Aachen: Die hier haben den Orden schon

Aachen : Die hier haben den Orden schon

Mit James Arthur Dugdale begann 1950 die Geschichte des Ordens wider den tierischen Ernst. Wer ihn sonst noch bekommen hat und warum, lesen Sie hier: Der Orden und seine Ritter

Der tiefere Sinn hinter dem närrisch-bunten Ordensschild ist die Vermenschlichung der Politik oder eines hohen Amtes durch den Humor. Regierung und Regierte, Verwaltende und Verwaltete sollen näher zusammenrücken und mehr Verständnis füreinander aufbringen. Diesen Orden erhielten:

1950 JAMES ARTHUR DUGDALE Er entließ als britischer Militärstaatsanwalt 1950 in Aachen einen Verurteilten während der Karnevalstage aus der Haft, weil er es dem Delinquenten nicht zumuten wollte, "die höchsten Feiertage im Rheinland" hinter Gittern zu verbringen.

1952 JULES VON JOUANNE Der damalige Regierungsrat ließ in der Eulenspiegel-Stadt Mölln den versammelten deutschen Finanzministern die festlich gedeckte Tafel wieder abräumen und Eintopf servieren. Begründung: "Schleswig-Holstein ist arm".

1953 HANS SACHS Als Staatsanwalt identifizierte er sich in Nürnberg mit seinem berühmten poetischen Namensvetter, indem er eine ihm zugesandte Schmähschrift auf Bundeskanzler Adenauer mit Knittelversen im Stil des Schuster-Poeten an den Kläger nach Bonn zurücksandte.

1954 LEO M. GOODMAN Der US-Chefrichter in der Bundesrepublik begründete ein Urteil gegen eine Deutsche und einen Italiener, die sich wegen einer Portion Ravioli mit einem Amerikaner geprügelt hatten, juristisch brillant und umwerfend kabarettistisch.

1955 AUGUST DRESBACH Dem Bundestagsabgeordneten gelang es, bei einer durchaus ernsthaften Debattenrede laut Protokoll 46 mal "Heiterkeit" oder sogar "stürmische Heiterkeit" hervorzurufen.

1956 WILLEM BARON MICHIELS VAN KESSENICH Der Bürgermeister von Maastricht entwaffnete durch ein humorvolles Telegramm den Kriegsminister, der einen Fußballplatz beschlagnahmen wollte. Der General kapitulierte mit Humor vor dem Humor.

1957 MAX BECKER Der Vizepräsident des Deutschen Bundestages pflegte ausländische Gäste mit Herz, Witz und Humor zu begrüßen. Die provisorische Bundeshauptstadt erklärte er ihnen so: "Bonn ist die Oase, in der die Regierungskarawane vorübergehend lagert auf ihrem Weg zum endgültigen Ziel Berlin." Im Jahre 2001 schickte sein Sohn den Orden zurück, nachdem er sich - ebenso wie Ritter Ephraim Kishon - über eine politische Äußerung Norbert Blüms geärgert hatte und darüber, dass der AKV diese nicht kommentieren wollte.

1958 CARLO SCHMID Der Bundestagsvizepräsident wurde als einer der geistreichsten und schlagfertigsten Redner ausgezeichnet. Damit wurde sein philosophischer Esprit gewürdigt, mit dem er die Debatten auf ein bis heute nicht wieder erreichtes Niveau hob.

1959 KONRAD ADENAUER Der Bundeskanzler war ein Meister der Vereinfachung. Mit wenigen aber treffenden, kölschen Worten erklärte er die Probleme der Nation. Er war der Prototyp des rheinischen Humorikers und fröhlichen Spötters, der auch über sich selbst lachen konnte.

1960 RUDOLF EBERHARD Als höchst unkonventioneller und unbürokratischer bayerischer Finanzminister trat er in München öffentlich als Raubritter auf und regte ein "Trostbüchlein" für Steuerzahler an.

1961 BRUNO KREISKY Der österreichische Außenminister parierte den Wunsch der über München verärgerten Stadt Burgau nach Anschluss an Österreich mit brillant-witziger Diplomatie.

1962 ROCHUS SPIEKER Der Dominikanerpater war als humorvoller, streitbarer Kanzelredner, Publizist und Drehbuchautor ein moderner Nachfahre des Abraham a Santa Clara.

1963 HENRY CHAUCHOY Der Professor erwarb sich als Kulturbeauftragter der französischen Besatzungsmacht Meriten in der Mainzer Bütt. Seine Maxime: "Karneval ist für die Deutschen heilsam, weil sie den Behörden etwas am Zeug flicken und durch Lachen den Untertanengeist mindern können."

