Aachen: Der Graf bleibt im Verborgenen

Aachen: Der Graf bleibt im Verborgenen

Da steht er im schwarzen Gehrock, inmitten einer vielbefahrenen Kölner Schnellstraße, hinter ihm die gläserne Kuppel eines Bekleidungsdiscounters, in der linken Hand ein Notizbuch. Das Umschlagfoto der offiziellen Autobiografie des Mannes, der sich „Der Graf“ nennt, steht für sein Pop-Projekt „Unheilig“, das er äußerst erfolgreich in Personalunion betreibt.

Ein Enddreißiger, der offensichtlich ungern in Wohlfühl-Kleidung nachts auf irgendwelchen Großstadtstraßen steht — was sagt das aus? Möglichst wenig Konkretes.

„Der Graf“ war als Charakter bislang kaum greifbar und so soll es scheinbar auch bleiben. Vielleicht, um reichlich Projektionsfläche zu bieten, was mithin als nachhaltig wirkendes Erfolgsrezept im Popgeschäft gilt. Solange man es nicht übertreibt mit der Beliebigkeit. Des Grafen Buch, das den fulminanten Titel „Als Musik meine Sprache wurde“ trägt, soll Abhilfe schaffen, hinter die Leinwand schauen lassen.

Einblick ins Leben?

„Viel wurde über Unheilig und den Grafen geschrieben und gesagt — aber noch nie hat er sich selbst umfassend und ausführlich zu sich und seiner Person geäußert“, will der Buchdeckel vollmundig glauben machen. Tatsächlich gewährt die teils gekürzte, teils ergänzte, vielfach redigierte Neufassung des „Unheilig“-Buchs „Bis zur Großen Freiheit“ Einblick ins Leben einer Persönlichkeit, die oft gegen das eigene Unvermögen ankämpfte — am Rande. Greifbar wird der Mann dadurch nicht. Weder will „Der Graf“ wissen lassen, ob er aus Würselen oder aus Aachen stammt, noch teilt er sein Alter mit.

Deutschlands derzeit bestbezahlter Seelsorger hat vermutlich von Jürgen Fliege gelernt. Während der TV-Pfarrer mikroskopische Seelenschau betrieb und damit zum Auslaufmodell der sensationshungrigen Moderne wurde, bleibt „Der Graf“ im Gefühligen statisch und wirkt damit furchtbar modern.

Er lässt teilnehmen, wenn er von seinen Leiden als stotternder Jugendlicher erzählt. Er berichtet davon, dass seine Furchtsam-Rhetorik Hits wie „Geboren um zu leben“ und „An deiner Seite“ zustande brachte.

Er lässt seine Zeit als Soldat an der Nato-Airbase bei Geilenkirchen Revue passieren, schildert seine Essstörung, erklärt seinen Weg vom Fürsten der Dunkelheit mit weißmilchig schimmernden Kontaktlinsen bis zur Herbert-Grönemeyer-Konkurrenz, die seine Plattenfirma an ihm ausmachte. Allein was er damit sagen will, bleibt schleierhaft.

Offensichtlich aber wird in der Dramaturgie des Buchs, wie sehr es als Image-Werkzeug in eigener Sache dienen soll. Nur einmal lässt „Der Graf“ ein wenig hinter die maskenhaft aufgesetzten Banalitäten blicken. Es ist sein Vater, der ihm irgendwann unvermittelt eine bewegende Form der Bestätigung gibt, die den tatsächlichen „Grafen“ spürbar werden lässt.

Größter Hit

Für ein drittel Kapitel wird er greifbar, authentisch. Drumherum geht’s auffallend humorfrei zu, was ein Hinweis auf den Erklärungsversuch für das Phänomen „Unheilig“ sein könnte, den das Buch schuldig bleibt. „Wir war’n geboren, um zu leben, mit den Wundern jeder Zeit. Sich niemals zu vergessen, bis in alle Ewigkeit“, tönt „Der Graf“ in seinem größten Hit und man ist gewillt zu fragen, was ihn eigentlich antreibt, derlei Selbstverständlichkeiten in ein Land zu tragen, das offenbar empfänglich ist für solche Pseudo-Erlösungsschriften.

Er, der nette Graf von nebenan, hat es sicher gut gemeint, mit seiner Musik, all seinen Hitparaden-Erfolgen und mit seiner Autobiografie, die eine wichtige Meta-Botschaft für alle Graf-Nachahmer enthält: die Halbwertzeit eines Popstars ist erschreckend kurz geworden.

Oder lässt es sich anders erklären, dass jemand, der sich gerade auf dem geschätzten Zenit seines Schaffens befindet, bereits jetzt, mit knapp 40, sein Leben in Buchform Revue passieren lässt?

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