Leserbriefe zu Corona und Schlachthöfen: Billiges Fleisch, die Gier und ein Generalverdacht

Leserbriefe zu Corona und Schlachthöfen : Billiges Fleisch, die Gier und ein Generalverdacht

Wer ist verantwortlich für den Corona-Ausbruch im Tönnies-Schlachthof? Wie viel Geld darf Tierwohl kosten? Warum wird über die Arbeitsbedingungen in der Fleischbranche erst jetzt diskutiert? Hier die Leserbriefe zum Thema.

Ruth Derichs aus Geilenkirchen merkt zum „Seite Drei“-Text „Kommt mit dem Lockdown die Reform?“ an:

Nun können wir uns alle über Herrn Clemens Tönnies & Co. aufregen, aber wir alle tragen die Verantwortung dafür, dass unter diesen Umständen Fleisch produziert wird, und wie vieles bei der Pandemie fällt uns das jetzt mal so richtig auf die Füße. Wir haben es nämlich geschafft, Fleisch zum annähernd gleichen Preis zu kaufen oder verkaufen wie Gemüse, Obst oder Kartoffeln, obwohl in dem Fleisch nicht nur das Tier, sondern auch noch dessen Futter (unser Essen) steckt. Klar sackt die Fleischindustrie das meiste Geld ein, aber wer die Bilder der letzten Tage (auch aus der Kantine bei Tönnies oder dem Zerlegen am Fließband) gesehen hat, muss sich doch ernsthaft fragen, ob das die Bedingungen sind, unter denen wir unsere Nahrungsmittel produzieren (lassen) wollen. Wer immer sich nun in Funk, Fernsehen oder sonst wo aufregt, dass er schon wieder im Lockdown ist, sollte sich also auch mal fragen, ob er denn auf preiswertes, um nicht zu sagen billiges Fleisch verzichten möchte oder verzichtet hat. Wenn wir dann noch eine Landesregierung haben, die erst reagiert, wenn die anderen Bundesländer den Menschen aus den betroffenen Kreisen/Landkreisen/Städten sozusagen die Einreise zum Urlaub verweigern ..., dann haben wir gleich doppelt versagt – oder wie war das mit 50 aus 100.000? (Anm. d. Red.: Wenn ein Landkreis in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 gemeldete Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner verzeichnet, müssen Maßnahmen wieder verschärft werden.) Bei allem Mitgefühl – da hilft leider nur konsequentes Handeln ...

Norbert Collet aus Herzogenrath meldet sich zum Beitrag „Sie haben die Lage nicht im Griff“ über den spät verhängten Lockdown in Warendorf und Gütersloh, wegen dem es Kritik an NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hagelte, zu Wort:

Mit kühlerem Kopf hätte Laschet klar sein können, dass beim geringsten Aufflackern von Neuinfektionen ihm die Schuld angelastet wird; so nun geschehen und nachvollziehbar. Wenn auch die Wortwahl einiger Kritiker sehr verbesserungswürdig ist. Zum Beispiel vom SPD-Oppositionsführer Thomas Kutschaty: „… Zaudern und Feigheit …“. Zaudern ist ein Ausdruck von Führungsschwäche – das muss er sich anlasten lassen –, aber Feigheit? Auch Genossen der SPD müssen sich klar da­rüber sein, wem die Schuld an dieser Katastrophe anzulasten ist: Herrn Tönnies und anderen Verantwortlichen in der unseligen Fleischindustrie, in der wissentlich zugelassen und geduldet wird, dass Menschen für Hungerlöhne arbeiten und in Verhältnissen leben müssen, die zum Himmel schreien. In einem Land wie unserem, das auf die Freiheit und mit dem Wohlstand seiner Bürger zu Recht zufrieden sein darf, ist das eine Schande, die grausam ist und nicht geduldet werden darf.

Dieses Wissen ist nicht neu, die Zustände, die mir ähnlich einem schwärenden Geschwür vorkommen, existieren schon seit vielen Jahren. Nach der Rechtslage kann das nur in Berlin geändert werden, nur dort werden die Gesetze für den Arbeitsmarkt erarbeitet und verabschiedet. Unser SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil ist bestimmt ein aufrechter Mann, der sich kümmert. Nach meiner Wahrnehmung der letzten Jahre hat er sich aber sehr vehement dafür eingesetzt, um – manchmal auch kleinere – Gerechtigkeitslücken in unserem Sozialsystem zu schließen. Ihm darf ich nun vorwerfen, dass seine Prioritäten nicht immer die richtigen waren.

