Leserbriefe zum Coronavirus: Die Frage nach dem Abstand und der Immunität

Leserbriefe zum Coronavirus : Die Frage nach dem Abstand und der Immunität

Mit den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in deutschen Schlachthöfen, dem Sinn von Impfungen gegen das Coronavirus, Mindestabständen unter Spitzenpolitikern und mehr beschäftigen sich die neuesten Briefe unserer Leser.

Dr. Jost Reermann aus Aachen meint zum Start der Bundesliga:

Vorausgeschickt: Seit meiner Kindheit war Fußball für mich immer interessant, und ich habe viele Stunden in den Stadien verbracht. Angefangen mit Preußen Dellbrück über Viktoria Köln, Bayer Leverkusen bis Borussia Mönchengladbach bis zum heutigen Tag. War mit Borussia in Liver­pool und in Rom zum Endspiel ... In den letzten Jahren haben mich die „irren“ Gehälter der Protagonisten verärgert, um nicht zu sagen erschüttert. Millionengehälter für Fußballer, die mal eben den Ball geradeausspielen können. Vereine, die diese Summen bezahlen. Wertschätzungen von Spielern, die jedem Normaldenkenden nicht einsehbar sind (100 Millionen Euro für einen Stürmer). Jetzt wurde die Bundesliga wieder angepfiffen, um die Fernsehgelder zu erhalten, um die anstehenden Gehälter zu bezahlen. Es geht den Vereinen nicht um Fußball, es fehlt Geld, um nicht in die Insolvenz zu rutschen. Fernsehgeld von Beitragszahlern wird zwangsweise erhoben. Diese gewaltige Summe wäre zur Abwendung von Insolvenzen bei Kleinbetrieben sicher sinnvoller eingesetzt, als sie den Millionären zuzudenken. Wenn einzelne Vereine insolvent gehen – schade –, aber die verfehlte Bezahlung der Fußballer haben sie zu verantworten. Ob es zu einer Änderung der Bezahlung der Fußballer kommt, glaube ich nicht, notwendig wäre es.

Warten wir es ab. Ich muss mir samstags nicht die Geisterspiele anschauen, interessanter sind Spiele der A-Jugend.

Heinz Kundolf aus Aachen hat sich Gedanken gemacht zum Neustart der Fußball-Bundesliga:

Kontaktlosigkeit beim Mannschaftssport? Ein frommer Wunsch und ein absoluter Irrglaube. Beim Boxen fliegen nicht nur die Fäuste, sondern auch die „Spritzer“ (= Viren). Beim Ringen kommen die Sportler sich näher als manche Liierte beim Liebesspiel. Und auch in allen Mannschaftssportarten ist das so, wenn auch in geringerem Maße.

Es muss absolut klar sein, dass die beteiligten Sportler wissentlich ein sehr hohes Risiko eingehen, und das auch so wollen – und dafür später niemanden als sich selbst verantwortlich machen können.

Der aktuelle Spieltag der ersten und zweiten Fußballbundesliga hat gezeigt, dass unter den Beteiligten von Abstand keine Rede sein kann. Und sind wir mal ehrlich: Ob sich die Spieler abklatschen oder umarmen ist unwesentlich, denn während des Spiels und der Zweikämpfe kommen sie sich wesentlich näher und sind den gegenseitigen „viralen Ausscheidungen“ in höchstem Maße ausgesetzt.

Wenn die Beteiligten dies bewusst wollen, kann man es für diese eingegrenzte Gruppe akzeptieren (womit diese Menschen jedoch einen Sonderstatus erhalten). Wenn aber Sportler dieses Risiko nicht eingehen wollen oder sich dagegen wehren, indem sie zum Beispiel Zweikämpfe und damit enge Kontakte (eventuell auch unbewusst) vermeiden, wird der sportliche Wettkampf zu einer Farce, womit niemandem geholfen ist. Und wenn nach diesem Experiment die Betroffenenzahlen stark ansteigen, wird alles den Bach hinuntergehen. Die Historie kann uns davon Geschichten erzählen.

