Kreis Heinsberg: Wenn Jungen sexuell auffällig werden...

Kreis Heinsberg : Wenn Jungen sexuell auffällig werden...

Am Freitag ist der Tag der Kriminalitätsopfer. Der Weiße Ring, der diesen Gedenktag ins Leben gerufen hat, um auf Menschen aufmerksam zu machen, die Opfer von Gewalttaten geworden und auf die Solidarität der Gesellschaft angewiesen sind, wünscht sich aktuell mehr Mittel für kriminalpräventive Maßnahmen.

Der Diplom-Psychologe Thomas Gruber von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Viersen-Süchteln, einer von zwei bundesweiten Fachkliniken, die sich um Jugendliche kümmern, die durch sexuelle Übergriffe auffällig wurden, referierte im Heinsberger Kreishaus bei einer Sitzung vom Runden Tisch gegen häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch im Kreis Heinsberg.

Landrat Stephan Pusch begrüßte die 80 Teilnehmer des Runden Tisches, der im zweijährigen Turnus in zeitlicher Nähe zum Tag der Kriminalitätsopfer zusammenkommt. Pusch: „Lassen Sie mich hier den bekannten niederländischen Psychiater Ruud Bullens zitieren, der gefragt wurde, warum er sich nach früherer Arbeit mit Opfern von sexuellem Missbrauch nun der Täterarbeit zugewandt habe, und wie folgt antwortete: Stellen Sie sich einen Fluss vor, bei dem an einer Stelle immer wieder Kinder hineingeworfen werden. Ist es wirklich die sinnvollste Rettungsaktion, sich einfach flussabwärts aufzustellen und die Vorbeischwimmenden wieder herauszufischen? Oder sollte man nicht eher den Menschen, der die Kinder hineinwirft, daran hindern, das zu tun?“ Wie wichtig die therapeutische Arbeit mit Sexualtätern sei, sehe man an den Fällen, bei denen es keine erfolgreiche Therapie gegeben habe und Täter nach Strafverbüßung entlassen worden seien. Pusch erinnerte daran, dass sich im Jahr 2009 ein entlassener Straftäter in Randerath niedergelassen habe. „Da von ihm weiter eine Gefahr ausging, wurde er bis zu seinem Wegzug im Jahr 2011 rund um die Uhr von der Polizei überwacht.“ Wenn es aber gelinge, sexuell problematisches Verhalten bereits in jungen Jahren erfolgreich zu behandeln, dann könnten Sexualstraftaten verhindert und die geschilderten Folgeprobleme vermieden werden, so der Landrat.

Praxiserfahrung

Wie die Behandlung sexuell auffällig gewordener Jungen in der Praxis aussieht, schilderte Diplom-Psychologe Thomas Gruber von der Kinder- und Jugendpsychiatrie Viersen-Süchteln praxisnah seinem Fachpublikum. Zehn Betten hat das Gerhard-Bosch-Haus, in dem sich Thomas Gruber um sexuell auffällige Jungen kümmert. Sein „Lehrer“ Gerhard Bosch schrieb ihm noch in seinem letzten 92. Lebensjahr 2012 handschriftliche Briefe über die gemeinsame Arbeit. Interessant war die Bemerkung von Thomas Gruber, dass die in das Gerhard-Bosch-Haus aufgenommenen Jungen die Hintergründe ihrer sexuellen Übergriffe nicht verstehen würden, aber verstehen wollten. Ganz viel Praxiserfahrung konnte Thomas Gruber den Teilnehmern des Runden Tisches in Heinsberg vermitteln.

Hartmut Schuck vom Kreisjugendamt ist Sprecher des Runden Tisches. Er verwies auf die Strafverfolgungsstatistik NRW 2011 für jugendliche Straftäter, die Ende Februar 2013 veröffentlicht worden sei. Demnach seien in Nordrhein-Westfalen von 2010 gegenüber 2011 Verurteilungen von Jugendlichen und Heranwachsenden von rund 14.000 auf rund 13.000 gesunken. Bei Verurteilungen von Gewalttaten mit sexuellem Hintergrund sei aber ein Anstieg von 118 in 2010 auf 166 in 2011 zu verzeichnen.

(defi)