey gibt seit Jahren Gitarrenunterricht und entschied sich irgendwann, seine Anleitungen ins Internet zu stellen. Da Erklärungen allein meist schwer zu verstehen sind und Vormachen auch nicht immer hilft, ergänzt er seine Videos durch grafische Darstellungen, die eingeblendet werden. In einer weiteren Sequenz teilt sich das Bild - der Schüler sieht Lowreys rechte und linke Hand gleichzeitig. Soviel Aufwand hat jedoch seinen Preis. Zwölf Unterrichtsstunden gibt es gratis, für alle weiteren müssen die Schüler zahlen: Zwischen 3,95 und 12,95 US-Dollar (etwa 2,50 bis 8,20 Euro) kosten die Filme.

Wer sicher gehen möchte, einen herausragenden Musiker vor sich zu haben, ist bei Mucony.com richtig - einen Einblick in die dort angebotenen Filme gibt es wiederum bei Youtube. Mucony.com bietet „privaten Musikunterricht zum Anschauen, gelehrt von den weltbesten klassischen und Jazz-Musikern”, heißt es auf der Seite.

Tatsächlich geben hochkarätige Musiker ihr Wissen weiter: Liang Wang ist Erster Oboist der New Yorker Philharmoniker, Timothy Cobb Erster Bassist am Metropolitan Opera Orchestra, und Jazz Saxophonist Steve Slagle arbeitet an der Manhattan School of Music. Die Profis lehren Techniken oder geben Anleitungen zu Stücken - einem Mozart-Quartett oder einer Schumann-Sonate etwa. Die Unterrichtsfilme sind rund eine halbe Stunde lang und kosten fünf Dollar (etwa 3,20 Euro).

Der große Vorteil der Videos ist, dass der Schüler sie immer und immer wieder anschauen und dazu üben kann. Der Nachteil: Gewöhnt man sich falsche Techniken an, korrigiert sie niemand. Diese Lücke versucht Ernst Jochmus aus Bonn auf seinem Portal Gitarrenlinks.de zu schließen. Er bietet einen zwölfwöchigen Musikkurs an, bei dem die Schüler jeden Montag einen rund 20-minütigen Lehrfilm herunterladen können. Für Nachfragen gibt es ein Forum. Der Kurs kostet 52 Euro.

Daneben gibt Jochmus sogenannten Video-Response-Unterricht. Das heißt: Gitarrenspieler filmen sich selbst, schicken das Video ein und lassen Fehler analysieren. Je nach Zahlungsbereitschaft schickt Ernst Jochmus ein 5- bis 20-minütiges Antwortvideo - das kostet zwischen 20 und 72 Euro.

Für Michael Pabst-Krueger, Dozent an der Musikhochschule Lübeck, hat der Unterricht über das Netz allerdings klare Grenzen. Wie man ein Instrument hält und erste Übungen könnten dort zwar vermittelt werden. Die künstlerische Arbeit bezüglich Klanggestaltung, Interpretation oder Ausdruck lasse sich aber nur im direkten Kontakt von Schüler und Lehrer vermitteln.

Hinzu kommt ein eher organisatorisches Problem: Mit Instrumenten wie Gitarre oder Bass ist der Unterricht am Rechner ohne viel Aufwand möglich, der Schüler setzt sich mit dem Instrument vor den Monitor. Schwieriger wird das bei Klavier oder Schlagzeug - das Zuschauen und gleichzeitige Üben kann hier zum Problem werden. Doch das hält selbsternannte Musiklehrer nicht davon ab, ihre Unterrichtsvideos ins Netz zu stellen. Dass die auch technische Grenzen haben, zeigt der Youtube-Film „Klavier II”. Um den Händen auf der Klaviatur zu folgen, schwenkt die Kamera so schnell hin und her, dass dem Zuschauer fast schwindelig wird.