Heinsberg: Wer die Treppe runterfällt, bleibt offen

Heinsberg : Wer die Treppe runterfällt, bleibt offen

„Ich bin ja sehr visuell!” Damit fasste Krimiautorin Ingrid Noll nach einer Stunde Lesung im Heinsberger Amtsgericht selbst prägnant zusammen, was rund 90 Zuhörer im Gerichtssaal mit ihr zusammen erlebt hatten: eine Schriftstellerin, die nicht nur gut schreiben, sondern mindestens ebenso gut erzählen kann.

Buchhändler Reiner Gollenstede und Dr. Dieter Meier, Direktor des Heinsberger Amtsgerichts, hatten zuvor mit ihr bereits zum vierten Mal eine Persönlichkeit des Genres Kriminalroman im Gerichtsgebäude begrüßt.

Ingrid Noll kramte dann in ihrer großen Handtasche nach „Buch und Brille!”, erzählte schnell, wie ihr Sohn sie trotz Blitzeises nach Weinheim an den Bahnhof gebracht hatte und ordnete ihr neues Werk „Ehrenwort” dann selbst in die Resonanz der jüngsten Frankfurter Buchmesse ein. Als „Pflegekrimi” sei es tituliert worden, der sicherlich schnell Nachahmer finde, „aber eigentlich ist es doch eher eine Familiengeschichte!”

Nicht so ganz fit

Die sei dann auch nicht so ganz fiktiv, wie sie verriet. Denn im Alter von 90 Jahren habe sie ihre Mutter zu sich ins Haus genommen. Die alte Dame habe weiter im Garten gearbeitet und an der Börse spekuliert, bis sie sich im Alter von 102 Jahren das Bein gebrochen habe. Vier Jahre lang sei sie dann ein Pflegefall gewesen, immer angenehm und dankbar, betonte die Tochter. „Diese Erfahrung wollte ich einbringen”, betonte sie. „Aber wir sind natürlich völlig anders!”, erklärte sie dann vorsorglich mit Blick auf ihre aktuelle Familiensituation.
Und so handelt das neue Werk von Ingrid Noll dann auch von einem Mann, vom fast 90 Jahre alten Willy Knobel, den ein Sturz ins Krankenhaus bringt. Die Prognosen stehen schlecht. Trotz der Proteste von Sohn Harald setzt dessen Frau Petra durch, dass er zu Hause gepflegt wird. Enkel Max bringt den Opa jedoch mit einer Vanille-Pudding-Kur wieder auf Vordermann, sodass Harald und Petra überlegen, wie sie sich des Störenfrieds entledigen können.

Ingrid Nolls Beschreibungen und die damit immer wieder verbundene Situationskomik nahmen ihre Zuhörer soweit mit ins Geschehen, dass sie die Zigarrenschwaden in Opa Willys Wohnzimmer schon fast riechen konnten. Ihre bildreiche Beschreibung des nach dem Tod der Großmutter heruntergekommenen Hauses blieb dabei nicht ohne Reaktion, etwa auf Seite 20: „Die Kakerlaken in der Spüle, die sich dort wie Gnus am einzigen Wasserloch der Kalahari versammelt hatten, verschwanden blitzschnell.”

Die Zuhörer erfuhren von den gescheiterten Versuchen, den Opa mittels eines vergifteten Getränks aus dem Weg zu räumen und von Petras Bemühungen, ihn mittels Bohnerwachs und weggerolltem Läufer im Flur noch einmal stürzen zu lassen. Tatsächlich fiel dann nachts jemand die Treppe herunter, mehr verriet Ingrid Noll jedoch nicht mehr, um die Besucher der Lesung selbst zum Weiterlesen zu animieren. „Sie können sich aber denken, dass es nicht der Opa war, der da die Treppe runterfiel”, lächelte sie. Es gehe eben nicht nur um „lauter böse und gescheiterte Absichten”, sondern auch „um zwei Liebesgeschichten: die von Enkel zum Großvater und die vom Großvater zu seiner verstorbenen Frau.”

Bevor sie ihre Bücher auf Wunsch signierte, verriet die 75-Jährige noch, wie sie erst vor 20 Jahren so richtig zum Schreiben gekommen ist, welche glücklichen Umstände sie zum schnellen Erfolg geführt haben und dass sie etwa alle zwei Jahre ein neues Buch schreibt. Alles Wichtige habe sie am Anfang schon im Kopf, erläuterte sie. Am Anfang stehe die Beziehung der Menschen im Buch untereinander, „dann hetze ich sie aufeinander!”. Der rote Faden sei vorher da, „der Rest kommt beim Schreiben.”