Gangelt: Weil 50 Grad in der Lok nicht lustig sind, bleiben die Dampfrösser stehen

Gangelt : Weil 50 Grad in der Lok nicht lustig sind, bleiben die Dampfrösser stehen

Ein Wochenende ohne Dampf kommt bei der Selfkantbahn auch nicht alle Tage vor. Doch in der Hochphase der sommerlichen Dürre dieses außergewöhnlichen Jahres mussten auch die Eisenbahnfreunde am Bahnhof Schierwaldenrath dem Sommer 2018 Tribut zollen, die Kohle zur Befeuerung ihrer Dampfrösser im Lager lassen und den T13, den historischen Diesel-Triebwagen, auf die Strecke schicken.

Bernd Fasel, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Historischer Schienenverkehr, kann sich nicht erinnern, dass das schon mal vorgekommen ist.

Er nimmt das „historische“ Ereignis aber gelassen und im Hinblick auf den Arbeitsalltag von Heizer und Lokführer auf einer Dampflok sogar mit ein wenig Erleichterung auf. Bernd Fasel: „Bei Außentemperaturen von 40 Grad ist es auf der Dampflok nicht gerade lustig. Da müssen die Kollegen schon mal 50 Grad Hitze ertragen. Die brauchen anschließend erst einmal eine halbstündige kalte Dusche.“ Der T13 ist ein roter Triebwagen, der stark genug ist, auch den Buffetwagen mit nach Gillrath und zurück zu ziehen, sodass die Mitreisenden nicht verdursten müssen auf der Strecke durch das trockene Land.

Grund für den Verzicht auf den Einsatz der Dampfloks war das Erreichen des Wertes 5 auf dem Waldbrandindex des Deutschen Wetterdienstes für die Region. Die Gebiete mit dem höchsten Wert 5 sind auf der Karte in Lila gekennzeichnet. Inzwischen ist der Index für die Region wieder auf 4 runter, und die Dampfloks fahren wieder. Dass es auch bei einem Gefahrenindex von 4, Stufe rot, noch leicht brennen kann, erfahren die Freiwilligen Feuerwehren leider allzu oft, wie in dieser Woche etwa an der Auffahrt zur B 56 zwischen Birgden und Waldenrath. Etliche Feuerwehrfahrzeuge waren im Einsatz, um eine brennende Böschung zu löschen. So lange, so heiß, solch eine Dürre, wann gab es das schon mal?

Heinrich Aretz war, lange bevor er Ehrenbürgermeister der Gemeinde Gangelt wurde, 50 Jahre lang bei der Kreisbahn, dem Vorgänger des historischen Schienenverkehrs. Angefangen hatte er 1947 in der Kolonne, wurde über die Jahre zum stellvertretenden Betriebsleiter und Betriebshofleiter befördert. Als Kolonnenarbeiter war Heinrich Aretz viel auf den Gleisen unterwegs, auch in heißen Sommern. Er erinnert sich: „Wir haben es damals schon warm gehabt, aber nicht so lange.“

Auf dem Kombersch bei Birgden habe es wegen der großen Hitze schon mal Gleisverschiebungen gegeben, sagt Aretz, das hätte zum Entgleisen der Lok führen können. Heute scheinen die Schienenstränge wohl etwas hitzeresistenter zu sein. Lediglich der Teer auf den Schwellen wirft Blasen auf dem Kombersch, der auch heute noch von der Selfkantbahn befahren wird.

Dass die Vorsichtsmaßnahme der Schierwaldenrather Kleinbahner nicht übertrieben war, hatte Heinrich Aretz selber einmal miterlebt. Auf einer Sonderfahrt vor etlichen Jahren war es an einem trockenen Sommertag tatsächlich zum Funkenflug auf ein angrenzendes Feld gekommen. Aretz: „Das Feuer verbreitete sich rasend schnell. Die haben zuerst noch versucht, mit der Schöppe zu löschen. Aber ich bin durch die Wagen gelaufen und hab nur gerufen ‚Ruft die Feuerwehr, ruft die Feuerwehr, das kriegt Ihr nicht in den Griff‘. Da kamen dann gleich ein paar Löschzüge.“

Einer, der das Wetter und seine Kapriolen seit über 40 Jahren beobachtet, hat diese ehrenamtliche Tätigkeit dem Gangelter Ehrenbürgermeister Aretz zu verdanken. Dieser hatte ihn einst für den Posten eines phänologischen Beobachters vorgeschlagen. Und da Leo Beumers aus Birgden damals noch nicht verheiratet war, hatte er auch zugesagt. Seitdem führt er Tagebuch. Leo Beumers meldet seine Beobachtungen einmal im Jahr an den Deutschen Wetterdienst in Offenbach.

„Im Moment ist ja alles falsch“, sagt Leo Beumers zur Phänologie des Jahres 2018, also den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen in der Natur. Die Bäume würden schon ihre Blätter abwerfen. Johannis- und Stachelbeere seien frühzeitig reif geworden. Das späte Obst falle von den Bäumen, ohne aufgrund der Trockenheit reif zu sein.

Auch mit 81 Jahren trägt Beumers das Beobachtete sorgfältig in sein Tagebuch ein. Leo Beumers „Warten wir mal ab. Ich glaube noch nicht, dass das schon der Klimawandel ist.“

In seinem Alter habe man ja schon viel erlebt, sagt er. Er sei als Kind in heißen Sommern hinter dem Binder über die Felder gelaufen. Leo Beumers: „Wir hatten schon öfter mal heiße Sommer. Normal gibt es ja hier und da dann mal ein Gewitter.“ Seine Prognose lautet: „Eigentlich müsste ja jetzt Schluss sein mit der Hitze. Schau´n wir mal.“ Und wenn es nächstes Jahr wieder so heiß wird? Beumers lacht: „Wenn es wieder so wird wie in diesem Jahr, dann sagen wir, der Wandel ist da.“