Leserbriefe zum Thema Corona: Blick auf Helden und über den Tellerrand

Leserbriefe zum Thema Corona : Blick auf Helden und über den Tellerrand

Von den stillen Helden der Corona-Krise, den Verschwörungstheorien im Internet, fehlenden Hygiene-Abständen bei Antirassismus-Demos, dem Sinn von Schutzmasken und der Gefährlichkeit des Virus überhaupt handeln die jüngsten Leserzuschriften.

Gerhard Mees aus Nideggen erinnert hinsichtlich der Corona-Pandemie an „vergessene Helden“:

Ende letzter Woche konnte ich mit meinem jüngsten Sohn zum ersten Mal seit fast vier Monaten wieder Zeit zu Hause verbringen. Das hört sich recht unspektakulär an, ist es aber nicht. Mein Sohn, 26 Jahre, hat eine Autismusspektrumsstörung und lebt in einer stationären Einrichtung der Lebenshilfe. Im Zuge der Mitte März von der Bundesregierung verordneten Kontaktbeschränkungen und Schließungen öffentlicher Bereiche, so auch der Werkstätten für behinderte Menschen, war lange Zeit kein persönlicher Kontakt, bis auf Telefonate, möglich. Sie können sich sicherlich vorstellen, dass gerade Menschen mit Behinderung Schwierigkeiten haben, diese Maßnahmen zu verstehen und zu erdulden. Der Wegfall der Arbeitstätigkeit und der familiären Kontakte mussten von den jeweiligen Einrichtungen und insbesondere von den unmittelbaren Betreuern bewältigt werden. Dass dies nur mit einem über dem üblichen liegenden Maß von Einsatz und Engagement ermöglicht werden konnte, dürfte einleuchtend sein. Leider haben Menschen mit Behinderungen keine einflussreiche und lautstarke Lobby und erst recht nicht das in diesem Bereich tätige Personal, das in Zeiten der Corona-Krise mindestens genau so viel geleistet hat wie das Personal in den Krankenhäusern und Altenheimen. Deshalb sollten auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen den gleichen Bonus erhalten, analog zum Krankenhauswesen und zu Altenpflegeeinrichtungen.

Manfred Beissel aus Würselen-Scherberg beschäftigt sich mit dem Corona-Tagebuch unserer Zeitung:

Ich möchte Ihrem Chefredakteur Thomas Thelen ausdrücklich danken für seine täglichen Gedanken und Überlegungen, die er uns in seinem Corona-Tagebuch vermittelt. Ja, in der Tat, es sind „merkwürdige Zeiten“, und wir wünschen uns alle wieder eine geregelte Zeit – und schauen positiv nach vorne. Es wäre sicherlich lohnenswert, irgendwann die einzelnen Tagebuchaufzeichnungen in Buchform komprimiert zu veröffentlichen. In einigen Jahren kann man sich dann an die „merkwürdigen Zeiten“, die mit der Hoffnung auf bessere und damit wieder normale Zeiten verknüpft sind, zurückerinnern.

Wolfgang Cornely aus Stolberg meint zu den Verschwörungstheorien:

Als der schwedische Arzt Hans Rosling 1989 in einem kongolesischen Dorf Blutproben nehmen wollte, um den Ursachen einer Epidemie nachzugehen, wurde er von den Dorfbewohnern verdächtigt, deren Blut zu verkaufen und sie zu verhexen. Er wurde mit Macheten bedroht. Noch 2014, zu Zeiten von Ebola, glaubten die Menschen in liberianischen Dörfern, diese Leute in Schutzanzügen würden ihre Angehörigen entführen und deren Organe verkaufen. Phantastereien, unvorstellbar in Europa! Unvorstellbar? Die derzeit kursierenden Verschwörungstheorien befinden sich auf demselben Niveau, nur dass sie übers Internet verbreitet werden.

Beate Keldenich aus Alsdorf betont:

Diese Corona-Gedanken, diese inneren Fragen... Wie schön wäre es, wenn DIE heute jemand ebenso zielsicher wie in den ersten fünf Wochen ab Mitte März beantworten könnte und würde ... Den „Abpfiff“ der C-Zeit wird es aber kaum von außen geben. Die Ansage „reduzierte Kontakte mit Abstand“ wird vermutlich kein Politiker oder Wissenschaftler je umformen in „Trefft Euch endlich wieder hemmungslos! Umarmt Euch, bis der Arzt kommt – ohne Abstand oder Anstand!“ Eine zweite Welle droht, wie viele meinen ... Möglicherweise aber weniger körperlich virusbedingt, sondern seelisch bedingt – aufgrund der Angst davor. Mit der App oder ohne, mit Impfung oder ohne – Sicherheit wird es nicht geben. Zumindest nicht von außen. Sicherheit gibt es eigentlich auch generell nicht im Leben, auch keine Garantie: nicht im Job, nicht in Partnerschaft und Familie, nicht bezogen auf Gesundheit. Das hat Corona nicht erfunden. Vielleicht aber die dringende Aufgabe, einen Umgang damit zu lernen. Was ist, wenn das Gefühl von Sicherheit nur innerlich beginnt? Dann ist wieder jeder Einzelne gefragt, und zwar stärker, als „nur“ eine App runterzuladen oder „nur“ an den Mundschutz zu denken – das hat mit echt viel Eigenverantwortung zu tun. Analog zum Corona-Tagebuch Ihrer Zeitung: Es sind merkwürdige Zeiten!