Michael Jocham aus Aachen äußert sich zum Interview „Mehr Tierwohl kostet Geld“ über die Arbeitsbedingungen in der Schlachtindustrie mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner:

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat mal wieder zu einer Showveranstaltung geladen. Da werden wieder Ankündigungen zum Thema Tierwohl und Tierhaltung verkündet, jedoch zur Umsetzung wird es wie schon so oft nicht kommen. Darin unterscheidet sie sich nicht von ihren Vorgängern quer durch alle Parteien. Von überparteiischen und gesamtgesellschaftlichen Lösungen ist die Ministerin jedenfalls meilenweit entfernt.

Marita Christen aus Simmerath hat sich Gedanken zum „Fleisch-Gipfel“ gemacht:

Hier frage ich mich ernsthaft: Was sollte das? Ging es um Systemveränderung oder schlicht um die Erarbeitung einer Strategie, das kranke System zur maximalen Gewinnoptimierung der großen Player aufrechtzuerhalten? Immerhin beschlossen wurde: Fleisch muss teurer werden, damit wir unmoralischen, gierigen Verbraucher endlich wieder eine Wertschätzung für das Lebensmittel Tier erhalten. Und natürlich braucht es unbedingt auch ein weiteres, zu nichts verpflichtendes Label!

Fazit: Für die seit Jahren von den Großen der Fleischindustrie ausgebeuteten Menschen und gequälten Tiere ändert sich wohl wieder nichts. Millionen von Bürgern stehen seitens der Politik unter Generalverdacht, Tierquälerei und menschenverachtendes Vorgehen durch ihr Kaufverhalten zu fördern. Nur die Wahrheit kam wie immer nicht zur Sprache. Seit Jahren ist bekannt, dass es zur Marketingstrategie der großen Handelsketten gehört, Fleisch als Lockartikel zur Gewinnoptimierung für ihr gesamtes Sortiment zu missbrauchen. Die Großen der Fleischindustrie haben über Jahre erfolgreich die Familienbetriebe vom Markt verdrängt und die Effizienz ihrer Massenproduktion zum Leid von Tier und Mensch zwecks Gewinnoptimierung bis zur Perversion ausgebaut. Und ebenfalls seit Jahren sieht unsere Politik sich nicht in der Lage, hier mit Gesetzen dieser ausgeuferten Gier entgegenzuwirken. So werden Menschen weiterhin ausgebeutet und Lebewesen zur Ramschware degradiert. Ich jedenfalls investiere gerne weiterhin etwas mehr Zeit und Geld und kaufe Fleisch beim Metzger meines Vertrauens.

Günter Vogel aus Jülich meint zu den Fleischfabriken:

Alle regen sich auf über den Corona-Ausbruch bei Tönnies, noch größere Aufregung gibt es über die Sklavenhalterzustände in solchen Betrieben. Was für eine himmel­schreiende Doppelmoral! Denn viele, die jetzt lauthals kritisieren, was für ausbeuterische Subunternehmen da am Werke sind, laufen fast im gleichen Atemzug zu den „Erst mal zu P...“-,­­ „Dann geh doch zu N...“- und „Alles zum A...-Preis“-Discountern, um in Massen massenhaft produziertes Fleisch einzukaufen, das vielfach billiger ist als Hundefutter in Dosen. Denn: Der Grill kann nicht teuer genug sein, um mit ihm als Statussymbol wie beim Auto anzugeben, Hauptsache die Würste drauf sind billig. Da guckt der Verbraucher schon mal gerne in die andere Richtung, um das Elend (für Tier und Mensch) nicht zu sehen. Aber halt: Wie sieht es denn sonst so aus in der Produktion von Lebensmitteln? Der Spargelpreis lag zu Saisonbeginn vergleichsweise hoch. Dabei müsste er eigentlich mindestens doppelt so hoch sein. Denn wie in der Fleischindustrie gibt es auch auf unseren Erdbeer- und Spargelfeldern, überhaupt auf den großen Obstplantagen, die gleichen nicht hinnehmbaren Zustände für die Arbeiter wie bei Tönnies in den Fleischfabriken. Da haben wir aber noch mal richtig Glück gehabt, dass die osteuropäischen Erntehelfer sogar per Flugzeug hierher kommen konnten, damit wir auch da zu Spottpreisen zuschlagen können. Und seien wir mal ehrlich: Die Plackerei sieht man den Erdbeeren doch gar nicht an.

