Wassenberg: Wenn die Esche plötzlich Stress bekommt

Wassenberg : Wenn die Esche plötzlich Stress bekommt

2003, 2006, 2009, 2010. Dabei handelt es sich nicht um die Meister-Vita der vergangenen Jahre des FC Bayern München. Die vier Zahlen stehen für die vier Sommer in diesem Jahrzehnt, die durch extreme Dürreperioden gekennzeichnet waren.

Phänomene, die weltweit unter dem Stichwort Klimawandel heiß diskutiert werden, haben auch vor Ort ganz konkrete Auswirkungen.

Volker Rütten kann davon ein Lied singen. Der Gartenbautechniker des Wassenberger Stadtbetriebs hatte in den vergangenen Tagen alle Hände voll zu tun. Rund um den Burgberg und in den städtischen Parkanlagen standen diverse Baumfällungen an. Ein sensibles Thema, das weiß auch Rütten. Denn Bäume berühren die Menschen. Sie prägen das Bild einer Kommune und gehören als scheinbar unumstößliche Gefährten über Jahrzehnte und teilweise sogar über Jahrhunderte zur Geschichte einer Stadt. Das gilt insbesondere für Wassenberg.

Vital oder verkümmert?

„Als Stadt sind wir verpflichtet, den Baumbestand der innerstädtischen Anlagen zu überprüfen”, erklärt der zertifizierte Baumkontrolleur Rütten. Doch wie sieht so einer Überprüfung aus? „Das funktioniert vor allem visuell”, sagt der Fachmann. Man betrachte den Baum, seinen Wuchs, untersuche, ob die Belaubung artgerecht ist, also die Blätter die rechte Form und Größe erreichen. Habe ein Baum zum Beispiel einen hohen Anteil von Feintrieben, dann mache der Baum einen vitalen Eindruck, erläutert Rütten, während er am Eingang zum Burgberg am Küstersgässchen auf eine gesunde Eiche blickt.

Doch nicht alle Bäume machen einen derart guten Eindruck. Die Weißeschen zum Beispiel, die zahlreich die Hänge des aufgeschütteten Bergs im Wassenberger Stadtkern bewalden. Denn von innen hat längst der holzzerstörende Pilz „Zottiger Schillerporling” das Kommando übernommen. Der Inonotus hispidus - wie er in Fachkreisen genannt wird - ist ein wärmeliebender Pilz. Und da kommen dann die Jahre 2003, 2006, 2009 und 2010 ins Spiel.

Da der Burgberg als aufgeschütteter Hügel vornehmlich aus Kies- und Sandschichten besteht, kann er in den Sommermonaten das Wasser nicht sehr gut speichern und trocknet schnell aus. Zudem ist die Weißesche eigentlich ein klassischer Auenwaldbaum. Das Resultat: „Die Bäume bekommen Trockenstress”, erläutert Rütten. „Das ist durchaus vergleichbar mit dem Menschen”, sagt der Fachmann. „Wenn wir Stress haben, werden wir anfälliger, werden schneller krank.” Genau das ist nun mit einigen Weißeschen am Burgberg passiert.

Warum aber die Fällung, wenn der Baum noch steht? „Als Stadt haben wir eine Verkehrssicherungspflicht”, so Rütten. Wenn umfallende Bäume in hohem Maße Leib und Leben gefährden, müssen sie gefällt werden. Leicht machen sich Rütten und die anderen Verantwortlichen solche Entscheidungen nicht. Denn die Pflege von Bäumen ist - entgegen dem Zeitgeist - kein kurzlebiges Geschäft. Vorausschauendes Handeln ist für einen Baumpfleger wie Rütten das A und O. „Bäume pflanzt man nie für sich selbst, sondern immer für die nachfolgenden Generationen”, nennt der Gartenbautechniker eine alte Weisheit.

Dies soll nach den Fällarbeiten auch rund um den Burgberg geschehen. Während nun rund ein dutzend durchfaulter Bäume weichen müssen, werden in Kürze zehn bis fünfzehn neue Exemplare gepflanzt (allerdings nicht direkt an den Hängen). „Wassenberg ist über die Region hinaus für seinen außergewöhnlichen Baumbestand bekannt”, lässt Rütten den Blick über die Wipfel schweifen. Diese Tradition soll fortgesetzt werden.

Taschentuchbaum

So sollen eher unbekannte Arten wie zum Beispiel der Taschentuchbaum das Stadtbild in Zukunft verschönern. Aber auch die klimatischen Veränderungen beeinflussen die Arbeit der Baum-Experten immer mehr. So stehen bereits in einem Straßenzug sechs spanische Eichen, die mit den trockenen, heißen Bedingungen im Sommer besser zurecht kommen, als viele ältere Bäume. „Langweilig”, orakelt Rütten, „wird es in meinem Berufsfeld auf jeden Fall nicht.”

Mitarbeiter der Landschaftsbaufirma Frauenrath waren mit der Baumfällung und Mängelbeseitigung schadhafter Stellen im Rahmen der Stadtkernsanierung im Bereich des Burgbergs beauftragt.

Die Kontrolle: Lässt die visuelle Überprüfung darauf schließen, dass ein Baum erkrankt ist, kann ein Kontrolleur mit einem Resonanzhammer den Stamm abklopfen, um zu erkennen, ob der Baum von innen bereits hohl ist. Ist dies der Fall, werden Bohrungen angeordnet.

Die Regel lautet: Beträgt die Restwandung weniger als ein Drittel des Stamm-Durchmessers, gilt ein Baum nicht mehr als standsicher.