Ich wünsche uns allen, dass dieses Experiment positiv verläuft und keine oder nur wenige Neuinfektionen nach sich ziehen wird. Dem grundsätzlichen Appell der führenden Politiker entsprechend ist jedoch letztlich jeder Einzelne für sich selbst verantwortlich, wie er sich verhält und welche Risiken er eingeht.

Jany Schmachtenberg aus Aachen lobt und steuert auch Lyrik bei:

Als langjährige Zeitungsleserin freue ich mich gerade in diesen merkwürdigen Zeiten auf Ihre Zeitung. Besonders das „Corona-Tagebuch“ von Herrn Thomas Thelen lese ich mit Freude. Schon zum unzähligsten Mal hat er inte­ressante Zeilen geschrieben, und obwohl man hofft, dass dieses Virus bald vorbei sein wird, hoffe ich, dass Sie weiter Ihr „Corona-Tagebuch“ schreiben.

Mutmachworte:

Die Zeit ist hart, war härter nie, sie zwingt uns ALLE in die Knie, raubt Hoffnung für ganz lange Zeit, sind Menschen jetzt dafür bereit? Wie friedlich sieht es draußen aus, doch keiner von uns sollte raus, der Teufel wartet überall, will uns nur bringen große Qual. Wie halte ich das alles aus, gebunden bin nur an das Haus, die Nerven liegen manchmal blank, durch Angst, ich werde auch noch krank. Wo bleibt die Zeit für Frau und Kind, wenn doch die Zeit nicht schnell verrinnt, wo bleibt das Sehnen, wo das Hoffen, im Augenblick ist alles offen. Manch einer fragt sich nur WARUM, sind denn die Menschen echt so dumm, zerstören Pflanzen, manches Tier, zu scheffeln Geld aus reiner Gier. Ist das der Weisheit letzter Schluss, dass jeder Mensch sich ändern muss, nicht Feind, nein Freund mein Mitmensch sei, dann ist der Rest doch einerlei.

Die Zeit DANACH, ja sie wird kommen, dann haben wir den Berg erklommen, was wird das Leben wieder schön, wir heut‘ schon fest zusammenstehn.

Ich hoff’ auf Liebe, auf Vertrauen, die Welt ganz anders neu erbauen, Zusammenhalt für alle Zeiten, wir sollten daraufhin arbeiten.

Andris Gulbins aus Kerkrade befasst sich mit dem „Seite Drei“-Text „Zu eng aufeinander“ zum Ausbruch des Coronavirus in einem Schlachtbetrieb in Coesfeld:

Lange haben Wirtschaft, Politik und Gesellschaft über schwere Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der Arbeitnehmerfreizügigkeit in den bundesdeutschen Schlachthöfen hinweggesehen. Bereits zu Beginn der Corona-Maßnahmen hat ein breites Bündnis – zu dem auch die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Aachen zählt – warnend auf die Situation von Arbeitsmigranten hingewiesen und wirksame Schutzmaßnahmen gefordert, um in der Fleischindustrie, in der Landwirtschaft, in der Logistik, auf dem Bau und in der häuslichen Pflege Arbeitsmigranten vor der Ansteckung durch das Coronavirus zu schützen. Die Warnungen blieben ungehört! Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, versucht NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann nun die „Branche für Hygienepläne stärker zu sensibilisieren“ und die modernen Sklaven vor der Ansteckung zu schützen. Die Lehren aber sollten andere sein. Jetzt ist der Zeitpunkt festzustellen, dass das System Fleisch, das auf der Ausbeutung von Arbeitsmigranten (und von Tieren) fußt und das Klima schädigt, krank ist und krank macht. Das System Fleisch – mitgeltend auch das System Milch – hinterlässt weltweit Spuren: vom brennenden Regenwald in Amazonien, über die Billigproduktion, die Missachtung des Arbeitsschutzes bis hin zu den Massenunterkünften der Arbeitsmigranten. Mehr auf: https://kab-aachen.de/aktuelles/nachrichten/a-blog/Schutzmassnahmen-fuer-Arbeitsmigrantinnen/

Sebastian Steinkamp aus Stolberg geht ebenfalls auf den Bericht „Zu eng aufeinander“ ein:

Es gibt sicherlich Zeitgenossen, die heute wortgewaltig die Zustände in den Schlachtbetrieben beklagen und sich morgen wieder nach gewohnter Manier beim Discounter für den nächsten Grillabend reichlich eindecken.