Mia Heiartz aus Aachen stellt klar:

Unser innerer Schweinehund ist mächtig und extrem raffiniert. Von den Zuständen in der Fleisch- und Tierindustrie wussten die meisten schon lange vor der Corona-Pandemie. Jeder medienbestückte Mensch weiß, dass ein Fleischpreis unter zehn Euro pro Kilo nur mit extremem Leid für Tiere und ausgebeuteten Arbeitern und einem tüchtigen Subventionszuschuss möglich ist. Würden die kaum reversiblen Klima- und Umweltschäden mitgerechnet, wäre ein Fleischpreis unter 100 Euro pro Kilo nicht möglich. Aber die Produzenten, die Supermärkte, die Politik und sogar die AN/AZ (siehe Grillbeilage) (Anm. d. Red.: In der Grill-Beilage gab es auch etliche Rezepte ohne Fleisch oder mit Fisch. Mit keinem Wort haben wir an die Verbraucher appelliert, Billigfleisch zu kaufen – im Gegenteil: Die Inserate waren überwiegend von lokalen und regionalen Metzgern oder von Bauern, die den Fleischkauf direkt vom Erzeuger anboten) appellieren weiterhin rigoros an unseren inneren Schweinehund, nicht über unser Harakiri-Verhalten nachzudenken. Das klappt nicht nur, wenn es um Fleisch geht, sondern in den meisten Lebensbereichen. Ein Kilo Mehl für 49 Cent, eine Melone für 99 Cent, ein Liter Milch für 59 Cent? Solche Preise sind ein unmenschliches Verbrechen an allen Beteiligten – außer an denen, die dabei gnadenlos einsacken. Es ist nicht leicht, seinen inneren Schweinehund zu be­obachten und entsprechend zu handeln, weil wir dann ein ganz neues Denkprogramm „installieren“ müssten.

Zum anderen sind wir es uns aber selbst schuldig, ehrlich, mitfühlend und Leben erhaltend in der Welt zu stehen.

Friedrich Blaul aus Vettweiß versetzt sich gedanklich in die Tiere auf den Schlachtbänken:

Ich bin ein Schwein und kann mich nicht bewegen. Eine grüne Wiese habe ich nie gesehen. Ich werde mit Mastfutter und Antibiotika vollgestopft. Ich werde nur gequält. Ich muss mit wenig Futter in möglichst kur­zer Zeit viel mageres Fleisch produzieren. Das ist nicht artgerecht. Wie gerne würde ich mich einmal in einem Schlammloch suhlen, da würde ich sicher auch einige Politiker und Lobbyisten der Fleischindustrie treffen, denn das sind auch Schweine. Guten Appetit wünscht dir das Schwein!

Heike Bohnes aus Aachen merkt zum Bericht „Stillstand bei Tönnies könnte Tierschutz gefährden“:

Wo sind wir eigentlich angekommen? Da muss ein Betrieb, der 40.000 bis 50.000 Tiere am Tag (!) schlachtet und zerlegt, wegen massenweiser Corona-Infektionen vorübergehend schließen, und die Schließung wird tatsächlich mit „Tierschutz“ in Zusammenhang gebracht. Wie roh oder abgestumpft muss man sein, um im Zusammenhang mit Massentierhaltung und Massenschlachtungen von „Tierschutz“ zu sprechen? Unsere Landespolitiker ebenso wie unsere Bundespolitiker tun dank eines hervorragenden Lobbyismus der Fleisch- und Tierzuchtindustrie alles, damit echter Tierschutz in der Massentierhaltung möglichst nicht ankommt. Eine Farce, sich jetzt angeblich darüber Gedanken zu machen, dass bereits aufs Äußerste gequälte Tiere noch länger gequält werden. Und nein! Es liegt nicht am Verbraucher, der „billiges Fleisch“ fordert! Es liegt an der Politik, die sich weigert, gesetzliche Regelungen zu treffen, die dem Tier­elend in der Massentierhaltung und Massenschlachtung ein Ende setzen würden.

Birgit Heitmann aus Aachen geht auf den „Seite Drei“-Text „Harte Zeiten für die Fleischindustrie“ ein:

Danke für den ausführlichen Artikel! Darin wird deutlich, wie sich weiterhin alle darum bemühen, eigene Nachteile zu verhindern. Änderungen – wenn überhaupt – werden sogar weitere 20 Jahre hinausgezögert. So lange können wir, die Tiere, die Erdoberflächen, die Missstände aber nicht warten. Es wird auch deutlich, dass die Qualen und Schmerzen der Tiere weiterhin aus dem Fokus gerückt werden. Außer den demonstrierenden Tierschützern kümmert sich keiner um diese tagtägliche und jahrelange grausame Quälerei, obwohl Tierquälerei gesetzlich verboten ist. Trotzdem wird weitergemacht, sogar mit Wissen einer breiten Öffentlichkeit und der Justiz. Unsere Justiz lässt die Verbrechen geschehen und serviert in ihren Kantinen sogar diese Produkte. Denn Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit, Egoismus sind weiterhin stärker als Gesetz, Klugheit, Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Es ist ja so bequem, alles fertig serviert zu bekommen. Das nutzt die Lebensmittelindustrie aus und serviert überall Fleisch von den gequälten und kranken Tieren, voller Antibiotika und sonstiger Medikamentenrückstände. Überall werden zuckerhaltige Dickmacher (Fertigprodukte) verkauft. Es gibt immer mehr dicke und sehr stark übergewichtige und somit kranke Menschen. Es muss also viel mehr und öfter darüber veröffentlicht werden, damit erstens die Tierquäler unter Druck geraten und aufhören, und zweitens die dringend notwendige Kehrtwende zu einem gesünderen Leben ohne weitere Gülleverseuchung der Böden, ohne Pestizid-Verseuchung unserer Nahrungspflanzen passiert. Die Bienen sterben bereits aus, obwohl sie für unsere Pflanzennahrung sorgen. Denn eine gesunde Erdoberfläche mit ihren Pflanzen ist schließlich die Grundlage für unser Leben. Die darf nicht länger mit Pestiziden und Gülle verseucht werden.

