Bremen: Der lächelnde Leuchtturm deutscher Politik

Bremen : Der lächelnde Leuchtturm deutscher Politik

Am Ende dieses ganz normalen Tages im Leben des Bremer Bürgermeisters und AKV-Ordensritters hat Henning Scherf etwa 200 Hände gedrückt („Tach auch”), 100 Schultern geklopft („Ich mag Mutmacher”), 50 Menschen umarmt („Hallo Süße, wo warst du?”).

Als Zugabe hat er zwei kräftige Kutscherpferde auf dem Bremer Marktplatz gestreichelt („Ja,ja,ja,ja,ja,ja”).

Das Schild vor den Rössern „Bitte nicht berühren” stellt der 2,04 Meter große Leuchtturm der deutschen Politik kurzerhand beiseite. Ein Scherf lässt sich doch nicht das „Durchscherfen” verbieten, wie viele Medien die von ihm gelebte Zuneigung nennen.

Der präzisiert seine Auffassung vom Umgang miteinander so: „Anbandeln, aufeinander achten, einander aushalten, zusammenrücken.” Dem Vermittlungsausschuss des Deutschen Bundestages, dessen Chef er ist, hat das gut getan. So ist der Mann. Authentisch, positiv - und zwar ohne PR-Berater.

Ohne Bodyguard, Dienstwagen und Luxusvilla sowieso. Stattdessen ersetzen Gesten, Drahtesel und eine Wohngemeinschaft das übliche Ambiente deutscher Spitzenpolitiker. Und wenn Henning Scherf mit seinem breiten Grinsen Unter- und Oberkiefer weit entblößt, dann wird schnell klar: Der einstige linke „Kapitalistenfresser” und heutige Freund der Wirtschaft kocht nicht nur mit Wasser - er trinkt es auch heiß: Ihm half dies unter anderem gegen seine jahrelange Migräne.

Nach vollendeter Pferdetätschelei bummeln wir über den Markt gen Buchhandlung „Storm”, wo Scherf signieren soll. Und erfahren, dass Bremen zum Dorf wird, wenn der Bürgermeister unterwegs ist.

„Haben Sie meinen Brief bekommen?” hält ihn ein Passant an. „Wann haben Sie ihn abgeschickt?” „Gestern.” „Der liegt dann in meinem großen Stoß.” „Werden Sie ihn lesen?” „Klar doch, wie ist ihr Name?” Handschlag, Wiedersehen, Abgang.

„Tach auch"

Ankunft Buchhandlung. „Tach auch.” Rund 50 Leute sind da. „Das kann jetzt dauern”, flüstert seine Pressesprecherin. Start zum „Durchscherfen”. Jeder wird persönlich begrüßt, einer kommt aus Wedel: „Da lebt mein Bruder, wenn der in Urlaub ist, füttern wir dort die Hühner”, erzählt Scherf.

Klatsch, fällt die tellergroße Hand auf dessen schmale Schulter. Im Anschluss große Pressekonferenz im Rathaus: Bekanntgabe des Politikums, dass die Bremer Stadthalle zum AWD-Dome wird, der Finanzdienstleister hat sich für fünf Jahre verpflichtet. Hanseatisches Wasser auf die Innovationsmühlen Scherfscher Politik.

Am Rande sagt uns der millionenschwere AWD-Vorstandsvorsitzende Carsten Maschmeyer: „Scherf ist ein Brückenschlager, der jedem das Gefühl gibt, wichtig zu sein.”

Sein CDU-Stellvertreter Hartmut Perschau, Partner der Großen Koalition, formuliert es so: „Der Mann ist ein Menschenfänger, der immer viel Kitt mit sich hat.” Und bei Problemen? „Dann frühstücken wir so lange, bis alles geklärt ist.”

Ein Menschenfänger

Schlaraffenländle Bremen? Fast scheint es so, wenn wir in der historischen Böttcherstraße wie durch eine Puppenstube laufen - alle fünf Meter angehalten von Oma Hinrichs, Werder-Fan Müller oder Hafenbewohner Sowieso. Endlich Ruhe.

Im urigen Restaurant „Ständige Vertretung” macht sich Scherf mit Bärenhunger über ein Zanderfilet her, bevor ihm auffällt, dass uns noch nichts aufgetischt wurde: „Typisch WG-Typ, ich habe schon angefangen.”

Und dann plaudern wir über seine achtköpfige WG, deren Kühlschränke er durchforstet, wenn der eigene leer ist. Über Ehefrau Luise, in die er sich mit 17 Jahren rettungslos verknallte.

Über Tochter Caroline, eine von drei Kindern, deren Klassenkamerad Werder-Trainer Thomas Schaaf war: „Wir werden Meister, und Alemannia soll aufsteigen”, so sein fußballerisches Wunschkonzert bei einer Platte Flammkuchen zum Nachtisch, den er alleine verputzt.

Wir streifen durch sein Leben wie im Transrapid, dessen Streckenbau der Bürgermeister von Amsterdam über Bremen nach Hamburg fordert: Seinen pazifistischen Einsatz in Nicaragua, wo er unter den Kugeln der Contra-Rebellen Kaffee pflückte, seine Nächte in besetzten Häusern bis hin zum langen Sterben einer Freundin und dem Tod ihres Sohnes in seiner WG, „die dadurch so zusammenrückte, dass sie zur Familie wurde”.

Resignierter Fotograf

Es sprudelt aus ihm heraus, ohne Punkt und Komma. Auch, als wir ihm die Wandlung von Saulus zum Paulus vorhalten - als linker Flügelmann zum beinharten Sanierer, als Wehrdienstverweigerer zum Partner des früheren Berufssoldaten Perschau: „Ist schon schwierig, alles unter einen Hut zu kriegen, aber auch als Juso war ich schon immer auf Verständigung aus.”

Letztere schlägt sich deutlich im Mobiliar seines Büros nieder - in seinem Schreibtisch, der im Durchmesser von zwei Metern kreisrund ist. Der kolossale Arbeitsplatz wurde von einer Behindertenwerkstatt angefertigt.

Zur Verdauung des opulenten Mahls drehen wir ein paar Runden auf dem Fahrrad durch die Altstadt. Letztes Bild vor der Rathaustür. Fotograf Thorsten Baering versucht, ihn dort zu porträtieren.

Scherf hat Position bezogen. Das Problem: Er guckt nicht in die Kamera. Von links spricht ihn eine Frau an: „Ich verehre Sie, Herr Bürgermeister.” Von rechts kommt ein Mann: „Alles klar, Herr Bürgermeister?”

So geht das minutenlang. Irgendwann beginnt der Promi-erfahrene Baering zu resignieren: „Das habe ich noch nie erlebt. Dem sind die Menschen wichtiger als ein Fototermin.”