Stress baut sie bei der Gartenarbeit ab

Stress baut sie bei der Gartenarbeit ab

Waurichen (an-o) - Ihr wurde bescheinigt, dass sie eine tatkräftige Nervensäge ist. Und das trojanische Pferd der Grünen im Burghof der katholischen Kirche.

Vor 20 Jahren hat sie sich auf den langen Marsch gemacht und entdeckt, dass auch viele kleine Schritte nach vorne bringen. Doch eigentlich ist Christa Nickels nach über 20 Jahren in der Politik immer noch Krankenschwester. Sie als Arbeitspferd zu bezeichnen, ist auch für eine Frau keine Beleidigung.

Der Streß und die Pflanzen

Christa Nickels sich selbst aber eher als "Doña Quichotte auf dem Esel". Und wenn sie überhaupt entspannt sein kann, wenn es um das Thema Politik geht, dann ist sie es an diesem Morgen im Garten ihres Hauses in Waurichen. Und dem sieht man an, als habe sie wieder stressige Wochen hinter sich. Je stressiger, desto besser geht es den Pflanzen. Dann gönnt sie sich Wühlerei im Blumenbeet, und der Stress fällt ab.

Denn auch, wenn sie nicht mehr Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium ist, wartet in Berlin mehr als genug Arbeit auf die 50-jährige Abgeordnete, Vorsitzende des Menschenrechts-Ausschusses des Bundestages, Obfrau ihrer Fraktion für dieses Thema und Mitglied im Zentralkomitee der Katholiken.

"Man ist schon sehr einsam"

Da lassen Fraktionssitzungen, Hintergrundgespräche, koalitionsinterne Abstimmungsprozeduren und das Verfassen von Tätigkeitsberichten wenig Platz für ein Party-Leben in Berlin. "Man ist schon sehr einsam, auch wenn man ständig Leute trifft", schildert Christa Nickels ihre Arbeitswoche. Und für die Stunden nach der Arbeit hat Christa Nickels noch ein bisschen mehr Einsamkeit gewählt, denn sie bewohnt ein karges Zimmer in einer Kommunität von Ordensschwestern.

"Da ist es schön, man hat morgens jemanden zum gemeinsamen Frühstück. Und wenn ich abends geschafft aus dem Bundestag komme, ist auch immer einer zum Reden da." Berührungsängste hat die engagierte Katholikin keine, im Gegenteil: "Ich habe auf beiden Seiten für die jeweils andere geworben. In unseren Gründerzeiten haben ausgebuffte Atheisten und engagierte Christen selbstverständlich zusammengearbeitet. Ich bin aber mit Fleiß und Mühe von beiden Seiten geprügelt worden." Und der Erfolg? Die Kirche ist den Grünen jetzt grüner, und die haben erkannt, dass man viele Grundwerte teilt, auch wenn der Apparat vielleicht verknöchert ist. Ach ja, Krankenschwester ist Christa Nickels trotz der 20 Jahre in der "heißen Zone der Politik" geblieben. Zum einen tatsächlich - nach acht Jahren in der Politik kehrte sie Anfang der 90er zunächst in ihren erlernten Beruf zurück - zum anderen im übertragenden Sinn.

Denn um große Ideen umzusetzen, reicht es nicht, einfach trotzig ein Sonnenblümchen hochzurecken. Von den Eifersüchteleien meiner "lieben Realo-Kollegen", den Querschüssen der Landesfürsten und missgünstigen Tritten in die Kniekehlen mal ganz abgesehen. 20 Jahre in der Politik lehren, dass auch der Dienstweg der richtige Trampelpfad auf dem langen Marsch sein kann.

Hohe Frustrationsgrenze

Und als Krankenschwester weiß man, dass man eine hohe Frustrationsgrenze braucht, lernt man, Leid zu akzeptieren, kann unter Druck arbeiten und dem Überlebenswichtigen absoluten Vorrang einräumen. Auch, wenn der Patient Gesellschaft heißt. So werden Substituierung mit Methadon für Drogenabhängige und Konsumräume Wirklichkeit ("Zum Glück bin ich so bieder"), oder Rüstungsexport-Berichte veröffentlicht ("Sensible Themen werden ja gern im Geheimen behandelt").

Fallen würde Christa Nickels also nicht, wenn sie die Politik nicht mehr hätte, denn sie hat ihren Lebensstil nie geändert und ist die Nachbarin Christa geblieben. Natürlich würde sie auch Schützenfeste besuchen - "Ich mag die Menschen hier" - wenn die Zeit es zuließe. Und auch, wenn die Gedanken um die Abschiebung von tschetschenischen Flüchtlingen, um das Embryonenschutz-Gesetz oder ihren Vortrag vor der Ärzteschaft in der Diözese Paderborn kreisen, denkt sie daran, eine Kondolenzkarte zu schreiben, wenn jemand aus dem Dorf gestorben ist. Das ist ihr wichtig. "Wer keinen Anker hat, der wird weggeweht", hat sie gelernt. Und ihr Anker ist der Garten hinter dem Haus. Da gibt es auch genug zu wühlen. Und nur böse Zungen behaupten, dass auch ihre Pflanzen sie schon heimlich als "tatkräftige Nervensäge" bezeichnen.