Aachen: An diesem Sonnentag kann sich Europa wärmen

Aachen : An diesem Sonnentag kann sich Europa wärmen

Sagen wir es so, wie die Gäste aus Italien es gestern formulierten: „Ci siamo salvati!” Und das heißt nicht mehr als: „Junge, Junge, das ist ja noch mal gut gegangen.”

Dabei richtete sich der Blick in den Aachener Himmel, Karlspreiswetter, il sole splendente. Strahlender Sonnenschein, nach dem Regen der Vortage einen ganzen Karlspreismorgen lang!

Keine Frage, diesen Fingerzeig von oben darf das in diesen Tagen doch eher von Wolken verhangene Europa als Aufmunterung verstehen. Als Hoffnungsschimmer, dass die gemeinsame Sache doch eine rosige Zukunft haben kann.

Der Karlspreistag 2005 war ein so dringend benötigter positiver Impuls für die europäische Idee. Deshalb passte auch alles: Im Krönungssaal gute Reden der Präsidenten Köhler und Ciampi - und draußen: viel Volk, strahlende Gesichter, ein Tag wie gemalt für Europa. Dazu bel tempo, schönes Wetter. Was beim Karlspreis zwar seit Jahren Standard ist, aber angesichts der europäischen Großwetterlage in diesem Jahr nicht zwingend zu erwarten war.

Lorella Ghiotti ist auf alle Fälle restlos begeistert. Die in Aachen lebende Italienerin schmilzt dahin, wenn sie von Signor Presidente schwärmt. Die von ihr für ihn gewählten Attribute sind allesamt positiv: Vertrauenswürdig sei er, unparteiisch, liebenswürdig und unbestechlich. „Als Enkelin würde man sich einen solchen nonno wünschen”, lacht sie. Il nonno, der Opa.

Lorella Ghiotti wäre andererseits vielleicht auch eine junge Frau, die sich Ciampi als seine Enkelin vorstellen könnte. Setzt sich die Italienierin doch in Aachen in einem deutsch-italienischen Kulturkreis (Circulo culturale italo-tedesco) vor allem für die gemeinsame Kultur und die Mehrsprachigkeit ein. Adressaten sind dabei nicht nur die deutsch-italienischen Mischehen, von denen es in der Region reichlich gibt. Aber gerade sie tragen die Idee des Kreises nach außen.

„Zwei Kulturen und zwei Sprachen ergeben eine Identität”, flüstert Signora Ghiotti bei der Preisverleihung dem Reporter ins Ohr, während sich ihr Presidente gerade mit einem edlen Bernsteinfüller im Goldenen Buch der Stadt verewigt. Wie man solch wohlklingende Worte - von denen es im Bau befindlichen Haus Europa ja wahrlich seit Jahrzehnten reichlich gibt - tatsächlich mit Leben füllen kann, hat der Kulturkreis schon zu Beginn der Feier gezeigt.

Als Leonardo, Federico, Francesco, Valeria, Simone und die anderen Kinder mit europäischen Fahnen aufs Podium marschiert sind und ihre Gedanken zu Europa in zwei Sprachen formulierten: „In Europa haben wir als Kinder das Recht, Kinder zu sein!” Dafür hat es viel Applaus gegeben, ein schönes, ein erfrischendes Symbol, europäische Emotion pur.

Wo Europa wie in diesen Aachener Tagen zusammenkommt, ist die Emotion ohnedies niemals fern. Wenn etwa deutscher Präzisionswille auf italienische Improvisationsgabe stößt, gerät das Protokoll der Veranstaltung bisweilen in Wallung. Hektische Rangiermanöver mit stattlichen Wagenkolonnen und leichtere Kollisionen zwischen Fotografenkollegen unterschiedlicher Provenienz gehören an solchen Tagen zum guten Ton.

Da ist mit einem Mal richtig Stimmung im Städtchen. Preisträger Ciampi würde sagen: „Europa muss mit Stolz die Verschiedenheiten leben, die Teil eines von allen geteilten Vermächtnisses sind, Steine eines einzigen großen Mosaiks der Zivilisationen.” Cari amici, liebe Freunde, gelassen bleiben, va bene, hat doch alles geklappt!

„Der Präsident hat uns nicht nur Mut gemacht für Europa, er hat auch die Sonne mitgebracht”, sagt Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden, der seine Freude über tausende Gäste auf Markt und Katschhof kaum verbergen kann. Der Weg führt einmal um das Rathaus herum. Höflich ist der Erste Bürger immer, der perfekte Gastgeber. Signora Franca, der vom italienischen Volk wegen ihrer Bürgernähe so hochverehrten Präsidentengattin, reicht er galant den Arm und geleitet sie über das historische Kopfsteinpflaster.

Und der 84-jährige Preisträger hakt sich spontan auf der anderen Seite unter - „was für eine schöne Stadt Sie haben”, lächelt er Linden zu. Solche Komplimente - oder auch das des spanischen Königs Juan Carlos, der das Rathaus als „unglaublich beeindruckendes Gebäude” adelt - hört nicht nur der Oberbürgermeister gerne.

Lorella Ghiotti hat Recht. Offen und umgänglich ist ihr Präsident, herzlich und interessiert an Menschen. Auf dem Markt gibt er einer Rollstuhlfahrerin die Hand, in der Pontstraße bleibt er bei einer Mutter mit einem Baby stehen - und vorher auf dem Katschhof, da hat er auf Deutsch Worte der Freude und des Dankes formuliert: „Hier in Aachen ist Europa lebendig, und dieser Tag ist ein Festtag für Europa.” Applaus, „Carlo-Carlo”-Rufe, und wieder strahlt der frisch gebackene Preisträger, der von der Erfüllung eines Traumes spricht. Er winkt mit beiden Armen begeistert und gerührt in die Menge.

Der alte Herr, der sich schonen muss und sogar zwischen Pontifikalamt und Preisverleihung die wenigen Minuten genutzt hat, um im Hotel Quellenhof noch einmal zu verschnaufen, zeigt sich im Krönungssaal und später auf der Katschhof-Empore tatendurstig und fest entschlossen. Europa ist seine Idee, seine Überzeugung. Seine Appelle richtet er vor allem an die jungen Menschen: „Nur mit Eurem Enthusiasmus, mit Eurem freien und großzügigen Geist könnt Ihr der vollen Verwirklichung dieser Europäischen Union neuen Elan geben!”

Das kommt sehr gut an. Beim Festakt drinnen wie beim Festäng draußen. Und so stehen die Preisträger und Präsidenten, die gekrönten Häupter und Würdenträger auf der Rathausempore und strahlen angesichts des Jubels und der Begeisterung mit der Sonne um die Wette. Mitten in Aachen, wo Europa zu Hause ist.

Und wo am Karlspreistag nun wahrlich nicht zufällig immer die Sonne scheint.