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Ein Irrtum und die Wahrheit: Heißt die Grippe jetzt einfach nur Corona?

Ein Irrtum und die Wahrheit : Heißt die Grippe jetzt einfach nur Corona?

Je länger die Pandemie dauert, desto größer scheint oft in der Öffentlichkeit die Verwirrung darüber zu werden. Eine These hält sich hartnäckig: Corona sei tatsächlich nur die übliche Grippewelle – und auch nicht gefährlicher.

Die Meldung sorgte vor Wirbel: Die Grippe fiel in diesem Winter praktisch aus. Nur 519 im Labor bestätigte Fälle gab es in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen waren es ganze 88 Fälle der meldepflichtigen Krankheit. Im Vorjahr um diese Zeit gab es hierzulande mehr als 184.000 labordiagnostisch bestätigte Infektionen. Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW waren es rund 26.000 Fälle von Influenza, wie der medizinische Name von Grippe lautet.

In Sozialen Netzwerken, wo inzwischen fast jede Neuigkeit zum Thema Coronavirus heftigste Reaktionen auslöst, war für viele Leser die Sache klar. „Die Grippe heißt jetzt einfach nur Corona!“, schrieben etliche Kommentatoren auch auf den Facebookseiten unserer Zeitung. Die Warnungen und Schutzmaßnahmen: reine „Panikmache“.

Dass dem nicht so ist, betont unter anderem Clemens Wendtner, Chefarzt am Klinikum Schwabing in München. „Ich habe bereits wiederholt – auch in verschiedenen Medien – gesagt, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 deutlich gefährlicher ist als das Influenzavirus“, sagte Wendtner im Januar gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Das gelte sowohl für die Ansteckungsgefahr, als auch für den klinischen Krankheitsverlauf und die Sterblichkeit. Die Sterberate bei Covid-19 liege in Deutschland bei etwa 1,0 Prozent, für Influenza bei 0,1 bis 0,2 Prozent, erklärte Wendtner.

Pikantes Detail am Rande: Wendtner selbst hatte im Februar 2020, also noch vor der ersten Corona-Welle, Covid-19 (die Erkrankung an dem Coronavirus) zunächst als harmloser eingestuft als die Grippe. Diese Aussage wurde von Corona-Skeptikern immer wieder als Beleg für die angebliche Ungefährlichkeit von Covid-19 angeführt. Als im Lauf des Jahres 2020 dann immer mehr Daten vorlagen, korrigierte Wendtner seine ursprüngliche Einschätzung ins Gegenteil.

Ähnlichkeiten zwischen Influenza-Infektionen und Sars-CoV-2-Infektionen sind allerdings vorhanden, was den Irrtum verständlich macht. Beide Krankheiten gehen anfangs oft mit ähnlichen Symptomen einher: Husten, Halsschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit. Tatsächlich ist Sars-CoV-2 weit tödlicher als Influenza-Viren, wie auch eine Studie französischer Forscher belegt hat, die in der führenden medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde.

Die Wissenschaftler analysierten die Daten von mehr als 135.000 Patienten, die sich jüngst mit Sars-CoV-2 beziehungsweise mit Influenza-Viren infiziert hatten. Das Ergebnis: Lag die Sterberate der Covid-19-Patienten bei 16,9 Prozent, nahm bei Influenza-Patienten die Erkrankung nur in 5,8 Prozent der Fälle einen tödlichen Verlauf; ein Unterschied von nahezu Faktor drei.

Zudem mussten deutlich mehr Covid-19- als Grippe-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden, so die Studienautoren weiter. Gefährlich ist Sars-CoV-2 auch, weil bei einem neuartigen Virus wie diesem noch kaum oder gar keine Grundimmunität in der Bevölkerung vorliegt – das Virus kann sich dann schneller ausbreiten.

Und warum ist die Grippe plötzlich ausgestorben? Die Antwort liegt auf der Hand. Millionen Menschen in Europa achten im Alltag auf Mindestabstände und Hygiene, tragen Atemmasken, lüften Räume, arbeiten im Homeoffice, verzichten auf Präsenzveranstaltungen an Schulen und Universitäten. Da diese Maßnahmen laut Robert-Koch-Institut „mehr oder weniger in allen Ländern weltweit gegen die Corona-Pandemie genutzt wurden“, hätten Grippeviren weltweit und auch schon im Sommer 2020 auf der Südhalbkugel kaum noch messbar zirkuliert.

Und noch etwas hat sich in der Pandemie geändert: Das Interesse an der Grippe-Schutzimpfung war insbesondere zu Beginn der ersten und zweiten Corona-Welle größer als normalerweise. Von März bis Dezember 2020 sind nach Daten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) rund 3,5 Millionen mehr solcher Impfungen vorgenommen worden als im Vorjahreszeitraum.

Im übrigen ist es nicht nur die Grippe, der das Leben durch die Infektionsschutz-Maßnahmen schwer gemacht wird. Bei Masern verzeichnet das Robert-Koch-Institut einen Rückgang von 85 Prozent, bei Keuchhusten einen von 63 Prozent. Auch innere Erkrankungen, die etwa durch Noroviren oder Rotaviren ausgelöst werden, gingen um rund 80 Prozent zurück. Malaria und Denguefieber gingen um rund dreiviertel aller Fälle zurück.

Erstaunlicherweise scheinen die öffentliche Corona-Debatte und die Reduzierung der Sozialkontakte in vielen europäischen Ländern sogar Auswirkungen auf die Verbreitung von Infektionskrankheiten zu haben, die durch Blut oder Sexualkontakte übertragen werden. Die Erkrankungen mit HIV oder Hepatitis B und C gingen um ein Viertel zurück, wie das RKI in seinem Epidemiologischen Bulletin 7/2021 vermeldete.

(heck/dpa)