Die digitale Welt: Ein Anschluss unter dieser Nummer

Die digitale Welt : Ein Anschluss unter dieser Nummer

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn mein Festnetztelefon denken könnte. Ob es mich verflucht? Motiviert, so scheint es, thront es nämlich Tag für Tag auf der kleinen Kommode, ohne einen Laut von sich zu geben.

Nichts bringt den Apparat mit Anrufbeantworter aus der Ruhe. „Ich bin nützlich, sieh es endlich ein und benutze mich!“ Das denkt es bestimmt einmal am Tag und verliert die Hoffnung dabei nicht, dass der Anruf des Lebens gleich eingehen könnte.

Allzeit bereit präsentiert sich das silberne Ding, jedes Telefonat mit einem Klingelton anzukündigen, den ich vor elf Jahren aus der internen Liste des schnurlosen Fernsprechers ausgewählt habe. Schon hier spiegelt sich die Nostalgie wider, die in der Thematik „Festnetztelefon“ mittlerweile integriert ist.

Brauchen wir heutzutage noch einen Festnetzanschluss, oder braucht er vor allem uns? Die Male, die der Herrscher über die Telefonleitung etwas zu tun hatte, kann ich an einer Hand abzählen. Meistens ist es meine Mutter, die anruft. Sie benutzt ihr Festnetz noch regelmäßig. Zu ihrer Verteidigung: Sie wohnt an der Grenze zu einem Wald – der Handyempfang steht und fällt daher mit der Windrichtung. Ohne Festnetz keine Chance, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. Und das ist auch der große Pluspunkt dieser Erfindung: Ein Festnetzanschluss hält, was er verspricht. Er ist verlässlich. Ein Helfer in der Not.

Festnetz ist wie eine Versicherung

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das Telefon zu behalten. Ich habe es, seitdem ich von zu Hause ausgezogen bin. Wenn die Moderne versagt – und damit meine ich, wenn das Smartphone verloren ist, kaputtgeht oder der Akku leer ist – dann schlägt die große Stunde des Festnetzes.

Ich sehe es ähnlich wie bei einer Versicherung, man investiert und hofft, nie davon Gebrauch machen zu müssen. Festnetz gibt Sicherheit, Festnetz stellt keine Fragen. Ich erwische mich häufig, dass ich „offiziellere“ Anrufe wie bei Ärzten und Behörden lieber vom „guten alten Apparat“ tätige als vom Mobiltelefon. Das verleiht dem Gespräch das nötige Niveau – jedenfalls bilde ich mir das ein, und darauf kommt es an.

Der Anschuss ist ein Zeichen, angekommen zu sein, sein Leben im Griff zu haben. Daher behalte ich ihn, Festnetz heißt Verantwortung – auch, wenn nur deine Mutter diese Nummer kennt.

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