Aachen: Wenn das „Müssen” zum quälenden Problem wird

Aachen : Wenn das „Müssen” zum quälenden Problem wird

Ein kräftiger Nieser, ein herzliches Lachen - und plötzlich ist es da, das feuchte, unsaubere Gefühl in der Unterwäsche, der eiskalte Schreck und damit die Angst, es könnte jemand bemerken.

Unter Harn- und Stuhlinkontinenz, also einer Störung, den Abgang von Urin und Stuhlgang nach eigenem Willen zu steuern, leiden in Deutschland rund sechs Millionen Menschen, und die Dunkelziffer ist hoch. Vielfach ist Inkontinenz eine Begleiterscheinung des Älterwerdens, aber es gibt auch viele jüngere Frauen und Männer, die darunter leiden. Was kann man tun? Gibt es Möglichkeiten der Behandlung und wie kann es gelingen, trotz einer Inkontinenzproblematik ein angstfreies Leben in Gemeinschaft zu führen.

Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forum Medizin von Aachener Zeitung und Universitätsklinikum Aachen am Dienstag, 31. März, 18 Uhr, im Großen Hörsaal 4 des Klinikums (Pauwelsstraße).

Rat und Auskunft geben an diesem Abend: Privatdozentin Dr. Ruth Kirschner-Hermanns, Fachärztin für Urologie am Universitätsklinikum Aachen, Leiterin des dortigen Kontinenzzentrums, Dr. Michael Hartmann, Facharzt für Innere-/Allgemeinmedizin, Aachen, Dr. Gabriele Böhm, Fachärztin für Chirurgie, Assistenzärztin der Chirurgischen Klinik im Klinikum Aachen, Luise Frenger, Pflegedirektorin, Evangelischer Krankenhausverein Aachen, Haus Cadenbach/Luisenhospital, und Professor Dr. Nicolai Maass, Direktor der Gynäkologischen Klinik, Klinikum.

„Die Inkontinenz ist ganz klar ein interdisziplinäres Problem, es können ja ganz unterschiedliche Ursachen vorliegen”, betont Ruth Kirschner-Hermanns, Leiterin des Kontinenzzentrums am Klinikum Aachen. „Wir müssen zunächst feststellen, ob ein urologisches, ein gynäkologisches oder auch ein chirurgisches Problem vorliegt.” Bis man allerdings auf diesem diagnostischen Weg ist, dauert es oft eine quälend lange Zeit, denn alles, was mit den Ausscheidungen des erwachsenen Menschen zu tun hat, unterliegt noch immer einem großen Tabu.

Gibt es bei der Harninkontinenz durch verstärktes Bewerben der Produkte - meist mit frohgemuten, unternehmungslustigen jüngeren und älteren Frauentypen - inzwischen mehr Öffentlichkeit, so ist die Stuhlinkontinenz ein Problem, bei dem sich die Betroffenen meist komplett alleingelassen fühlen, Scham empfinden, weil sie sich ins „Windelalter” zurückversetzt sehen und die große Angst, es könnte vom Umfeld mit Ekel bemerkt werden.

„Häufig fällt mir schon bei einer einfachen Untersuchung auf, dass bei einem Patienten etwas nicht so ganz stimmt”, berichtet Dr. Michael Hartmann, der als Hausarzt Ansprechpartner Nr. 1 sein möchte. „Urinränder in der Wäsche, das passiert auch Leuten, die sehr gepflegt sind”, weiß der Allgemeinmediziner, der für sich den eingängigen Spruch geprägt hat: „Keine Diagnose durch die Hose...” Schauen - hören - riechen, drei Begriffe, die er seiner Arbeit zugrunde legt und nicht selten spontan eine Blockade löst, indem er unmittelbar eine mögliche Inkontinenz anspricht.

„Die meisten sagen von selbst nichts und glauben, es wird irgendwann besser, doch das ist ein Trugschluss”, so Hartmann. „Es drohen Pilzinfektionen, wunde und offene Stellen, vermehrte Harnwegsinfekte.” Eine häufige Reaktion auf den unwillentlichen Abgang von Urin ist eine Verminderung der Trinkmenge. Hartmann: „Das ist gefährlich, Austrocknung droht, man braucht das Wasser, um Blutfluss und Darmtätigkeit zu fördern, und der austretende konzentriertere Urin ist aggressiv.” Übrigens gilt bereits ein unkontrollierter Harnverlust von nur acht Millilitern Flüssigkeit in einem Zeitraum von 24 Stunden als Inkontinenz.

