Stolberg: Strom fließt nun hinter dem Regenbogen

Stolberg : Strom fließt nun hinter dem Regenbogen

Die Stromkästen am Sperberweg in Stolberg sind jetzt ein Hingucker. Blumenwiese, Regenbogen, Herzchen — friedlich, freundlich, bunt. „Das war kein Anblick, den man sich jeden Morgen auf dem Weg zur Schule wünscht“, sagt Lehrerin Katharina Wöhrl über den Zustand, der zuvor auf den grauen Verteilerkästen herrschte. Sie waren beschmiert, einer sogar mit einem Hakenkreuz.

Und das brachte die AG „Schule ohne Rassismus — Schule mit Courage“ des Goethe-Gymnasiums auf den Plan. Aktionstag vorbereitet Katharina Wöhrl leitet die AG, der aktuell fünf Schülerinnen der Jahrgangsstufe Q1 angehören. Jedes Jahr, berichtet die Lehrerin, überlege sich die AG ein größeres Projekt, das sich mit den Themen Diskriminierung und Rassismus befasse.

Die beschmierten Stromkästen waren eine ideale Vorlage. Es habe eine Weile gedauert, bis alles organisiert und für den Aktionstag vorbereitet war, so Wöhrl. Aber an einem Vormittag Ende Oktober ging es mit Schablonen und Sprühfarbe endlich zur Sache.

René Schmitz hat die Stromkästen am Sperberweg auch im Blick. Für ihn sind sie blau. Genauer gesagt sind es kleine blaue Punkte auf einem riesigen Plan, der das gesamte Versorgungsgebiet der Regionetz GmbH, einer Tochtergesellschaft der EWV Energie- und Wasser-Versorgung GmbH, umfasst. Schmitz ist Stabsstellenleiter Asset Management, was bedeutet, dass er mit dafür zuständig ist, dass der Strom beim Kunden landet.

Rund 5000 Stromverteilerkästen, so die exakte Bezeichnung, gibt es auf seinem Plan. Sie versorgen etwa 70.000 Hausanschlüsse zwischen Aachener und Jackerather Kreuz, zwischen Venwegen und Körrenzig. Unter anderem das Kraftwerk in Weisweiler und Windräder wie die, die man von René Schmitz‘ Büro aus sehen kann, speisen das Stromnetz, das hin zu den Verteilerkästen führt. Und so lange zu Hause das Licht, der Fernseher und die Spülmaschine funktionieren, ist die Welt in Ordnung.

Gibt es ein Problem, sind unter anderem die Bürger gefragt. „Die Kunden rufen unsere Störmeldestelle an, wenn sie keinen Strom haben“, sagt René Schmitz. 24 Stunden am Tag ist da jemand zu erreichen. Der Schaden wird — wieder auf dem großen Plan — lokalisiert. Dann fährt der Bereitschaftsdienst los… „Alles in Ordnung“, attestiert Schmitz dem Stromkasten am Sperberweg. Er stattet dem Aktionstag der Goethe-Gymnasiasten einen Besuch ab und zückt seinen Schlüssel.

Schmitz kennt die Kästen nicht nur von seinem Plan, er kann auch ihr Innenleben erklären. Bereitschaftsdienst tauscht aus Der Stromfachmann zeigt auf die einzelnen Sicherungselemente. „Die tauscht der Bereitschaftsdienst aus, wenn eine Störung vorliegt.“ Bis der Schaden behoben ist, werden die Kunden, wenn möglich, einfach mit Strom aus einem anderen Teil des Netzes versorgt. René Schmitz erklärt anhand des folierten Kartenausschnitts, der im Verteilerkasten liegt, wie das funktioniert. Ist das Netz unterbrochen, weil eine Leitung defekt ist, kann der betroffene Kasten von der anderen Seite des Netzes seine Energie beziehen. Lediglich die Kunden, die direkt am schadhaften Kabel angeschlossen sind, müssen ohne Strom aushalten, bis die Fehlerstelle repariert ist.

Rund 1500 sogenannter Ortsnetzstationen — das sind graue Häuschen, die aussehen wie Garagen — nehmen den Strom, der zum Beispiel vom Kraftwerk und den Windrädern kommt, als Mittelspannung auf und verteilen ihn weiter bis zu den Stromkästen, die unsere Hausanschlüsse versorgen. Das Netz der Regionetz aus Leitungen, Häuschen und Kästen ist rund 2500 Kilometer lang. Unterdessen sind Katharina Wöhrl und die Schülerinnen beim Feinschliff. Die Pappschablonen haben ziemlich bunte Ränder, die Sprühdosen sind fast alle leer. „Wir haben etwa 25 Dosen versprüht“, sagt Wöhrl.

Zur Ausstattung der Mädchen gehören auch Folie und alte Zeitungen, um Gehweg und angrenzende Hecken und Mauern abzudecken. In den Tagen zuvor hatten die Schüler aus Katharina Wöhrls Religionskurs bereits kräftig geschrubbt und die Kästen für die Sprühaktion vorbereitet. Schon während die Stromkästen Farbe bekommen, fallen sie auf.

Einige Anwohner kommen und fragen nach dem Hintergrund der Aktion, Autofahrer halten an und schauen. „Das ist eine ausgezeichnete Idee“, ruft ein Passant im Vorbeigehen den Schülerinnen zu. Vielleicht schützt die Beachtung, die die Bürger ihnen nun schenken, die bunten Stromkästen vor erneuter Schmiererei. Mehr Infos: www.goethe-gymnasium- stolberg.de