PR oder Einsicht?: Facebook sperrt Konten rechter Hassprediger

PR oder Einsicht? : Facebook sperrt Konten rechter Hassprediger

Experten sprechen von einem „Schritt in die richtige Richtung“. Der Konzern war nach dem Massaker von Christchurch erneut in die Kritik geraten.

Das Schauspiel wirkte einigermaßen bizarr. Der gerade von Facebook verbannte Alex Jones, der zur Berühmtheit gelangte, als er in seinem „Infowars“ genannten Programm behauptete, das Massaker an der Sandy Hooks Grundschule sei eine Inszenierung gewesen, um einen Vorwand zu schaffen, den Amerikanern die Waffen wegzunehmen. Jones hatte auch die Behauptung in die Welt gesetzt, dass die US-Regierung an den Anschlägen am 11. September 2001 in New York beteiligt gewesen sei. Nun beschwerte er sich auf Facebook über den Konzern. „Sie haben mich nicht nur gesperrt, sondern auch diffamiert“, klagte der Verschwörungstheoretiker auf einer kurzerhand neu erstellten Seite mit dem Namen „Infowars is Back“. Er wisse nicht, warum Mark Zuckerberg dies tue. Erst täte Facebook so, als setze es sich für freie Meinungsäußerung ein, „und dann verbieten sie jeden“.

Nicht ganz. Tatsächlich sperrte das soziale Netzwerk publikumswirksam die Seiten von ein paar etablierten Namen der rechten Szene. Dazu gehören neben Jones die Profile des rechtsradikalen Provokateurs Milo Yiannopoulos, des anti-semitischen Hasspredigers Louis Farrakhan sowie der weniger bekannten Rechtspopulisten Laura Loomer, Paul Nehlen und Paul Joseph Watson.

„Überprüfung ist aufwendig“

Konkret hält der Konzern den vom sogenannten „Deplatforming“ betroffenen Personen vor, gegen Regeln Facebooks verstoßen zu haben. „Wir haben immer schon Individuen oder Organisationen gesperrt, die Gewalt und Hass unterstützen oder fördern“, teilte eine Sprecherin zur Begründung mit. Dies gelte unabhängig von der vertretenen Ideologie. Die Überprüfung von Personen wegen Regelverstößen sei aufwendig. „Sie hat uns zu dem Schluss kommen lassen, diese Konten heute zu sperren.“ Das Unternehmen betonte, Facebook habe schon immer Individuen oder Organisationen verbannt, die Gewalt und Hass beförderten.

Experten wie Cristina López von der Organisation „Media Matters for America“ werten die Maßnahme als „Schritt in die richtige Richtung“. Der Konzern müsse sich seiner Verantwortung stellen und ganzheitlicher denken. „Facebook kann dazu beitragen, die Verbreitung von Extremismus, Hass und Bigotterie einzudämmen.“

Dipayan Ghosh, der früher in leitender Funktion bei Facebook tätig war und heute an der Harvard University lehrt, meint, mit einer einmaligen Säuberung einzelner Profile sei es nicht getan. „Es werden mehr Verbreiter von Hass versuchen, diese Plattform für sich zu nutzen.“ Es brauche konstanten Druck, diese Leute herauszuhalten. „Und damit ist das Problem noch nicht gelöst, was an den Rändern passiert.“ Mit „Rändern“ meint Gosh weniger bekannte Personen, die dennoch ein größeres Publikum erreichen können.

Es geht auch um viel Geld

Facebook war nach dem Massaker von Christchurch in Neuseeland noch einmal massiv in die Kritik geraten, weil der Massenmörder seine Bluttat auf der Plattform live streamen konnte. Während Apple, Twitter und Youtube schon seit einiger Zeit die Profile von Hasspredigern und Extremisten gelöscht haben, zierte sich Zuckerbergs Konzern lange. Schließlich gehen Facebook keine unbedeutenden Werbeeinnahmen verloren.

Hinter dem Umdenken könnte die Erkenntnis stecken, dass der Schaden durch den Ansehensverlust größer werden könnte. Jedenfalls versucht das soziale Netzwerk mit dem Vorstoß nun auch sein ramponiertes Image aufzupolieren. Das hatte bereits nach dem Bekanntwerden des groben Datenmissbrauchs seiner Kunden schwer gelitten. Die Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen bewegen sich laut jüngsten Quartalsbericht bei fünf Milliarden US-Dollar.

Verschwörungstheoretiker Jones durfte sich übrigens nur noch vorübergehend über seinen „Infowars is Back“-Coups freuen. Facebook kündigte an, es werde alle Nachfolge- und Fanseiten der betroffenen Profile ebenfalls blockieren. Dasselbe gelte für die Präsenz auf Instagram, das zu dem Unternehmen gehört. „Wir stellen uns gegen organisierten Hass.“

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