Kommentar zu Alexa: Ein Butler, der belauscht und tratscht

Kommentar zu Alexa : Ein Butler, der belauscht und tratscht

Sie: „Schatz, hast Du daran gedacht, die Hanfpflanze zu gießen?“ Er: „Pssst, Alexa hört doch mit!“ Ein Gedankenspiel – zugegebenermaßen mäßig witzig. Nun kommt mit Sicherheit nicht gleich die Polizei vorbei.

Aber mal im Ernst: War jemals jemand so naiv zu denken, Sprachassistenten wie Alexa seien vergleichbar mit britischen Butlern – an Loyalität und Verschwiegenheit nicht zu überbieten? Unsichtbare Schatten, die nur darauf warten, uns den roten Teppich auszurollen, den Alltag zu organisieren und alle Wünsche von den Augen abzulesen?

Wer in diesen Wunschsphären schwebte, wurde spätestens jetzt vom bequemen Traumthron gestoßen. Und zwar vom obersten Dienstherren aller Alexas, von Amazon selbst. Das Unternehmen hat jetzt offiziell zugegeben, dass Alexa sich nicht nur künstlich intelligent weiterentwickelt, sondern dazu noch Nachhilfe von echten Menschen bekommt, die Gesprächsprotokolle erfassen. Oha.

Die beste Musik, das richtige Licht, die rechtzeitige Termin­erinnerung – Alexa macht das Leben daheim schon bequemer. Da wird das ungute Gefühl, eventuell belauscht zu werden, einfach beiseite geschoben. Auch wenn Alexa mal wieder ohne Aufforderung quatscht. Wer soll denn da schon mithören? Ich habe nichts zu verbergen! Diese Argumente haben ausgedient. Jetzt wissen wir, wer mithört. Und das natürlich nicht nur bei Amazon.

Wer sich die Dienste jetzt noch damit schönredet, dass die Auswertungen nur deren Verbesserungen dienen, hat wirklich nichts verstanden. Alexa & Co. machen uns zu gläsernen Menschen, zu Big-Brother-Bewohnern. George Orwell würde staunen, wie schnell wir in seinem „1984“ angekommen sind – keine 80 Jahre nach Veröffentlichung seiner düsteren Zukunftsvision. Die Menschen lassen sich ganz freiwillig überwachen und geben sogar noch Geld dafür aus.

Bis jetzt weigere ich mich standhaft. Fast zum Trotz möchte ich da lieber eine Hanfpflanze anschaffen und abends vom Sofa aus laut rufen: „Schatz, hast Du auch ans Gießen gedacht?“

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