Heinsberg-Dremmen: Von geplatzten BHs und Taktlosigkeiten

Heinsberg-Dremmen : Von geplatzten BHs und Taktlosigkeiten

Dietmar Buermann lässt kurz seinen Blick durch den Raum schweifen, mit sanftem Griff fasst er das Mikro. „So, es geht los. Es darf getanzt werden. Discofox.”

Manche machen wie nach einem Startschuss sofort die ersten Schritte, andere wippen erst auf der Stelle ein paar Takte mit, bevor sie mit Schwung Teil des linksdrehenden Tanzkreises werden.

Hier tanzen keine Profis, sondern Amateure, zum Teil seit Jahren. Tanzlehrer Buermann steht am Rand, ab und zu gleitet er unauffällig zu einem Tanzpaar. „Turnaround, turnaround”, sagt er dann mit seiner ruhigen Stimme zum Beispiel.

Sue und Mike nicken, „ach so, alles klar”, und drehen an ihm vorbei. Die beiden kennt er noch von der Nato-Base. Alles läuft hier sehr locker. „Wir sind hier keine Turniergruppe, oder Mike?” „Nein nein”, sagt Mike mit leichtem Akzent und schüttelt mit großer Gelassenheit den Kopf.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Mannheim, beim Tanzfestival m-Motion am 16. und 17. Juni, wird keiner aus der Runde vertreten sein - vom Besitzer der Tanzschule Ars Vivendi einmal abgesehen. Aber auch dort wird Buermann nicht auf der Tanzfläche zu finden sein, sondern wieder am Rand. Als Wertungsrichter.

„Man sagt Tanzlehrern ja nach, dass sie gerne im Mittelpunkt stehen, aber da bin ich total ambitionsfrei”, erzählt der 40-Jährige. Mit 17, nachdem er in der Schulzeit Tanzkurse absolviert hatte, habe er erkannt, „dass Tanzen was für mich ist”.

Nach dem Abitur machte er in Duisburg bei der Tanzschule Paulerberg eine dreijährige Ausbildung zum Tanzlehrer, seit 1994 ist er selbständig. Nicht nur in seiner Tanzschule in Heinsberg-Dremmen unterrichtet er, sondern auch in Geilenkirchen, Baesweiler und Jülich. Er bringe lieber Paare zu Turnieren - und das recht erfolgreich -, als selbst daran teilzunehmen, erzählt er. Kommentare, Verbesserungen, das sei eher sein Ding.

Seit rund fünf Jahren ist er als Mitglied des Berufsverbands Deutscher Tanzlehrer auch als Wertungsrichter im Einsatz. „Ungefähr vier- bis fünfmal im Jahr” vergebe er für Takt, Kopfhaltung, Handhaltung, Paarharmonie und so weiter Punkte.

Dabei sitzt er nicht mit den anderen Wertungsrichtern auf einer Bank und hebt Nummern hoch, wie man sich das vielleicht laienhaft vorstellt. „Da würde man in der kurzen Zeit zu wenig sehen”, sagt Buermann. Vielmehr laufe man ständig hin und her, damit man innerhalb von zweieinhalb Minuten alle sechs bis zwölf Paare auch gerecht bewerten kann.

„Am Anfang war das richtig Stress”, erzählt der Heinsberger. „Hat man die Rückennummer nicht richtig gesehen, musste man dem Paar noch schnell hinterherlaufen.” Aber das gehöre längst der Vergangenheit an.

In Mannheim werden rund 4000 Amateure antreten und sich vor 8000 Zuschauern dem Urteil von 40 Wertungsrichtern stellen. Standard, Latein, Discofox, Salsa, Hip-Hop, Videoclip-Dancing und Formationen sind die Kategorien. Anmelden kann sich dort jeder, eine Vorausscheidung oder ein aufwendiges Punktesammeln im Vorfeld wie in der Profiliga gibt es nicht.

Entsprechend breit gefächert ist das Können der Turnierteilnehmer. „Es kann sein, dass in einer Gruppe kein einziges Paar im Takt tanzt”, erzählt Buermann. „Aber wir lachen grundsätzlich niemanden aus, alleine schon, weil es eine große Leistung ist und Mut beweist, an so einem Turnier teilzunehmen”, versichert er. So sei der Ehrencodex.

„Allenfalls schmunzelt man mal, aber auch nur, wenn die Tänzer, denen das Missgeschick passiert ist, selbst lachen.” Wie einmal, als einer Tänzerin der BH platzte.

Weniger Fauxpas und weniger Unterschiede gibt es dort, wo Buermann in näherer Zukunft auch hin möchte: in die Profiliga. Dort hat er noch nicht gewertet und dafür muss er sich auch erst die Sporen verdienen. Daran arbeitet er gerade.

Menschen, denen er dann möglichweise häufiger begegnen wird, werden erstmals in Mannheim an einem eigenen Turnier teilnehmen: die Weltmeister der WDC Professionals in den Standardtänzen Arunas Bizokas und Katusha Demidova (USA) und in den Lateinamerikanischen Tänzen Riccardo Cocchi und Yulia Zagoruychenko beispielsweise.

Oder die Deutschen Standardmeister Sascha und Katascha Karabey und die Deutschen Meister in den Lateinamerikanischen Tänzen Markus Homm und Ksenia Kasper.

„In der Liga ist in der Technik so gut wie kein Unterschied mehr zu sehen”, erzählt Buermann. Die in Mannheim zu sehen, dabei zu sein, das sei schon eine tolle Sache. Vielleicht ist es bald aber auch schon eine alltägliche für den Wertungsrichter aus Heinsberg.