Dr. Beate Evers, Mikrobiologin und Immunologin aus Aachen, meldet sich zum aktuellen Stichwort „Widerstand 2020“ zu Wort:

Diese Corona-Krise – mehr die Reaktion unserer „Machthaber“ – machen mich sprachlos, und ich finde sie empörend. Sie, das heißt Ihre Zeitung, zitieren einen Sprecher des Gesundheitsministeriums: „Es sei keine Rede davon, dass eine Impfung irgendwann einmal zur Pflicht wird!“ Dies widerspricht klar der Veröffentlichung des Bundeskabinetts vom 28. April 2020! Das Gegenteil ist der Fall: Innerhalb von 18 Tagen soll ein Gesetz verabschiedet werden, in dem ganz klar eine Impfpflicht vorgesehen ist und/oder ein Immunitätsnachweis gefordert wird. Um was geht es denn wirklich? Diese Angst um die eigene Gesundheit ist sicher von allen Menschen gut nachvollziehbar und damit auch die Angst vor dem unsichtbaren Virus. Nicht umsonst ist diese Angst pandemisch um die ganze Welt gegangen. Was hilft aber gegen Angst? Sachliche, nüchterne Aufklärung sicherlich nicht, denn die Zahlen in Hinblick auf Infektion und Mortalität dieses „neuen“ Virus haben es zu keinem Zeitpunkt wirklich hergegeben. Mit der Angst wird weiter regiert bis hin zum Impfschutz beziehungsweise zum Nachweis der Immunität. Sollen wir wie eine Identitätskarte diese Ausweise immer bei uns tragen, um uns im öffentlichen Raum wieder „frei“ bewegen zu dürfen? Ich fühle mich den Machthabern gegenüber ohnmächtig und ausgeliefert. Für mich war und ist Covid-19 eine schwere virale Infektion, die wie jede andere Virusinfektion mit Komplikationen und weiteren Begleiterkrankungen mit schweren bis tödlichen Folgen verlaufen kann. Ich bin im Prinzip ein Impfbefürworter, ich bin ein Mensch, der sich verschrieben hat, Menschen in Not zu helfen, aber ich bin auch ein Mensch, der autonom, frei und selbstverantwortlich in Selbstbestimmung leben möchte. Meine Entscheidungen möchte ich demnach immer in sozialverträglicher Weise treffen.

Manfred Käver aus Alsdorf konstatiert:

In der Mehrzahl der Leserbriefe werden Sorgen und Mitgefühl bezüglich infizierter Menschen sowie Anerkennung für die jeweiligen Betreuer und freiwilligen Helfer zum Ausdruck gebracht. Des Weiteren werden praktikable Verbesserungsvorschläge in angemessener Form beschrieben. Darüber hinaus allerdings wird dieses Thema von einigen Verfassern genutzt, um ihren übernommenen Missmut gegenüber den „üblichen Verdächtigen“ zum Ausdruck zu bringen, die da sind: Beamte, Pädagogen und Politiker, die ihre üppigen Bezüge hauptsächlich für ihre Anwesenheit erhalten. Da wird verallgemeinert und polemisiert von Leuten, die ansonsten vor Verallgemeinerung warnend den Finger heben. Bei einigen Passagen sind auch Neid und Egoismus deutlich beschrieben. Die erwähnten negativen Sichtweisen der Betreffenden sind nicht neu und wären nicht wert, in Form eines Leserbriefes erwähnt und veröffentlicht zu werden, wenn die Verfasser ein für die Neuzeit schlimmes Ereignis mit jetzt schon Tausenden Toten nicht zum Anlass nehmen würden, ihre Vorurteile und Hetze zu verbreiten. Das verstößt gegen jeden ethischen Grundsatz.