1964 EWALD BUCHER Der Bundesjustizminister glossierte in den von ihm herausgegebenen "Blauen Briefen der Bundesregierung" mit geistreicher Ironie die Bonner Politszene.

1965 PAUL MIKAT Der nordrhein-westfälische Kultusminister, Geisteswissenschaftler und Professor für Staatsrecht, begrüßte bei Festversammlungen illustre Gäste nicht namentlich, sondern spitzzüngig: "Meine lieben Titel...". Dass er seinen Humanismus in allen Lebenslagen praktiziert, zeigt sich auch daran, dass er bei einem Pferderennen nur deshalb auf "Mercurius" setzte und gewann, weil dieser einen lateinischen Namen hatte. Sein Fazit: "Da sehen Sie den Wert des Humanismus!"

1966 PIETRO QUARONI Der Präsident der Radio Televisione Italiana erhielt den Orden für sein Wirken als "lachender Diplomat" - ein Titel, den er sich durch seine Bücher und viele Anekdoten in seiner Botschafterzeit erwarb.

1967 KARL-GÜNTHER VON HASE Auf dem glatten Parkett der Bundespressekonferenzen meisterte der "Bundespressechef" selbst schwierigste Situationen durch Selbstironie, beredtes Nichtssagen und entwaffnende Schlagfertigkeit.

1968 PER HAEKKERUP Der dänische Landwirtschaftsminister ließ sich wegen seiner Leibesfülle als erster Ritter mit Käse aufwiegen. Bodenständiger Humor, kluger Witz und gesunder Menschenverstand zeichneten ihn aus.

1969 HERMANN HÖCHERL Der Bundeslandwirtschaftsminister war das Politoriginal seiner Zeit. Von seinem Dienstherrn Adenauer als "Schlitzohr" und "Bauernspitz" tituliert, war er leiblichen Genüssen durchaus zugetan. Selbst ewige Nörgler und Zweifler verstand er mit spöttischer Freude für sich einzunehmen.

1970 DENIS W. HEALEY Zahlreiche Anekdoten zeugen von dem schier unerschöpflichen Vorrat an Bonmots des Schatzkanzlers Ihrer Majestät auf dem internationalen politischen Parkett.

1971 JOSEF ERTL UND FRANZ XAVER UNERTL Landwirtschaftsminister der eine, Abgeordneter der andere, waren sie ein urbayerisches Dioskurenpaar, das mit viel Mutterwitz Heiterkeit in die Bundestagsdebatten brachte.

1972 HELMUT SCHMIDT Als Verteidigungsminister erlaubte er den Soldaten die damals modische Haarlänge. Sein "German Hair Force"-Erlaß ging in die Geschichte der Bundeswehr ein.

1973 LANCE POPE Der britische Botschafter, der als Englishman so plattelte und jodelte, dass waschechte Bayern neidisch wurden, verband den sprichwörtlichen englischen Humor mit deutscher Fröhlichkeit.

1974 WALTER SCHEEL Dem Außenminister, der sich selbst als "Scheel mit dem Eulenspiegelblick" bezeichnete, gelang es stets, auf dem schwierigen diplomatischen Parkett mit rheinisch-fröhlicher Offenheit der Freiheit eine Gasse zu schaffen.

1975 WILFRIED GREDLER Der österreichische Botschafter komponierte diplomatische Sonaten und verlieh mit seinem Wiener Esprit nicht nur dem Europarat rhetorischen Glanz.

1976 CONSTANTIN FREIHERR HEEREMAN VON ZUYDWYCK Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes bewies, dass man auch als Lobbyist handfeste Interessen mit Humor vertreten kann. Herzhaft sein Kern, die Schwarte rauh, nobel das Etikett.

1977 RAYMOND BROGER Der Landammann des Kantons Appenzell-Innerrhoden wehrte sich gegen irrige Vorlagen statt mit Hand und Fuß mit dem Kopf. Für seine humorigen Geistesblitze erhielt er im Ständerat die größten Lachsalven.

1978 EPHRAIM KISHON Der israelische Schriftsteller machte besonders das Spannungsfeld Bürger - Behörde zum Thema seiner satirischen Betrachtungen. Im Jahr 2001 gab Ephraim Kishon seinen Orden aus Verärgerung über eine politische Äußerung seines Ordensbruders Norbert Blüm zurück und aus Verdruss darüber, dass der AKV sich einer Bewertung enthielt.

