1. Digital

Ballern zwischen Chips und Pommes

Ballern zwischen Chips und Pommes

Paderborn. „Wo bist du gestorben?” Alexander fuchtelt hektisch vor Dennis Bildschirm herum. „Links, links aus der Seitentür. Schieß, da vorne!” Keine Chance: Kopfschuss. Dennis ist auch tot - im Computerspiel zumindest. Doch nur Sekunden später spielen die beiden wieder, um die virtuellen Terroristen zu bekämpfen.

Auch um sie herum spielen hunderte begeisterte Zocker an ihren Computern. Doch bei der LAN-Party im ostwestfälischen Paderborn ist das Ballern am Computer beinahe Nebensache. Für Alex und Dennis geht es ums Weiterkommen im „Counterstrike” -Turnier. Die beiden spielen im Team gegen „2s4u noots”. Die Gegner sitzen irgendwo am anderen Ende der Turnhalle. Verbunden sind sie über das vom Veranstalter gestellte Computer-Netzwerk (Local Area Network, LAN). „Das Töten steht nicht im Vordergrund”, sagt Alex. Teamwork im Spiel sei viel wichtiger.

Die Sälzerhalle, eine gewöhnliche Turnhalle, ist mit Stoff abgedunkelt. Nur die fast 500 Computerbildschirme leuchten. In den Gängen zwischen den Tischen liegen Luftmatratzen und halbleere Tüten Kartoffel-Chips. Ein Ferienlager im Internet-Zeitalter. Nur feste Schlafzeiten gibt es nicht. Tag und Nacht unterscheiden sich in dem Halbdunkel kaum.

Immer wieder rufen sich die beiden Spieler Kommandos zu: „Über die Rampe rein.” Dennis steuert sein Computer-Ich durch die virtuelle alte Lagerhalle, vorbei an Fässern und durch rostige Metalltüren. Sobald er einen Gegner erkennt, feuert er mit seiner Maschinenpistole durch das fast menschenleere Gebäude. Das Spiel läuft immer wieder nach dem gleichen Schema ab: Die einen sind die Terroristen, die anderen spielen die Anti-Terroreinheiten. „Man kann das eher als Sportspiel sehen”, sagt Veranstalter Bernd Schroeder der wenig übrig hat für Forderungen aus der Politik nach einem Verbot gewaltverherrlichender Spiele.

Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) etwa will den Besitz und die Verbreitung von Killerspielen per Gesetz verbieten, weil bei labilen Persönlichkeiten die Gewalt-Hemmschwelle durch das virtuelle Töten sinken könne. Dabei ist auch unter Wissenschaftlern umstritten, ob diese Spiele zu mehr Gewalt führen. Dass der 19-jährige Amokläufer, der vor fünf Jahren am Erfurter Gutenberg-Gymnasium ein Blutbad anrichtete, häufig Counterstrike spielte, weiß in der Sälzerhalle fast jeder. „In meinen Augen wäre ein Verbot völlig überzogen, weil unbegründet”, meint Schroeder.

Im Vorraum der Sporthalle ißt er genüsslich seine Portion Pommes mit Chicken Nuggets. Zum Spielen kommt er gar nicht mehr. Vor neun Jahren organisierte Schroeder mit ein paar Freunden seine erste LAN-Party. Von den „wahren” Killerspielen hält er nichts. Spiele wie „Postal2”, in dem der Spieler mit einer Kettensäge Frauen Arme und Beine abschneiden kann, seien sowieso keine Verkaufsschlager. Was dort gezeigt werde, sei völlig überflüssig. Auch Dennis und Alex ab halten von einem Verbot der Gewaltspiele nichts. „Es gibt vielleicht ein paar Spieler, die ein bisschen labil sind”, räumt Alex ein. Aber ein Verbot? „Da hat die Politik dann was gemacht, aber die Leute kommen so oder so an die Spiele”, meint Kumpel Gino Bordino, der sich müde in die Diskussion einmischt.

Geschlafen haben die drei nicht viel - vier Stunden im Auto, denn fahren wollte keiner mehr, obwohl der Heimweg nicht weit gewesen wäre. Andere sind sogar aus München nach Ostwestfalen gereist. „Man trifft hier die Online-Bekanntschaften”, erklärt Veranstalter Schroeder den Reiz der Computer-Party. Heute kann jeder problemlos online von Zuhause aus spielen. Doch auf der LAN-Party treffen sich viele Zocker wieder. „Wir haben einen großen Anteil Stammgäste”, so Schroeder. Auch Gino, Dennis und Alex wollen im nächsten Jahr wieder dabei sein. In diesem Jahr sind sie zu früh gestorben. Game Over.