Der CHIO Aachen: Aus dem Kriegsgebiet zum Aachener Reitturnier

Der CHIO Aachen : Aus dem Kriegsgebiet zum Aachener Reitturnier

Diana Borovyk kommt aus der Ostukraine und hat die Belagerung von Sumy miterlebt. Wie sie es aufgrund eines besonderen Stipendiums bis zum CHIO Aachen geschafft hat.

Während russische Truppen ihre Heimatstadt Sumy belagerten, schlief Diana Borovyk im Reitstall. Gemeinsam mit ihrer Mutter und einem Springreiter teilte sie sich monatelang einen wenige Quadratmeter großen schmucklosen Raum. Als „Betten“ dienten den dreien mehrere übereinander gestapelte Pferdedecken. Als irgendwann wenige Meter vom Reitstall entfernt ein Sprengkörper einschlug, hatte sie den Tod unmittelbar vor Augen. „Wir waren so geschockt, wir dachten, wir müssen sterben.“

Die größte Sorge der jungen Dressurreiterin galt in dieser lebensbedrohlichen Situation jedoch in erster Linie den Vierbeinern. „Wenn wir schon panisch waren, dann kann man sich vorstellen, wie es den Pferden ging.“ Doch fliehen? Das kam für die 21-Jährige selbst nach diesem traumatischen Erlebnis nicht in Frage: „Ich wollte die Tiere nicht einfach zurücklassen. Ein Reiter ist doch die Familie seiner Pferde.“

Borovyks „Familie“ besteht in erster Linie aus ihrem eigenen Pferd Gosudar und der zehnjährigen Stute Baby Royal, mit der sie in der Dressur antritt. Ursprünglich wollte Borovyk Springreiterin werden, bis sie sich bei einem schweren Sturz das Handgelenk brach. „Da habe ich beschlossen, es lieber mit der Dressur zu versuchen.“ Doch Gosudar entpuppte sich nicht als das geborene Dressurpferd. Erst als sie den Besitzer von Baby Royal kennenlernte, war das der erste Schritt in Richtung Dressurkarriere.

Von ihm erhielt sie nämlich ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte: „Baby Royal hatte damals gesundheitliche Probleme. Er meinte also zu mir, wenn ich sie gesund pflege, darf ich mit ihr in der Dressur antreten.“ Gesagt, getan. Und schnell ging es der Stute besser, und das Training konnte beginnen. Seit sechs Jahren gehen die beiden mittlerweile gemeinsam in der Dressur an den Start.

In den vergangenen Jahren waren Borovyk und Baby Royal vor allem auf nationaler Ebene erfolgreich. 2019 gab es mehrere Goldmedaillen beim CDI der Junioren in Charkiw, 2021 landeten sie an gleicher Stelle aber mittlerweile in der Altersklasse Junge Reiter ebenfalls auf den vorderen Rängen.

Die Städte, in denen sie angetreten sind, kennt man heute in Deutschland vor allem aus den Nachrichten, seit der Krieg in der Ukraine begann. Im August 2021 gab Borovyk und Baby Royal bei den Nachwuchs-Europameisterschaften im spanischen Oliva ihr Debüt auf internationaler Ebene. Auch wenn es nur für Rang 49 im Einzelwettbewerb reichte, war es eine tolle Erfahrung für die junge Dressurreiterin.

Auch für dieses Jahr – ihrem letzten in der Altersklasse der Jungen Reiter – hatte die Wirtschaftsstudentin große Pläne. Doch der Kriegsausbruch hat alles über den Haufen geworfen. Ein normales Training war nicht mehr möglich. „Die Pferde waren noch verängstigter als wir.“ Erst ein Solidaritätsstipendium der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) macht es ihr möglich, überhaupt wieder an den Turniersport zu denken. Wenig später folgt dann auch noch die Einladung zum CHIO Aachen. Für Borovyk ein wahr gewordener Traum: „Ich bin normalerweise nicht auf so großen Wettbewerben. Das hier ist die Spitzenklasse. Nach Aachen zu kommen ist der Wunsch eines jeden Reiters“, sagt sie und strahlt.

In Belgien bei der ukrainischen Olympionikin Inna Logutenkova hat sie sich zuletzt einen Monat auf die U25-Dressur im Rahmen des CHIO vorbereitet im Bewusstsein, dass sie in Aachen gegen die Besten der Besten antreten muss. Am Ende reichte es im Preis der Liselott und Klaus Rheinberger Stiftung mit 58,706 Punkten nur für den zwölften Platz.

Ihr Ziel, ihre Heimat möglichst gut zu repräsentieren und erneut Aufmerksamkeit auf die Schrecken dort zu lenken, hat sie dennoch erreicht. Am Dienstag durfte sie das Turnier mit einem Appell an die weltweite Freundschaft und den Respekt feierlich eröffnen. „Ich war so nervös, als ich das Mikrofon von FEI-Präsident Ingmar de Vos in die Hand bekommen habe. Bei der Eröffnungsfeier zu sprechen, war genauso emotional wie in einem Wettbewerb anzutreten“, erzählt sie. Aber sie habe viel Unterstützung von den anderen Reitern des CHIO erfahren. Zwischen den ganzen Stars der Reitszene – als Idole benennt sie unter anderem Jessica von Werndl-Bredow, Isabell Werth und Cathrine Dufour – fühle sie sich mitunter wie in Hollywood, sagt sie lachend.

Und auch wenn mit der Teilnahme am CHIO für Borovyk ein Lebenstraum wahrgeworden sind, der Krieg in ihrer Heimat ist natürlich immer in ihrem Hinterkopf. Vor allem die enge Verbindung zu Baby Royal, die laut Borovyk viel Aufmerksamkeit braucht, und der Support ihrer Mutter helfen ihr, sich auf das Turnier zu konzentrieren und die besondere Atmosphäre zu genießen. Trotzdem steht sie täglich mit ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause in Kontakt und erkundigt sich nach dem Wohlergehen ihrer Liebsten. Immer in der Hoffnung, dass auch ihr derzeit größter Wunsch so schnell wie möglich in Erfüllung geht: Frieden in der Ukraine.