1979 HANS-DIETRICH GENSCHER Der verschmitzte Außenminister hätte den Orden gleich mehrfach verdient. Er erhielt ihn jedoch als Dienstherr des real nicht existierenden Ministerialdirigenten Edmund Draeker, dessen Kapriolen das Auswärtige Amt bis heute in Atem halten.

1980 RICHARD STÜCKLEN Der AKV nahm den Bundestagspräsidenten beim Wort, der in seiner Antrittsrede den Parlamentariern mehr Humor in politischen Debatten empfohlen hatte, getreu seiner Maxime: "Humor ist der Mutterboden der Demokratie".

1981 HEINZ WERNER KETZER Der wegen seiner humorvollen Predigten weit über Köln hinaus bekannte Dompropst war ein klassisches Beispiel für die Vereinbarkeit kirchlicher Autorität mit rheinischem Frohsinn.

1982 MANFRED ROMMEL Der Stuttgarter Oberbürgermeister, Musterbeispiel eines Philosophen, verbindet die schwäbische Mentalität mit hintergründigem Humor. So etwa in dem Vergleich der Maultasche mit politischen Programmen: Sie quillt im Magen auf und lässt für anderes nur wenig Platz.

1983 BERNHARD VOGEL Als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nahm er durch seinen subtilen Humor auch politische Gegner für sich ein. In der zum "Vogelhaus" umbenannten Staatskanzlei veranstaltete er "närrische Vogelschauen" für "gefiederte Freunde aller Farbschattierungen".

1984 FRIEDRICH NOWOTTNY Der Mann vom "Bericht aus Bonn" verstand es, als Moderator auf deutschen Bildschirmen zu der Erkenntnis beizutragen, dass auch "hohe Tiere nur Menschen sind". Er teilte seine Interviewpartner in zwei Gruppen ein: Austern - schwer zu knacken aber ertragreich - und Heiße-Luft-Produzenten.

1985 NORBERT BLÜM Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung ist eine der farbigsten und eigenwilligsten Persönlichkeiten des Kabinetts. Dem ständigen Balanceakt zwischen vielen Stühlen wird er mit Beharrlichkeit und Heiterkeit gerecht.

1986 JOHANNES RAU "Bruder Johannes" oder "der gute Mensch aus Wuppertal"- so wird der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gerne genannt. Als bibelfester Mann vereint er mit milder Ironie und leisem Humor die beiden Rollen Landesvater und Regierungschef.

1987 AUGUST EVERDING "Schlaugust" verfügt über Witz, Ironie, Esprit und komödiantenhaften Schalk, ohne jemals zu vergessen, dass Humor eine Sache des Herzens ist. Als Generalintendant der Bayerischen Staatstheater verband er Kunst und Kommerz, Managertum, Pädagogik und Glauben in sich. Niemand ist so herrlich harmonisch und gleichzeitig kontrovers wie er.

1988 GERTRUD HÖHLER Die Professorin für allgemeine Literaturwissenschaft, erste Ordensritterin, propagierte den Einsatz des Lachens als humane Strategie. Ihr Motto: "Wissen kann man nur vermitteln, wenn man unterhält."

1989 FRANZ-JOSEF STRAUSS Der bayerische Ministerpräsident stand als politisches Original im sauren Wald der angepassten Polit-Fichten sturmerprobt als knorrige Eiche. Intellektuelle Schärfe paarte sich bei ihm mit rauflustiger Kumpelhaftigkeit. Der "bayerische Hof" unter FJS war das einzige bekannte Beispiel dafür, dass jemand beides zugleich sein kann: Herrscher und Narr. Erhielt den Orden posthum.

1990 LOTHAR SPÄTH Das schwäbische Cleverle, damals hauptberuflich Ministerpräsident von Baden-Württemberg, profilierte sich als pfiffiger Zugführer der schwäbschen Eisenbahn, die unter ihm zu einem Transrapid mutierte.

1991 fiel der närrische Staatsakt wegen des Golfkrieges aus.

1992 JACK LANG Als französischer Kulturminister war er der Paradiesvogel im Pariser Kabinett. Der Juraprofessor und Theaterdirektor schaffte es, eine ganze Nation zu unterhalten, indem er die Welt als Bühne und die Politik als eine besondere Form von Theater sah.

1993 RUUD LUBBERS Der niederländische Regierungschef erfand das perfekte Inkognito: Im Maastrichter Karneval mischte er sich mit seiner eigenen Maske unter das närrische Volk. Motto: "Damit mich keiner erkennt, muss ich so aussehen wie ich selbst."

