Aachen: Belegschaft verdoppelt: Bei Talbot ist jetzt wieder richtig Zug drin

Aachen: Belegschaft verdoppelt: Bei Talbot ist jetzt wieder richtig Zug drin

Dirk Reuters winkt, macht Scherze und knufft einen seiner Mitarbeiter in die Seite. Der Mann ist weniger der Manager- als vielmehr der Kumpeltyp. Von den Managertypen hat man an der Jülicher Straße ja auch genug gesehen.

Also etwa jene des Weltkonzerns Bombardier, die vor etwas mehr als vier Jahren das Traditionsunternehmen Talbot beerdigen wollten. Reuters war damals schon der Chef. Und er sollte nach dem Aus in Aachen ein noch viel größeres Werk übernehmen. Er sagte Nein — und gründete als Mitgesellschafter neben der Quip AG aus Baesweiler die „Talbot Services“ am alten Standort. Ein großes Wagnis. Daraus geworden ist: eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.

Hat gut lachen: Talbot-Services-Chef Dirk Reuters freut sich über volle Auftragsbücher. Foto: Michael Jaspers

Die „Talbötter“, wie sich die Mitarbeiter nennen, sind eine große Familie geblieben. Und für manchen ist Talbot eine Familiengeschichte. Wie für Dirk Reuters. Sein Vater arbeitete schon beim Waggonbauer, dann kam er selbst und heute ist sein Sohn auch dort. Er ist einer von aktuell rund 400 Mitarbeitern. 400? Genau. Das ist bereits doppelt so viel wie beim Start vor gerade einmal dreieinhalb Jahren — damals waren es genau 196. Und es werden immer mehr. Es brummt ohne Ende und in jeglicher Hinsicht auf dem rund 130.000 Quadratmeter großen Gelände.

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Das sieht und hört man bei einem Gang durch die großen Hallen. In der einen werden gerade Straßenbahnen runderneuert — ein Großauftrag aus Duisburg. Daneben werden Kran-Züge für den Gotthard-Tunnel gebaut. Weiter geht es dorthin, wo Waggons der Deutschen Bahn — sie baut mittlerweile laut Reuters stark auf Talbot — aufgehübscht werden. 200 Lokomotiven aller Hersteller sind auch schon auf Vordermann gebracht worden.

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In einer Halle stehen Nahverkehrszüge, die sozusagen wieder nach Hause gekommen sind. Da werden „Talent“-Triebwagen gewartet, die einst in Aachen entwickelt und gebaut wurden. Mit einem „Schätzchen“ sind die Mitarbeiter auch noch zugange: dem „Ebbelwei-Express“, in Frankfurt „Ebbel-Ex“ genannt — übersetzt „Apfelwein-Express“. Das ist eine rund 60 Jahre alte Straßenbahn, die sich als Party-Zug am Main größter Beliebtheit erfreut. Jetzt liegt sie in tausende Einzelteile zerlegt da — und wird Schraube für Schraube saniert.

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Wäre da noch die Halle, in der es „fachfremd“ wird. Dort werden „Streetscooter“-Lieferwagen für die Deutsche Post gebaut. Da geht tatsächlich richtig die Post ab. Bis zum Herbst 2016 wurden vier davon pro Tag ausgeliefert. Jetzt sind es 20. Die Jahresproduktion liegt bei bis zu 5000. Und: „Die Produktion wird dieses Jahr noch höher“, sagt Reuters. Mehr und mehr Fachkräfte werden gebraucht.

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Doch da kommt man zu einem Problem: Für alle Zweige werden Lackierer, Schweißer, Elektriker, Schlosser gesucht. Für einen Auftrag brauchte man gleich 16 Lackierer. Doch die findet man kaum. Talbot hat bundesweit gesucht — per Zeitungsanzeige ebenso wie via Facebook. Ständig werden neue Leute benötigt. Was nun ein Segen für manchen Langzeitarbeitslosen in Aachen ist. Mit der Arbeitsagentur hat man schon rund 20 von ihnen in Lohn und Brot gebracht. „Das sind beispielsweise Kfz-Meister, die früher einen eigenen Betrieb hatten“, so Reuters. „Das sind richtig fitte Leute“, ist er begeistert.

Sie haben befristete Verträge erhalten. Denn von den 400 Mitarbeitern sind längst nicht alle unbefristet angestellt. Ehrlicherweise sagt Reuters, dass darunter auch Leiharbeiter, solche mit Werkverträgen und eben solche mit Befristungen sind. Wie die Vergangenheit lehrt, kann es in dieser Branche schnell wieder abwärts gehen — auch wenn Talbot Services von Beginn an schwarze Zahlen geschrieben hat, wie der Chef nicht ohne Stolz sagt. „Aber es ist immer ein harter Kampf, um die nötige Auslastung zu erreichen“, fügt er an.

In die Karten gespielt hat Talbot dabei, dass zwei Konkurrenten pleite sind. Sie stolperten über ihre eigenen Dumping-Preise. Vor allem aber ist es die Firmenmaxime, stets mit hoher Qualität und Termintreue zu arbeiten, die Kunden überzeugen dürfte. „Und man muss in der Szene gut vernetzt sein“, so Reuters. Um im Wettbewerb zu bestehen, bedürfe es jedoch auch weiterhin der modifizierten Tarife für die Mitarbeiter. Diese sollte es zunächst zwei Jahre geben, dann wurden zwei Jahre obendrauf gepackt, jetzt wird wieder verhandelt. Aber immerhin: Die Mitarbeiter erhalten eine Gewinnbeteiligung. Da sieht es aktuell alles andere als schlecht aus.

Und dann ist da noch etwas, für das man an der Jülicher Straße vor ein paar Jahren wohl noch für verrückt erklärt worden wäre: Es ist gut möglich, dass Talbot bald wieder eigene Züge baut (siehe Titelseite). Sie werden gerade entwickelt.

Nicht irgendwelche Züge, sondern revolutionäre, weltweit bisher einzigartige mit „Power to Liquid“-Technologie. Dabei wird aus Akku-Strom, Wasser und Kohlendioxid Diesel. Mit diesem ersten CO2-neutralen Öko-Triebwagen ist Talbot im Rennen um einen 800-Millionen-Auftrag aus Schleswig-Holstein. Allerdings steht eine endgültige Entscheidung, ob dieser Zug — wie auch eigene Straßenbahnen — gebaut wird, noch bevor. Ein Ja würde Talbot — und den Standort Aachen — in die Schlagzeilen katapultieren. Einen Namen haben die Mitarbeiter auch schon kreiert: „Talaix“.

Vor vier Jahren brannten wochenlang die Protestfeuer an der Jülicher Straße, kämpften die Leute um ihre Jobs. Der Mut zum Neuanfang hat sich ausgezahlt. Dirk Reuters gehörte zu den Mutigen. Er nennt Talbot Services „klein und fein“. Das „klein“ kann er langsam aber sicher streichen.

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