Horst Droste aus Simmerath befasst sich ebenfalls mit dem Fleischskandal:

Die Verbraucher und besonders die fleischessenden Bürger sind über die Zustände in den Fleischfabriken überrascht und gehen auf die Barrikaden.

Es gab in den Jahren des Aufbaues der BRD Schlachthöfe, in die die Viehbauern mit ihren Tieren in den Schlachthof fuhren – keine Massentransporte – und dort ihre Tiere schlachten ließen. Keine Bedenken über die Qualität der Tiere, deren Haltung, deren Töten in den Schlachthöfen und die damit einhergehende Sauberkeit in den Schlachthöfen. Die Beschäftigten in den Schlachthöfen waren vom Schlachthof angestellt und erhielten auch von dort ihren Lohn. Plötzlich wurde der Hunger nach Fleisch immer größer, und die Viehwirtschaft hatte ihre Chance entdeckt und begann mit der Massenproduktion ohne Rücksicht auf das Mitgeschöpf Tier. Dieses wurden unter katastrophalen Verhältnissen untergebracht und gehalten. Es entstanden große Fleischfabriken, die die Tier- beziehungsweise Fleischmassen bearbeiten können. Dazu benötigte man eine Menge Mitarbeiter. Man will ja viel Gewinn machen und den Discountern die Produkte billig anbieten. Die Fleischfabriken waren gezwungen, durch die Einkaufspolitik der Discounter und Supermärkte billig zu produzieren und suchten sich in Osteuropa billige Arbeitskräfte, um dem Preisdruck entgegenzuwirken.

Die Würde des Menschen und die des Tieres waren auf der Strecke geblieben. Was sind wir Deutsche für erbärmliche Geschöpfe. Ich wünsche, dass unsere so „aktiven“ Politiker nur einen Tag in solch einer Fabrik arbeiten und natürlich auch in den Unterkünften wohnen müssten. Ich schäme mich für unser Land, dass solche Zustände bisher gebilligt wurden.

Bernd Sacknieß aus Düren beschäftigt der Artikel „Arbeit, Schlaf, Arbeit, Schlaf“:

Danke für den Bericht! Während sich die Medien bezüglich des Lockdowns in Gütersloh und Warendorf nahezu ausschließlich mit optimalen Urlaubsplanungen befassen, habe ich ähnlich umfangreiche Berichte zur Situation der von Quarantäne betroffenen Tönnies-Mitarbeiter vermisst. Das finde ich beschämend! Vor allem die Menschen aus Osteuropa befinden sich jetzt in einer besonders schwierigen Situation, wie es auch Ihrem Artikel zu entnehmen ist.

Wann nehmen wir sie endlich als Menschen wahr und nicht nur als billige und fremde Arbeitskräfte? Für deren menschenwürdige Unterbringung, Versorgung und Behandlung müssen wir uns ebenso interessieren und Hilfen organisieren. Wenn wir das nicht tun, stehen wir auf der gleichen moralischen Ebene wie Management und Leitungsebene in Fleischunternehmen und Subunternehmen. Die Medien müssen zu der Lage der Mitarbeiter genauso umfassend berichten und über Hilfsinitiativen informieren. Wie sieht es mit dem unternehmerischen, staatlichen und bürgerlichen Engagement für die ausländischen Mitarbeiter in ihren beengten Unterkünften aus? Dort gibt es in der Quarantäne extreme gesundheitliche, soziale und psychische Belastungen.

Denken wir also nicht nur an Urlaub und an unsere Wurst- und Fleischpakete für den Grill, sondern auch an die Mitmenschen in Quarantäne, die dafür unter zum Teil skandalösen Bedingungen arbeiten und leben. Recherchieren Sie bitte bald auch in diese Richtung!