1994 RENATE SCHMIDT "Mut zur Menschlichkeit" charakterisiert die frühere Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Aus vollem Herzen lachen zu können, ohne sich zum Narren zu machen, und weinen zu können, ohne ein Clown zu sein: Die beiden Seiten der Renate Schmidt und des Ordens WIDER DEN TIERISCHEN ERNST.

1995 HEINER GEISSLER Als "Hofnarr" der Union hält der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende seinen Parteifreunden den Spiegel vor: "Narren sind die wahren Humanisten. Sie lieben die Menschen, und nur deshalb dürfen sie ihnen auch wehtun." Seine unbequemen Wahrheiten, die manchmal provozieren, finden daher oft das augenzwinkernde Einverständnis der Getroffenen.

1996 BERNARD HENRICHS Der Kölner Dompropst leistete Fürbitte im Hohen Dom für einen stadtbekannten Sünder aus dem Milieu zum Dank für dessen Hilfe bei der Wiederbeschaffung eines gestohlenen Domschatz-Kreuzes.

1997 THEO WAIGEL Der Bundesfinanzminister bewies als "Theo gegen den Rest der Welt" in Zeiten von Steuerreform, Sparpaketen und Erfüllung der Maastrichter Konvergenzkriterien unerschütterlichen Humor und Schlagfertigkeit. Als "Raubritter Theodor mit der Lizenz zum Aussäckeln" machte er im Aachener Narrenkäfig sogar internationale Schlagzeilen.

1998 HEIDE SIMONIS Die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein eroberte als dritte Frau den Aachener Narrenkäfig: Als wortgewaltige rote Freibeuterin von der Ostsee trat die sturmerprobte Regierungschefin aus dem Norden an. Gewohnt scharfsinnig, unkonventionell und herzlich eroberte sie auch in Aachen ihr Publikum.

1999 JOHN KORNBLUM Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika setzt im politischen Alltag erfolgreich auf eine ganz besondere Strategie: Humor. Als Cowboy im Narrenkäfig machte er ernst: Statt zum Colt zu greifen, hielt er dem Gastland den Spiegel vor. Mit virtuosen Sprachspielen, genüßlich ausgeschöpfter Situationskomik und pointierter Witzelei über die amtierenden Politiker bewies er die Verwandtschaft von Diplomatie und Narretei.

2000 EDMUND STOIBER Auch als Narr machte Edmund Stoiber, bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, Ernst. Mit todernster Miene klagte er: "Der Humor ist mir verreckt". So trat er im Aachener Narrenkäfig erfolgreichreich an, "das Schaukelpferd des Sarkasmus einzufangen und ihm den Sattel der Ironie überzuwerfen".

2001 GUIDO WESTERWELLE Fit for fun ist der Bundesvorsitzenden der FDP zu jeder Gelegenheit. Als muskelbepackter Mister 18 Prozent hatte Guido Westerwelle im Aachener Narrenkäfig alle Fitnessfreaks und Frohnaturen auf seiner Seite. In seiner olympiareifen Disziplin, dem Wortwitz, demonstrierte er eindrucksvoll die wohltuend befreiende Wirkung närrischer Westerwellness.

2002 DR. THOMAS BORER Mit Humor wider die tierische Biederkeit. Als Ritter ohne Furcht vor Tadel sorgte der schweizerische Botschafter Dr. Thomas Borer-Fielding für Furore in der Alpenrepublik. Der unkonventionelle Diplomat mit Mut zur Narretei brillierte als Wilhelm Tell im Aachener Narrenkäfig.

2003 WENDELIN WIEDEKING Als Schelm in Nadelstreifen bewies sich der nicht nur an PS starke Porsche-Chef. Mit Vollgas eroberte er die Pole Position im Narrenkäfig und legte als erster Industriemanager im illustren Kreis der Ordensträger bei "Jeck am Ring mit Wiedeking" einen fulminanten Boxenstopp ein.

2004 DR. HENNING SCHERF Wo Norbert Blüm Kopfschmerzen hat, sitzt bei ihm der Blinddarm: "Ritter Riesig" aus Bremen bewies bei der Ordensverleihung, dass er nicht nur riesig von Gestalt ist. Stehende Ovationen für eine großartige Ritterrede, rhetorisch brillant, szenisch witzig umgesetzt. Als "Roland von Bremen" eroberte Dr. Henning Scherf die Herzen der Aachener im Sturm.

2005 KARL KARDINAL LEHMANN Der Gute Hirte: Ein Juwel im Narrenkäfig. Humorvoll, nachdenklich, liebenswert - ein Glücksfall.