Nun gilt es abzuwägen, ob es sich um ein gynäkologisches, urologisches oder chirurgisches Problem handeln könnte, wird mit pflegenden Angehörigen etwa von Demenzkranken und bettlägerigen Patienten überlegt, was man tun kann, um Schlimmeres zu verhindern. Wo Menschen einen Schlaganfall erlitten haben und eine Rehabilitationsmaßnahme durchlaufen, um später zu ihren Angehörigen zurückzukehren, gibt es Chancen, den Toilettengang wieder neu zu „erlernen”.

„Bei einem regelmäßiger Toilettengang zu festen Zeiten gibt es erstaunliche Trainingserfolge”, berichtet Luise Frenger aus langjähriger Erfahrung mit alten und pflegebedürftigen Menschen. „Man kann einen Rhythmus neu beleben, wobei man sich an den natürlichen Zeiten orientieren sollte.” Bei dementen Menschen sollte eine auftretende Unruhe als Signal gedeutet werden: „Es kann sein, dass Verdauung ansteht, dass es sich um Schmerzen, Hunger oder Durst handelt.”

Gibt es Probleme mit dem Stuhlgang, können bei Pflegefällen „unterstützende Abführhilfen” eingesetzt werden, die lediglich auf den Schließmuskel einwirken. „Nach zehn Minuten kann der Toilettengang erfolgen, das ist eine Erleichterung für Patient und Betreuung gleichermaßen”, sagt Luise Frenger. Die im Vergleich zur Harninkontinenz nicht so häufige Stuhlinkontinenz (immerhin noch 800.000 Menschen in Deutschland) hat häufig neurologischen oder internistischen Hintergrund.

„Vielfach haben wir es mit Darmentzündungen oder einer Schließmuskelschwäche zu tun”, erklärt Gabriele Böhm, die gute Erfahrungen mit der Modulation der „Sakralnerven” (im Bereich des Kreuzbeins) durch elektrische Impulse hat. „Aber es gibt keine chirurgischen Wunder”, warnt sie.

„Es geht beim Umgang mit Inkontinenz ganz klar um Lebensqualität, die sich bereits verbessert, wenn man jemanden berät”, weiß Ruth Kirschner-Hermanns aus einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Formen. In zehn bis 20 Prozent der Fälle kann man sogar eine Heilung erzielen, aber bei 70 Prozent auf jeden Fall eine Verbesserung. Rund zehn Prozent der Betroffenen sind im Alter zwischen 50 und 60 Jahre. Mit steigendem Alter nimmt auch die Häufigkeit dieser Störung zu. „Der weibliche Anteil der Betroffenen ist zwar hoch, doch bei Männern tritt Inkontinenz im Alter genauso häufig auf wie bei Frauen.”

Allein schon Informationen zu vielfältigen Hilfsmitteln von der aufnahmefähigen Vorlage bis zum Analtampon oder der Möglichkeit einer Selbstkatheterisierung können das Leben erleichtern. Das Erscheinungsbild einer Inkontinenz ist sehr variabel. So gibt es Medikamente, zum Beispiel Herz- oder Schlafmittel, die zu ungewolltem Harnaustritt oder einem „überfallartigen” Bedürfnis führen. Manchmal reicht bereits die nahe Haustür oder das heimische Garagentor, um einen extremen Harndrang, der nicht beherrscht werden kann, auszulösen.

Die Regelmechanismen spielen sich nicht nur im Bereich von Harnröhre und -blase ab, sie haben ihre Steuerungszentrale im Gehirn. „Manchmal kann man sich auch etwas wegtrainieren”, sagt Ruth Kirschner-Hermanns.

Auch pflanzliche Produkte helfen

In harmloseren Fällen sind pflanzliche Produkte wie die häufig gepriesenen Kürbiskerne wirksam, denn sie beeinflussen die Sensorik der Blasenschleimhaut und nehmen dem Urin die Schärfe. Fachlich begleitete Beckenbodengymnastik kann zudem bei Frauen und Männern eine Menge bewirken, wie Nicolai Maass bestätigt.

„Sportliche Betätigung hilft der Beckenbodenmuskulatur, aber Joggen und Sportarten, bei denen man viel springt, sind nicht förderlich.” Diese und viele Aspekte mehr kommen beim Forum Medizin zum Thema „Inkontinenz” ins Gespräch.

Fragen des Publikums zum Thema sind erwünscht, der Eintritt ist frei.