Gangelt: Wenn Schüler zu Flüchtlingen werden

Gangelt : Wenn Schüler zu Flüchtlingen werden

Es ist kühl und der Regen nieselt unaufhörlich an diesem Morgen auf die kleine Schülergruppe am Parkplatz der Hauptschule nieder. Sie warten vor einem Truck darauf, dass sie hinein dürfen. Hinein in eine andere Welt, denn der Anhänger ist zwar von außen unscheinbar.

Nur Aufdrucke vom katholischen Hilfswerk missio weisen auf seinen besonderen Inhalt hin. „Hier seht und erlebt ihr in verschiedenen Stationen, was Menschen mitmachen müssen, die auf der Flucht sind“, sagt Serge Aka. Er ist pädagogischer Mitarbeiter von missio Aachen und begleitet die Hauptschüler und auch eine Gruppe von Realschülern auf dem Weg in die Welt der Flucht.

Angst vor Entdeckung

Sie beginnt schon hinter dem Vorhang, der den Eingang vor dem schlechten Wetter schützt. Am echten Eingang gibt es eine kleine Tür. Sie ist schmal, niedrig und sie kennt nur eine Richtung: ins Versteck. Genau wie der Lkw, auf dessen Ladefläche zwischen Kanistern, Decken und Tieren ein paar Menschen versteckt haben. Verstecken, fliehen, flüchten und nie wissen, wo genau es hingeht und wo man hin darf. Das ist das Leben von Millionen Flüchtlingen, die sich täglich in Afrika hoffnungsvoll und verzweifelt zugleich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen.

Um die Enge, die Bedrohung und die stete Angst, entdeckt zu werden, erfahrbar zu machen, hat die katholische Organisation einen Sattelschlepper so umgebaut, dass er nicht nur eine Flucht zum hautnahen Miterleben darstellte. „Man geht mit auf die Flucht“, erzählt Serge Aka, der die Schüler mit auf die multimediale Reise im Truck nahm.

Der bewegte sich zwar keinen Zentimeter, doch im Inneren war alles beeindruckend real wie in einem afrikanischen Dorf, auf einem Laster oder in einem Versteck gebaut. „Dazu gibt es verschiedene Avatare, künstliche Charaktere, in die die Schüler schlüpfen und sich in einer Art sehr realistischem Videospiel selbst auf die Flucht begeben können“, so Aka weiter.

Missbrauch und Ermordung

Ausgangsort ist der Kongo, wo nicht nur Bürgerkrieg herrscht und die Menschen aus Furcht vor Ermordung, Verschleppung und Missbrauch fliehen, sondern auch das weltweit größte Vorkommen an Koltan, einem seltenen Metall für die Herstellung von Mobiltelefonen, abgebaut wird. Eigentlich, so denken auch die Schüler, müsste das Land mit diesem Vorkommen ja reich sein.

Eigentlich müssten die Menschen dort in Frieden leben können. „Es ist schon krass, was die Leute so auf der Flucht erleben“, sagt ein Schüler. Er zeigte sich ebenso wie ihre Klassenkameraden tief beeindruckt von den Erlebnissen, die sie auf ihrer nachgestellten „Flucht“ erlebten. Letztere dauerte zwar nur 15 Minuten, aber hinterließ trotzdem tiefe Spuren in den Blicken der jungen Menschen.

Auch die Frage nach dem Fluchtgepäck wurde gestellt. MP3-Player, Zeugnisse, Verpflegung und der Pass waren ein paar der Antworten. „Zeugnisse sind unglaublich wichtig“, erklärte Serge Aka, „denn so können Flüchtlinge dem Teufelskreis aus Armut und schlecht bezahlten Hilfsjobs entkommen.“

Natürlich sind die Schicksale der Avatare Eric, Sara oder Christelle nur fiktiv, „aber sie spiegeln tatsächliche Erlebnisse von Flüchtlingen wider“. Nach jeder Führung ist er immer wieder überrascht, wie bewegt die Schüler sind. „Ihnen tut es leid, was mit den Flüchtlingen geschieht und sie fragen immer wieder, warum nicht mehr unternommen wird, um das zu verhindern“, sagt Aka. „Und das alles nur wegen unserer neuen Handys“, war ein Schüler nach dem Besuch ganz fassungslos.