Hans Koch aus Aachen blickt auf den Corona-Ausbruch beim Großschlachtbetrieb Tönnies:

Ministerpräsident Armin Laschet appellierte an die Vernunft der Tönnies-Beschäftigten. Sein Appell sollte sich besser an die Unternehmer wenden. Wenn sie einen Teil ihrer fetten Gewinne in menschenwürdigere Wohn- und Arbeitsbedingungen investieren würden, dann wäre es zu den prekären Umständen vermutlich erst gar nicht gekommen. Wer die Bilder im Fernsehen von den Arbeitsplätzen und der nicht vorhandenen Distanz der Mitarbeiter in der Kantine gesehen hat, kann sich nur wundern, dass ein Ministerpräsident (der sich auch noch zu höherem berufen fühlt) nicht die Missstände des Unternehmens, sondern die „Unvernunft“ der Mitarbeiter anprangert.

Günter Carduck aus Stolberg fordert ein alternatives Corona-Tagebuch:

Was stört uns unser Geschwätz von gestern? Seit Wochen wird Herr Thelen nicht müde, uns zu überzeugen, dass wir in merkwürdigen Zeiten leben. Seine von ihm verantwortete Zeitung und nahezu alle anderen Medien wurden nicht müde, uns immer wieder einzubimsen, dass wir unsolidarisch sind, wenn wir keine Masken tragen und die Abstandsregeln nicht beachten. Wir sollten alle Rücksicht nehmen, um die Risikogruppen zu schützen. Auch ich habe mich immer brav an die Regeln gehalten und halte das noch heute für sinnvoll. Auch ich habe bei den anfänglich aufkommenden Demos gegen den Lockdown Unbehagen empfunden und hatte Verständnis, dass man seitens der Ordnungskräfte bei diesen Veranstaltungen auf die Einhaltung der Hygieneregeln achtete. Nun wurde in den Vereinigten Staaten leider einmal mehr ein armer schwarzer Bürger von der Polizei ermordet. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ja, hierbei handelt es sich um ein furchtbares Verbrechen, dass man verurteilen muss, und Rassismus ist zu bekämpfen. Aber: Es kann nicht sein, dass auf einmal Tausende Menschen in Deutschland ihre moralische Empörung über die Vorfälle in den USA zum Ausdruck bringen und dabei alle bisher geltenden Regeln über Bord werfen. Wer gibt diesen Menschen das Recht, uns alle wieder zu gefährden? Warum greift der Staat hier nicht zum Schutze seiner Bürger ein? Warum gehen die Medien auf einmal nonchalant über dieses Verhalten hinweg und kommentieren sogar, dass diesen Menschen großer Respekt zu zollen ist? Ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass das Virus auch das Sehvermögen unserer Politiker und Medienvertreter auf dem linken Auge einmal mehr deutlich trübt. Wahrlich, wir leben in merkwürdigen Zeiten!

Dr. Peter Hecking aus Düren verurteilt die vorgeschriebenen Schutzmasken:

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck sieht die Anwendung der Masken infolge fehlerhafter und falscher Anwendung sehr skeptisch. Der Vorsitzende der Vereinigten Industrieverbände, Hans-Helmuth Schmidt, sieht darin eine „Spaßbremse“, die das Einkaufen zum Negativerlebnis macht. Ich gehe noch einen Schritt weiter und sehe darin eine Konjunkturbremse von zweifelhaftem Wert, da nicht nur Einkaufen, sondern auch Essengehen, Sport, Schule etc. bei mas­kierten Bediensteten keine Freude macht und sicher nicht das verhindert, was man zu verhindern gedenkt! Die vergleichenden Studien sehe ich ebenfalls skeptisch, ohne ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Einige Studien bedürfen einer kritischen Hinterfragung. Ich bewundere die Politiker in Thüringen und teilweise im Ausland, die mutig auf diese Maßnahmen verzichten wollen und denke, dass alle anderen Maßnahmen wie Hygiene, Abstand und Aufklärung sinnvoller Weise beibehalten werden. Mein Appell an die Politik: Man sollte einen Auslassversuch machen. Sollte im Winter eine zweite Welle anrollen, sind sicher alle Maßnahmen neu zu überdenken.

