Heinsberg: Vier Häftlinge bauen Leiter und fliehen

Heinsberg : Vier Häftlinge bauen Leiter und fliehen

Sie ist über einen Kilometer lang und gut fünf Meter hoch, doch für vier ausländische Häftlinge war die Außenmauer der Justizvollzugsanstalt in Heinsberg am Dienstagmorgen kein unüberwindbares Hindernis mehr.

Zwei Marokkanern und zwei Türken im Alter von 22 bis 27 Jahren, die gerade bei der Maurerausbildung waren, konnten mit Hilfe einer selbst zusammengebauten Leiter über die im Amtsdeutsch so genannte Umwehrungsmauer fliehen. Die Fahndung verlief bis zum Abend erfolglos.

Ein Flüchtiger wegen Totschlags verurteilt

Einer der vier Flüchtigen hat nach Angaben des Landesjustizvollzugsamtes NRW (Wuppertal) noch drei Jahre einer fünfjährigen Jugendstrafe wegen Totschlags zu verbüßen, ein weiterer noch zwei Jahre aus einer Verurteilung zu sechs Jahren wegen Körperverletzung.

Der dritte entflohene Häftling hatte wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz noch bis Mai 2005 eine Haftstrafe abzusitzen. Der vierte entkommene Gefangene, der ebenfalls wegen eines Betäubungsmitteldeliktes verurteilt worden war, wäre in zwei Monaten durch Abschiebung in sein Heimatland entlassen worden. Gegen ihn besteht jedoch noch ein Haftbefehl: Er soll einen schweren Raub begangen haben.

Nach Angaben der Justizvollzugsanstalt Heinsberg wird keine unmittelbare Gefährdung der Öffentlichkeit befürchtet. Das Totschlagdelikt sei im familiären Umfeld begangen worden, hieß es.

Was war am Dienstagmorgen kurz vor 9 Uhr geschehen? In der JVA lief gerade unter der Aufsicht von drei Bediensteten der praktische Teil der Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter.

Die vier Häftlinge fuhren Bauschutt aus einer Halle in den Hof und nutzten dabei einen unbeobachteten Moment, um die aus Baumaterialien selbst zusammengebastelte Leiter an der Mauer anzusetzen und in die Freiheit zu verschwinden.

Nachdem der Ausbruch bemerkt worden war, wurde sofort die Polizei alarmiert. In die Fahndung eingebunden wurde nach Angaben eines Heinsberger Polizeisprechers neben allen verfügbaren eigenen Kräften eine Einsatzhundertschaft aus Aachen, die gerade bei Geschwindigkeitsmessungen im Kreis Heinsberg eingesetzt war.

Auch die niederländischen Nachbarbehörden wurden unterrichtet, doch bis zum Abend blieb die Suche nach den Flüchtigen ergebnislos.

Viele Fragen sind zu klären

Zur Aufklärung sämtlicher Umstände, die das Entkommen begünstigt haben könnten, wurden in der JVA Untersuchungen eingeleitet. Denn Fragen gibt es in der Tat zur Genüge: Wie konnten die Aufseher abgelenkt werden? Waren andere Gefangene in die Fluchtpläne eingeweiht? War die Leiter schon Tage zuvor gebaut worden? Warteten Komplizen jenseits der Mauer auf die Fliehenden?

Im Juli 1999 war der letzte Fluchtversuch von zwei Gefangenen, die sich in der Ausbildungswerkstatt der Schweißerei befanden, gescheitert.

Damals hatten sowohl JVA-Bedienstete als auch ein Mitarbeiter der Firma am nahen Baggersee den Ausbruchsversuch bemerkt. Einer der beiden Gefangenen fiel schon vom Werkstattdach in den Innenhof zurück, der andere konnte nach 500 Metern gefasst werden.