Aachen: Ciampi: Rettet die Zukunft Eurer Kinder!

Aachen : Ciampi: Rettet die Zukunft Eurer Kinder!

Geprägt von einem sympathischen Preisträger, überraschend gutem Wetter, fröhlicher Stimmung, aber überschattet auch von der Sorge, dass das Projekt der europäischen Einigung ins Stocken gerät, womöglich gar scheitern könnte, hat Aachen Carlo Azeglio Ciampi gefeiert.

Dem italienischen Staatspräsidenten wurde im Krönungssaal des Rathauses der Karlspreis verliehen. Angesichts des derzeit weit verbreiteten Missmuts gegenüber Europa und seinen Institutionen wandte sich Ciampi eindringlich an die europäische Jugend.

Er appellierte an sie, den Elan der EU-Gründerväter aufzunehmen: „Nur so werdet Ihr Eure Zukunft und die Eurer Kinder retten.” Europa mangelt es nach Ciampis Überzeugung an Leidenschaft, Enthusiasmus, Zuversicht. Die benötige das Projekt der Integration jetzt vor allem von jungen Menschen. Nachdrücklich rief er zu mehr Engagement auf: „Nachdem Europa geschaffen worden ist, müssen wir uns nun einsetzen, um die Europäer zu schaffen.”

Ähnlich äußerte sich Bundespräsident Horst Köhler: „Was wir jetzt brauchen, sind überzeugte und überzeugende Europäer, die mit Standfestigkeit und langem Atem an der Baustelle Europa weiterarbeiten. Ein solcher Europäer ist Präsident Ciampi.”

Nach großen Erfolgen in den letzten 50 Jahren benötigt die Europäische Union nach Ciampis Meinung dringend „einen echten gemeinsamen politischen Willen”, „eine Gemeinschaft des Geistes und des Vertrauens”.

Ciampi warnte: „Ohne Ideale werden wir, anstatt voranzuschreiten auf dem Einigungsweg, rückwärts gehen. Das wäre fürchterlich.” Europa würde zurückfallen „in das Meer der Unsicherheiten”, in Egoismus und Ungewissheit. Deutlich kritisierte Ciampi die fehlende Koordinierung der Wirtschaftspolitik unter den Euro-Ländern.

Auch Köhler und Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden drängten gestern auf Konsolidierung und Vertiefung des Einigungsprozesses, zumal die Ratifizierung des Europäischen Verfassungsvertrages in mehreren EU-Staaten fraglich ist.

„Es liegt im Interesse der Menschen in Europa, dass der Verfassungsvertrag jetzt auch in Kraft tritt. Er festigt Europa als Wertegemeinschaft, er stärkt die europäische Demokratie und gibt dem Bürger mehr Rechte. Er ist notwendig, damit die Bürger die Vorteile eines handlungsfähigen Europas erfahren können”, sagte Köhler in seiner Laudatio auf Ciampi, den er als „für mich persönlich ein Vorbild” bezeichnete.

Köhler warnte davor, „die Handlungsfähigkeit Europas zugunsten kurzfristiger Vorteile in der innenpolitischen Auseinandersetzung in den Mitgliedsstaaten zu verspielen”. Er erinnerte an Jacques Delors weitsichtigen Satz: „Wenn es uns nicht gelingt, Europas Seele zu vermitteln, verlieren wir Europa.” Köhler forderte eine Diskussion, „was die Seele Europas ist, was seine Identität ausmacht”.

Deutlich verlangte Linden - „bei aller Erweiterungseuphorie” - Änderungen in der europäischen Politik. „Die Europäische Union muss sagen, was sie ist und wohin sie will.” Europa dürfe nicht scheitern. Um das zu verhindern, nannte er drei wesentliche Voraussetzungen: „Werte, Handlungsfähigkeit und das Zugehörigkeitsgefühl seiner Bürger”.

Die EU brauche ein demokratisch und transparent arbeitendes politisches Gebilde, die Verfassung für inneren Zusammenhalt und Ordnung, eine gemeinsame Außenpolitik sowie nicht zuletzt „Wir-Gefühl, sozialen Kitt, Herzenswärme, neben der rationalen auch die emotionale Identifikation”. Mit „faulen Kompromissen” auf EU-Gipfeln und „Gerangel um Geld und Einfluss” sei das nicht zu erreichen. „Wir stehen an einem Scheidepunkt”, sagte Linden. „Europa kann nur überzeugen, wenn es Maßstäbe erfüllt und Grenzen definiert.”

Karlspreis 2005 für Carlo Ciampi