Aachen: Wenn unsere große Filteranlage plötzlich streikt

Aachen : Wenn unsere große Filteranlage plötzlich streikt

„Das geht mir an die Nieren” - ein Ausruf, der signalisiert, dass uns etwas schmerzlich berührt. Und wirklich: Wenn etwas mit den Nieren nicht stimmt, gerät der Körper gefährlich aus dem Gleichgewicht.

Rund 1500 Liter Blut durchströmen diese Organe im Laufe von 24 Stunden, Stoffwechselprodukte werden aussortiert, wichtige Mineralstoffe, Vitamine, Aminosäuren und Zucker leiten sie zurück in unser Blut. Wenn die Nieren nicht mehr funktionieren, ist der Mensch in Gefahr, denn die vielfältigen Funktionen dieser Klär- und Regenerationsanlage sind lebenswichtig.

„Probleme mit den Nieren” lautet das Thema beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 22. September, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 (GH4) des Klinikums (Pauwelsstraße), eine Veranstaltung im Rahmen der bundesweiten Nierenwoche.

Rat und Auskunft geben an diesem Abend dem Publikum: Dr. Melanie Schäfer, Fachärztin für Anästhesie und Neurologie, Transplantationsbeauftragte des Universitätsklinikums Aachen; Professor Dr. Jürgen Floege, Nephrologe, Direktor der Medizinischen Klinik II, Universitätsklinikum; Dr. Peter Weidemann, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie in Aachen, Professor Dr. Stefan Heidenreich, Ärztlicher Leiter des KfH-Nierenzentrums Aachen, Internist mit Schwerpunkt Nephrologie, sowie Professor Dr. Peter Effert, niedergelassener Facharzt für Urologie, Aachen.

Schmerzhafte Kolik

„Viele kommen in die Sprechstunde und glauben, sie haben Nierenschmerzen”, erzählt Effert. „Dabei liegen die Ursachen in der Wirbelsäule. Selbst die Position der Nieren im Körper ist manchen nicht klar.”

Andere wieder wissen genau, was ihre oft sehr heftigen Beschwerden verursacht: „Eine Steinkolik ist sehr schmerzhaft, die Patienten sind aschfahl und haben einen Vernichtungsschmerz”, so Effert. Grundsätzlich gilt: Wer zu Nierensteinen neigt und dabei auch erblich belastet ist, der sollte statt der normalen zwei Liter noch etwa einen Liter Flüssigkeit mehr am Tag trinken. „Harnsäure- und Zystinsteine lassen sich beeinflussen, doch die meisten Steine sind aus Kalziumoxalat, sie können sich öfter bilden.”

Verursacht der Stein einen Harnstau, kann ein Infekt zur Blutvergiftung führen - ein dringlicher Notfall. „Fieber ist hier ein wichtiges Warnsignal”, so der Urologe, der mit einer Ultraschalluntersuchung bereits Veränderungen und sogar Tumore entdecken kann.

„Hier gibt es eine hohe Heilungsrate. Überschreitet der Tumor die Größe von vier Zentimetern nicht, kann sogar gut Organ erhaltend operiert werden.”

Erkrankungen der Nieren sind im Frühstadium oft unauffällig. „Ein langjährig unbehandelter überhöhter Blutdruck gefährdet die Organe”, weiß Jürgen Floege, der sich als Nephrologe auf Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen spezialisiert hat.

Er weiß genau, wie etwa ein Diabetes mellitus („Zucker”) zur Schädigung der Nieren beiträgt. Die Wechselwirkung ist fatal: Überhöhter Blutdruck schädigt die Nieren, umgekehrt führen Krankheiten der Nieren oder der zuführenden Adern (Nierenarterien) zu erhöhtem Blutdruck - darunter Nierenentzündungen und Zystennieren. Laboruntersuchungen sind für die Diagnostik entscheidend, denn Symptome fehlen bei beginnenden Nierenerkrankungen oft.

Neben einem krankhaft erhöhten Blutdruck sind Urinveränderungen (blutig, große Mengen, schäumender Urin), Gewichtsanstieg durch Wassereinlagerungen (Ödeme) sowie Gelenk- und Rückenschmerzen Alarmzeichen. „Bevor die Dialyse, also die künstliche Blutwäsche, als Ersatztherapie für die Reinigung des Blutes sorgt, sollte man so lange wie möglich um den Erhalt der Nieren kämpfen”, betont auch Peter Weidemann, Internist und Nephrologe in Aachen.

„Einer Schwächung der Nieren kann man sogar vorbeugen”, ergänzt Stefan Heidenreich, Leiter des KfH-Nierenzentrums Aachen. „Die Senkung des Blutdrucks gehört dazu. Viele Menschen wissen gar nicht, wie gefährlich zum Beispiel frei verkäufliche Schmerzmittel und Rheumamedikamente sind. Schon wer eine Woche täglich so etwas einnimmt, trägt ein Risiko.”

Sinkt die Nierenfunktion unter zehn Prozent, ist die Haemodialyse notwendig. „Drei Mal in der Woche dauert die Blutreinigung vier bis fünf Stunden”, erläutert Heidenreich. „Nur ein kleiner Teil der Patienten kann selbstständig die Heimdialsyse anwenden, bei der man nicht allein sein darf.”

Die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse), bei der das Bauchfell als Membran dient, durch die Giftstoffe mit einer Dialyselösung aus dem Blut gefiltert werden, ist nur für einen kleinen Patientenkreis geeignet. „Man ist damit zwar mobiler, aber der Nachteil besteht in der Infektionsgefahr”, sagt Heidenreich.

Viele Dialysepatienten warten auf eine Spenderniere und stehen auf der Liste der Stiftung „Eurotransplant” in Leiden/Niederlande, die als Vermittlungsstelle für Organspenden in den Benelux-Ländern, in Deutschland, sowie in Österreich, Slowenien und Kroatien im Einsatz ist.

„Nicht alle Patienten wollen das”, weiss Heidenreich. „Etwa ein Viertel der älteren Menschen hat Angst vor einer Transplantation. Im Dialysezentrum fühlen sie sich gut aufgehoben und haben Kontakt zu anderen Menschen.”

Organspende ist in Deutschland noch immer ein sensibles Thema, wie Melanie Schäfer aus Erfahrung weiß. Als Koordinatorin der Deutschen Stiftung Organspende ist sie mit allen Bereichen rund um die Organspende vertraut - von der Feststellung des Hirntods eines Menschen über die Klärung einer Spende, wenn keine Verfügung vorliegt, bis zum Weg des explantierten Organs. „Die Hirntoddiagnostik ist strengsten Richtlinien unterworfen und richtet sich nach nationalem Recht”, versichert Melanie Schäfer.

Liegt ein Spenderausweis vor oder stimmen die Angehörigen zu, läuft das Vermittlungsverfahren an, dessen Ergebnis für den wartenden Dialysepatienten unter Umständen eine hoffnungsvolle Nachricht bedeutet: Die Niere kann eingesetzt werden. Ob und wie rasch sie arbeitet, ob die Abstoßung erfolgt und wie intensiv der Einsatz von Medikamenten sein muss, die eine Abwehrreaktion des Körpers verhindern, zeigt sich erst im Laufe der Behandlung.

Übrigens: Mit dem Programm „Old-to-Old-Transplantationen”, bei dem Senioren für Senioren spenden, haben ältere Menschen, deren Wartezeit durchschnittlich acht Jahre beträgt, bessere Chancen, früher eine Niere zu erhalten.

Weitere Fragen zum Thema „Probleme mit den Nieren” werden während der Veranstaltung von den Experten beantwortet. Der Eintritt ist frei.