Ute Meyer-Hoffmann aus Stolberg greift die Spezial-Seite „Für zwei Tage in die Kita oder in die Schule. Ist das sinnvoll?“ auf:

Vielen Dank für die persönlichen Statements Ihrer Journalistinnen und Journalisten. Sie machen den Spagat deutlich, den viele Eltern in den vergangenen Wochen zu bewältigen hatten. Für die nächsten Wochen wünsche ich Ihnen allen weiterhin viel Energie, Kreativität und Momente zum Durchatmen!

Wolfram Dorn aus Herzogenrath bezieht sich auf den Leserbrief von Mia Heiartz aus Aachen, die unter anderem vorschlug, dass Alte und Vorerkrankte unter eigenverantwortlichem Schutz bleiben, bis die „Durchinfizierung“ bei den anderen erreicht ist, und hoffte, dass die Menschheit aus dieser Krise mit veränderter Lebensweise hervorgeht:

Der Leserbrief der Frau Mia Heiartz enthält einige sehr wichtige Aspekte von schwerem Gewicht und Bedeutung. Zum einen, dass keine Leserbriefe der Zensur zum Opfer fallen dürfen, falls der Verlag weiter Zeitungen in wirtschaftlich vertretbarer Anzahl in alle Kreise der Bevölkerung verkaufen möchte. Es ist gleichgültig, ob (m)ein Leserbrief von 80 Prozent der Leser befürwortet oder von gleicher Anzahl abgelehnt wird.

Leute, die sich für modern halten, pochen so gerne auf Vielfalt, wieso nicht bei geäußerten Meinungen? Dann Corona: Ich fürchte, dass die Regierungen zwei Jahre so weiter lavieren, bis (nicht nur) Deutschland zu einem Drittland verkommen sein wird, anstatt den eigenverantwortlichen Schutz der Kranken und Alten zu bewirken. Dass die Menschheit beziehungsweise die Milliarden Individuen begreifen werden, wie von Frau Heiartz beschrieben, vorzugehen, vermag ich nicht zu glauben. Das System des immer Höher, Mehr und Schneller bedingt die geistlose Menschenmassenproduktion, die zu beobachten ist. Da halte ich es eher mit der Apokalypse aus der Offenbarung des Johannes (nachzulesen in der Heiligen Schrift).

Heidi Eßer aus Linnich thematisiert die Boni für manche Berufsfelder:

Ich gönne wirklich jedem, der in dieser Zeit sein Bestes gibt, dass er dafür eine Einmal-Zahlung bekommt. Aber warum nur die Altenpfleger? Die tun gewiss ihre Arbeit gut, aber was ist mit dem Pflegepersonal in den Krankenhäusern? Wenn es wirklich brenzlig wird, dann kommen ganz schnell die Kranken aus den Altenheimen in die Krankenhäuser, wo das Pflegepersonal täglich seine Gesundheit riskiert. Ist das Gerechtigkeit? Tut mir leid, aber dafür habe ich kein Verständnis! Ich bin bitterböse...

Peter Bündgens aus Niederzier wundert sich über das Foto zum Artikel „Bundestag beschließt weitere Corona-Hilfen“ vom 15. Mai – auf dem dpa-Bild sind Bundestagsabgeordnete bei einer Abstimmung zu sehen, die zum Teil weder den vorgeschriebenen Mindestabstand einhalten noch Atemschutzmasken tragen:

Da stellt sich mir die Frage: Sind Politiker immun gegen das Coronavirus? Haben die ein nur für besondere Menschen entwickeltes Medikament oder gar schon ein Gegenmittel? Mit und ohne Mundschutz, kein Abstand – also ein Vorzeigebeispiel wie es nicht (!) sein sollte. Oder wissen die gar mehr als wir? Ist Corona besiegt? Oder sind die einfach nur fahrlässig? Gehen die Menschen zu Recht gegen die Einschränkungen auf die Straße? Da ich mir hier nicht so sicher bin, gehe ich kaum unter Menschen, und wenn als Herzpatient nur mit einer N99-Maske. Vorsicht ist halt besser als Nachsicht!