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Die Digitale Welt: Das erste Mal noch mal erleben

Die Digitale Welt : Das erste Mal noch mal erleben

Anderen Menschen beim Musikhören zuzugucken klingt dämlich, erfreut sich aber wachsender Beliebtheit. Die besten ihres Fachs sind zweifelsohne Gary und Ryan von „Lost in Vegas“.

Das Internet fördert mitunter Verhaltensweisen zutage, die noch vor Kurzem als kaum vorstellbarer Zeitvertreib bewertet worden wären. Zum Beispiel das hier: anderen Menschen dabei zuschauen, wie sie Musik hören. Klingt dämlich, ist es vermutlich auch, erfreut sich aber zunehmender Beliebtheit. Man nimmt das Phänomen zunächst kopfschüttelnd zur Kenntnis, um sich im nächsten Moment dabei zu ertappen, bereits seit drei Stunden Musikreaktionsvideos zu schauen.

Am liebsten die von George und Ryan, die den Youtube-Kanal „Lost in Vegas“ betreiben. Das liegt nicht nur daran, dass die beiden von ausgesuchter Fröhlichkeit sind, sondern auch an ihrer Fähigkeit, Musik profund zu analysieren. Musik übrigens, die nicht zu ihrer bevorzugten gehört. Das ist nämlich der besondere Kniff von „Lost in Vegas“. Die beiden Schwarzen sind HipHop- und R’n’B-sozialisiert, hören aber auf ihrem Kanal fast ausschließlich Musik aus dem Rock- und Metal-Genre. Die Vorschläge kommen aus der stetig wachsenden Community (derzeit eine Million Abonnenten) und so arbeiten sich die beiden durch die Rockgeschichte: Led Zeppelin, Motörhead, Dire Straits, Metallica, Tool, Deftones, Alice in Chains, und, und, und.

Anders als ihre rockliebende Fan-Schar hören die beiden die Stücke jedoch zum ersten Mal; und das ist der wahre Spaß. Wer etwa in den 70ern mit Deep Purple, den 80ern mit AC/DC oder den 90ern mit Pearl Jam groß geworden ist, erwartet gespannt, ob auch bei George und Ryan die Magie von „Child in Time“, „Hells Bells“ oder „Alive“ verfängt. Man denkt an sein jüngeres Ich und erinnert sich an den Zauber des ersten Hörens von Nirvana oder Rage Against The Machine. Daran, wie diese Musik das Kindsein endgültig beendete und sich Horizonte eröffneten, hinter denen es unendliche musikalische Weiten zu erkunden galt.

Wenn man dann die erhoffte Verzückung der beiden sieht – wie sie einen bestimmten Takt des einen oder eine Textstelle des anderen Liedes abfeiern –, dann begreift man, welche nostalgische Kraft diesem Format innewohnt. Denn kaum etwas ist vergänglicher als das erste Mal. Beim Sex sowieso, aber auch bei der Literatur, der Musik, eigentlich bei fast allem. Mit ihrer Bereitschaft, die eigene musikalische Komfortzone zu verlassen, und vor allem mit ihrer unverstellten Euphorie, lassen uns George und Ryan dem Zauber des ersten Mals so nahekommen, wie es nur eben möglich ist. Mit ihren Ohren erleben wir unsere Lieblingsmusik gewissermaßen zum zweiten Mal das erste Mal. Das müsste jeden Musikliebhaber glücklich machen.

a.idries@medienhausaachen.de