Aachen: „Bambi“ legt im AKV-Käfig los

Aachen : „Bambi“ legt im AKV-Käfig los

Aus diesem Filmmaterial lässt sich sicher ein schöner ARD-Karnevalsabend aus Aachen am Montag bauen. Am Ende gab es sogar stehende Ovationen für den neuen Ritter des Aachener Karnevalsvereins (AKV), für FDP-Chef Christian Lindner - und deutlich mehr Sympathiepunkte als Prozentpunkte bei der für die Liberalen desaströsen vergangenen Bundestagswahl. Aber das war noch lange nicht alles im Aachener Eurogress!

Mit einer brillant gereimten Rede, die ebenso politisch wie humorvoll war, bewies der 35-jährige Lindner Qualitäten im Kampf wider den tierischen Ernst. Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen und Vorjahresritter, stichelte in einer insgesamt eher zahmen und höflichen Rede. Die feinen Unterschiede in den Oppositionsrollen seiner und Lindners Partei brachte er auf den Punkt: „Wir nehmen die Regierung von zwei Seiten in die Zange, die Grünen von innerhalb des Parlaments und die FDP von außerhalb.“ Ansonsten viel Lob und Anerkennung von Özdemir für Lindner, für den „mutigen Optimisten mit scharfem Verstand“. Dem gefiel das.

 Der neue Ordensritter Christian Lindner (rechts) und sein Laudator Cem Özdemir.
Der neue Ordensritter Christian Lindner (rechts) und sein Laudator Cem Özdemir. Foto: dpa

Gelassen, selbstironisch und offensiv ging Lindner mit der Lage seiner Partei um. „Nun sind wir die FDP und nicht der ADAC. Den kannte man bisher als gelben Engel, uns eher als Boygroup der gelben Bengel. Doch geht es um Wahlen, schönen wir keine Zahlen. Unser Votum ist ein wahres - im Gegensatz zum Auto des Jahres.“

Ein Highlight des Abends Lindners kesser Spruch über seine eingepflanzten Haare: „Um liberales Wachstum zu generieren, ließ ich mir erstmal Haare transplantieren. Unter der Kappe und ohne Fön: Das Bambi hat die Haare schön!“ Bambi - diese Anspielung bezog sich auf eine Namensschöpfung Jürgen Möllemanns, der den mit jungen Jahren schon sehr präsenten Lindner einst derart prägend nannte.

Und noch einmal brachte Lindner den Saal zum Toben - „mit einer wahren Geschichte“, wie er betonte. Als junger NRW-Generalsekretär hatte er vor zehn Jahren eine Rede gehalten. Auf dem Weg vom Rednerpult zurück an seinen Platz hielt ihn Hans-Dietrich Genscher an. Statt des erwarteten Lobes gab es vom Altmeister den Hinweis: „Herr Lindner, wenn Sie sprechen, sehen Sie aus wie der Putin.“ Kleiner Nachsatz: „Damals hatte ich übrigens weniger Haare als heute.“

Treffsicher und pointiert ins politische Fach überblendend gab es dann die Ohrfeige für Putin und seine restriktive Haltung gegenüber Menschenrechten: „Europa ist nicht nur ein Wort, nein, Europa ist der schönste Ort, wo der Regenbogen für Freiheit steht, weil es uns um Menschenrechte geht. Wir sind frei, unsere Meinung zu sagen, hier kann der Mensch das Menschsein wagen.“ Langer Applaus. Auch weil Lindner dann auch noch — als Bonbönchen für die lokalpatriotischen Öcher Aachen zur eigentlichen europäischen Hauptstadt ausrief. Und Karl den Großen in freier Interpretation der Geschichte gleich zum Stadtgründer ausrief.

In der bunten, an diesem Samstagabend gut 200 Minuten währenden Karnevalsshow reihten sich viele gute Programmpunkte flott aneinander, der Spannungsbogen riss nur selten ab. Die örtlichen Kräfte - allen voran die Könige des hiesigen Karnevals, die Vier Amigos, der köstliche Hastenraths Will aus Heinsbergs ländlichen Gefilden und die strahlenden Aachener Prinzen Bernd (groß) und Paul (klein) mit ihren Garden - brachten Stimmung und Farbe in den Saal.

Die Fernsehkomiker Guido Cantz, Ingo Appelt, Ingolf Lück und Jörg Knör traten an, machten gekonnt ihren Job, waren also die erwartet sichere Bank und Publikumsmagnete für das Fernsehvolk jenseits des Nirmer Tunnels. AKV-Präsident Werner Pfeil, sein Vize Rolf Gerrards und Tagesschau-Sprecher Jens Riewa moderierten angenehm zügig und zurückhaltend. Auch wenn ihre Conférence eher auf das Fernsehen und weniger auf den Saal ausgerichtet war.

Allein EU-Kommissar Günther Oettinger griff komplett daneben. Mit seiner „Büttenrede“, die an ein Grußwort bei einer Leistungsschau für Handel, Handwerk und Gewerbe erinnerte, erlitt er einen ausgesprochen komischen Totalschaden.

105 stimmungsvolle Minuten verspricht die ARD nun für den Montagabend, Start 21.15 Uhr. Dieses Versprechen wird sie nach diesem Abend wohl halten können.

Hier lesen Sie in unserem Liveblog, wie die Akv-Festsitzung verlief und wie der neue Ordensritter beim Aachener Publikum ankam