Ulrich Köbler aus Düren kritisiert:

Die Corona-Krise hat eines wieder deutlich gemacht: Es gibt keinen seriösen Journalismus mehr. Die Berichterstattungen sind weder ausgewogen noch objektiv. Die überzeichneten Katastrophenmeldungen der Sensationspresse beherrschen den Meinungsmarkt. Die derzeitige Corona-Phobie ist ein Medienprodukt. Da wird uns eine Infektionswelle mittlerer Stärke – in Deutschland jedenfalls – als Apokalypse dargestellt. Krebs ist ein weitaus gravierenderes Problem als Corona. Anstatt Mundschutz zu verordnen, wäre es viel wichtiger, die Zahl der Krebstoten durch die Verordnung einer gesünderen Lebensweise und Ernährung einzudämmen. Der Kampf gegen die Bewegungsarmut ist wichtiger als der Kampf gegen das Virus! Tatsache ist, dass in Deutschland die Sterblichkeitsrate im April 2020, also auf dem Höhepunkt der Infektionswelle, so niedrig war wie seit fünf Jahren nicht mehr. Das mittlere Alter der Corona-Toten beträgt 82 Jahre. Diese Pandemie ist also primär ein Problem der Alten mit einer geringen Lebenserwartung und mit einem schwachen Immunsystem. Wäre es da nicht klüger gewesen, Kitas und Schulen nicht zu schließen und stattdessen die Alten besser zu isolieren? Das Schließen der Schulen war eine völlig verfehlte Maßnahme zum Schaden der Schuljugend und hat den Alten nichts gebracht. Die Zahl der aktuell Infizierten war in Deutschland nie größer als zwei Promille der Bevölkerung. Den restlichen 99,8 Prozent Gesunden, unter Berufung auf die Erkrankten, verfassungswidrige Freiheitsberaubungen aufzuerlegen, ist abwegig. Das Schlimmste an der Pandemie ist nicht das Virus selbst, sondern die von den Medien geschürte Panik. Das Verhalten der Politik ist von dieser Panik bestimmt und entbehrt jeder Verantwortlichkeit. Es ist erschreckend, wie unmündig und mediengläubig der Durchschnittsbürger ist.

August Rößner aus Würselen lehnt seinen Leserbrief an das Corona-Tagebuch unserer Zeitung an:

„Es sind merkwürdige Zeiten.“ Nun wird schon seit einiger Zeit darüber nachgedacht und auch geschrieben, dass wir nach diesen Zeiten nicht mehr so weiterleben können. Künstliche Intelligenz, Weltraumpläne und Machbarkeitswahn liegen auf Eis, helfen nicht weiter. Anders leben, aber wie? Konsumverzicht (mehr Sein als Haben, Erich Fromm), Langsamkeit, auch beim Wachstum, werden ins Gespräch gebracht. Beinahe jede Woche werden neue Milliarden Euro des Bundes und der Länder bereitgestellt, um Arbeitsplätze und Wirtschaftsunternehmen zu sichern. Bei diesen Zahlen verliere nicht nur ich die Übersicht, ich denke an unsere Enkel, die diese Unsummen zurückzahlen müssen. Doch darüber herrscht Schweigen. Doch trotz dieser „merkwürdigen Zeiten“, wegen denen viele Menschen besonders auch in den armen Ländern dieser Welt bitter leiden und sterben müssen, bleibt unser Blick über den „Tellerrand“ aus. Die globale Welt ist von einem tödlichen Virus befallen. Merkwürdig ist für mich, dass es keine Macht, keine Institution – außer Papst Franziskus – auf dieser Welt gibt, die angesichts der globalen Bedrohung und Verschuldung eine globale Abrüstung verlangt. Dieser mögliche und dringend notwendige, weltweite Aufschrei, die Rüstung auszusetzen, zurückzufahren, bleibt aus. Seit Jahren wird weltweit auf- und nachgerüstet. Warum gibt es keine weltweite Ini­tiative, die zum Beispiel dafür eintritt, dass die Rüstungsausgaben bis 2030 halbiert werden und dass dies von der UN verbindlich und wirksam kontrolliert wird? Utopie? Aber Utopien könnten doch Realitäten werden. Schon wird bei uns wieder über die Anschaffung von Kampfdrohnen gestritten. Eine weltweite Ächtung diese Tötungsmaschine ist leider in weiter Ferne. Die Rüstungsindustrie freut sich wieder einmal mehr.