Aachen: Der Preisträger bringt die innere Wärme

Aachen : Der Preisträger bringt die innere Wärme

Strahlender Sonnenschein und wolkenfreier Himmel, so wie bei vielen vergangenen Karlspreisverleihungen, hätte zur diesjährigen an Polens Premierminister Donald Tusk vermutlich nicht so ganz gepasst. Zu groß sind die europäischen Sorgenfalten angesichts der Eurokrise.

Hinzu kommt, dass der Schock des Flugzeugunglücks von Smolensk bei vielen Polen noch nachwirkt. Und so will bei der Übertragung der Zeremonie auf dem Marktplatz zunächst nur wenig Stimmung aufkommen. Bei kühlen sieben Grad harren nur wenige Menschen aus und folgen den Reden von Oberbürgermeister Marcel Philipp, Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem Preisträger Donald Tusk.

Erst nach der Verleihung wird es wärmer. Und zwar von innen.

Einer der Zuschauer auf dem Markt ist Heinrich Michalski. Der 52-Jährige stammt aus Schlesien und hat eine Biographie, die das Verhältnis von Deutschland und Polen im vereinten Europa gut widerspiegelt. Als Deutschstämmiger ist er 1989 aus Polen in die Bundesrepublik gekommen. Er spricht davon, dass die Schlesier damals in Polen nicht sonderlich beliebt waren. „Ähnlich wie die Bayern im Rest von Deutschland”, witzelt er.

Im Übergangslager erhielt er einen deutschen Pass. Die deutsche Identität sei ihm damals sehr wichtig gewesen, er habe sogar vermieden, polnisch zu sprechen. In seiner neuen Heimat Aachen habe man ihn aber immer als Polen gesehen. „Inzwischen ist es mir egal, als was ich identifiziert werde. Ich fühle mich als europäischer Deutscher, der allerdings beim Fußball den Polen die Daumen drückt”, sagt Michalski.

Auch die Karlspreisverleihung würde Michalski sich vermutlich nicht anschauen, wenn nicht ein polnischer Politiker geehrt würde. Seine Ehefrau, die wie er aus Kattowitz stammt, hat er übrigens im Polen-Urlaub kennengelernt. „Ich habe meine Ferien noch nie woanders verbracht”, sagte er und wendet sich der Übertragungsleinwand zu.

Trotz der ungemütlichen Temperaturen läuft Eugen Banach nur in Hemd und Weste über den Marktplatz. Über der Schulter trägt er eine Violine und man identifiziert ihn sofort als waschechten polnischen Volksmusiker. „Ich komme aus Heerlen”, beantwortet Banach mit niederländischem Zungenschlag die Herkunftsfrage. Ebenso wie bei Michalski überschreitet die Identität des 50-Jährigen mehrere europäische Grenzen. Als Kind polnischer Eltern in den Niederlanden geboren, wächst er mit beiden Kulturen auf. „Ich bin in erster Linie Limburger. Das bedeutet für mich nicht nur die niederländische Provinz, sondern schließt Aachen und das belgische Grenzgebiet mit ein”, sagt der zweifache Vater.

Szenen wie bei einem Konzert

Zu den Niederlanden habe er kein sonderlich emotionales Verhältnis. Dafür umso mehr zu Polen. Er fühle sich eben auch polnisch. Und so komme es, dass er sich der polnischen Bergmannsmusik (Muzyka Góralska) verschrieben hat. Mit seiner Gruppe „Banachy”, die nur aus seinen Familienmitgliedern besteht, zieht er in Bergmannstracht über den Markt sowie den Katschhof und wirkt urpolnisch.

Eingefasst wird Banachs limburgisch-polnische Identität von Europa. „Ich bin überzeugter Europäer. Das liegt vermutlich an der Lage hier im Dreiländereck.” Deswegen freue er sich besonders über die Preisverleihung an Donald Tusk, der viel für die Akzeptanz Europas in Polen getan habe. Aber auch Banach beschäftigt die Eurokrise. Er macht sich Sorgen, sieht sie aber nicht als Anlass, die europäische Idee, zu der auch Solidarität gehöre, eine Absage zu erteilen. „Wir müssen diese Krise überwinden und werden als Europa gestärkt aus ihr hervorgehen” sagt Banach überzeugender als mancher Politiker.

Man trifft auf dem Marktplatz viele dieser Menschen mit polnischem Hintergrund, die kein Problem damit haben, einerseits mit der polnischen Fahne „ihren” Ministerpräsidenten zu feiern, und andererseits fest verwurzelt in der Region zu sein. Und die all das als Bekenntnis zu Europa begreifen.

Das erkennt man spätestens, als Donald Tusk nach der Zeremonie gemeinsam mit Angela Merkel und OB Philipp den Balkon des Rathauses betritt. Wie aus dem Nichts schwenken viele Menschen die polnische Fahne und singen „Sto lat”, was übersetzt „Hundert Jahre” bedeutet, und ein traditionelles polnisches Glückwunsch-Lied ist. Nachdem er auf dem Katschhof weitere Glückwünsche entgegengenommen und den Marktplatz erneut überquert hat, nimmt Tusk sich die Zeit, mit den Menschen an den Absperrgittern zu sprechen.

Dort spielen sich dann Szenen ab, die eher an ein Konzert, als an eine Karlspreisverleihung erinnern. Tusk verteilt Autogramme auf Kappen mit polnischem Wappen und entblößte Unterarme. Immer wieder setzen „Donald, Donald”-Sprechchöre ein und eine ältere Dame flüstert ihrer Nachbarin zu: „Das ist aber ein attraktiver Mann.”

Und plötzlich ist sie da, die innere Wärme. Man spürt, dass Tusk das Bad in der Menge genießt und sieht beim Publikum in fast beseelte Gesichter. Vielleicht kann man diese Schlechtwetter-Verleihung auch als Bild für die Situation Europas verstehen: Trotz widriger Bedingungen an die europäische Idee glauben und gemeinsam für sie einstehen. Oder mit den Worten von Heinrich Michalski: „Wir schaffen das.”