Hückelhoven: Der Ratssaal als ein Käfig voller Narren

Hückelhoven : Der Ratssaal als ein Käfig voller Narren

Das muss ein echt blödes Gefühl gewesen sein: Als sich die geballte Tollitätenriege aus dem Stadtgebiet Hückelhoven zum obligatorischen Gruppenbild zurechtgefunden und in Positur gestellt hatte, stand Sebastian direkt vor Bernd Jansen.

Der ist Bürgermeister in der Nicht-mehr-Zechenstadt. Sebastian ist Kinderprinz bei der Roathemer Wenk. Als Insigne seiner närrischen Macht ziert ihn ein Kopfschmuck; Jansen trägt ganzjährig kaum noch etwas auf dem Haupt. Sebastians schiffchenförmiges Käppi ist mit zwei armlangen Federn, die von wahrscheinlich ziemlich großen Vögeln stammen, bestückt.

Diese Federn hingen Jansen dauernd im Gesicht herum: Mal umschmeichelten sie die Ohren, dann streichelten sie Ober- wie Unterlippe, dann kitzelten sie die Nasengegend, dann wieder tätschelten sie die Backenpartie. Bevor die Sache mit einer Kopfbewegung des Nachwuchsprinzen ins Auge gegangen wäre, nahm der Bürgermeister ohne viel Federlesen die Federenden in die eine, legte die andere Hand auf die Schultern Sebastian III. und bedeute ihm von oben herab, einen Schritt zur Seite zu treten.

Damit hatte Jansen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Rangordnung im wirklichen Leben war wiederhergestellt - und er war das echt blöde Gefühl los. Alles also wieder im Lot beim Prinzenempfang, zu dem der Bürgermeister traditionell in die gute Stube der Stadt geladen hatte.

Die war des Ausnahmezustandes, der dieser Tage im Rheinland herrscht, entsprechend närrisch hergerichtet: An der Stirnwand, wo an anderen Tagen die Verwaltungsspitze und Schreibkräfte thronen, prangten verschmitzt und spitzbübisch lachende bunte Gestalten an der Wand. Bis zur Sitzung des Stadtparlamentes soll der Saal dem Vernehmen nach übrigens wieder in den alten Zustand zurückversetzt werden. Der Ratssaal war für Stunden das, was Kritiker in ihm das ganze Jahr über sehen: Ein Käfig voller Narren.

Da wuselten die blauweiß gewandeten Eierköpp aus Baal herum, die Wenk aus Ratheim glänzte im roten Ornat, die von All onger eene Hoot aus Ratheim changierten in rotgrünweiß, die rotweißen Tipper aus Doveren standen zusammen mit den rotweißen Kappehäuer aus Brachelen, die Hilfarther in Weiß und Blau tröteten, was das Zeug hergab, und die Blauweißen aus Schaufenberg machten ihrem Namen alle Ehre und setzten Frohsinn bis zum Muskelkater auf - es war eine schimmernd buntgemischte Kulisse.

In der nur die rot und schwarz im Gewande führenden Rurblümchen aus Rurich fehlten - sie hatten offenbar verpennt und kamen die Treppe herauf, als manch einer sie schon wieder in die andere Richtung verließ. Regine Latour war wie immer eine der ersten, die kam und eine der letzten, die ging. Für die CDU-Ratsfrau und Vertreterin des Mannes, dem an diesem Tag die Federn im Gesicht so ganz und gar nicht behagten, war es der letzte Prinzenempfang:

„Ich werde 65 und kandidiere nicht mehr für den Rat”, verriet sie. 20 Jahre aktiv in der Politik haben auch bei ihr Spuren hinterlassen: Auf konkrete Fragen antwortet sie völlig unverbindlich. „Werden Sie diese Veranstaltung vermissen?” „Ach wissen Sie: Ich habe mein Amt immer ernst genommen. Jetzt kann ich über meine Zeit frei verfügen.” Alles klar?

Aus der politischen Dunstglocke Hückelhovens war das grüne Urgestein Dr. Henning Herzberg putzig gekleidet unter den Narren auszumachen. Wie steht´s mit ihm? Ist das auch für ihn die letzte Session? Seine Antwort bleibt ein Rätsel, weil der von den Baaler Eierköpp gestellte DJ die Regler auf Anschlag schiebt und das schöne Lied „Humba, humba tätärä, tätärä” mit voller Wucht durch die Boxen dröhnt.

Bernd Jansen scheint das nicht die Bohne zu stören, er genießt das Schunkeln, lässt sich Orden um die Brust hängen, Embleme an Revers heften, von Politik jedenfalls kann an diesem Tag auch mit ihm keine Rede sein: „Sie sehen doch: Die Leute feiern trotz der Krise. Oder vielleicht auch gerade wegen der Krise.” So spricht ein Meister des Sowohlalsauch.