Kommentar zu den US-Vorwahlen: Die gläserne Decke

Kommentar zu den US-Vorwahlen : Die gläserne Decke

Die amerikanische Gesellschaft hat ein Männerproblem. Genauer gesagt: Zu viele Vertreter dieses Geschlechts hängen einem toxischen Rollenverständnis an. Dieses betrachtet Frauen als Objekte der Begierde oder Verachtung, keinesfalls aber als legitime Konkurrentinnen.

Nur so lässt sich erklären, wie Donald Trump ins Weiße Haus einziehen konnte, obwohl sein widerlicher Sexismus eindeutig dokumentiert war. Eigentlich hätte das nicht nur Frauen, sondern auch anständige Männer davon abhalten müssen, diesen Chauvinisten zu wählen.

Das Gegenteil trat ein. Fast zwei von drei weißen Männern – ob gebildet oder nicht – zogen Trump der ersten Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte des Landes vor. Was gewiss nicht nur mit den Defiziten Hillary Clintons zu tun hatte. Die spricht zurecht von einer „unsichtbaren Glasdecke“, die Frauen in den USA den Weg ganz nach oben versperrt.

Diese Erfahrung musste bei den Vorwahlen der Demokraten auch Elizabeth Warren machen, die sehr viel beliebter als Clinton war. Obwohl die Frauen eine deutliche Mehrheit in der Partei stellen, schaffte die Kandidatin es nicht, deren Zweifel an den Erfolgsaussichten einer Frau als Herausforderin Trumps zu überwinden. So bleibt den Demokraten nur die Wahl zwischen einem 77-jährigen und 78-jährigen Mann. Wobei Bernie Sanders und Joe Biden keinesfalls für das toxische Männerbild ihrer Geschlechtsgenossen in den USA stehen. Aber es spiegelt die Alltagserfahrung der Frauen wider, die nicht riskieren wollen, vier weitere Jahre einen Sexisten im Weißen Haus sitzen zu haben. Die „gläserne Decke“ bleibt. Es sei denn, die Amerikanerinnen überwinden ihr Männerproblem und bereiten den mächtigen Männern an der Wahlurne ein Problem.