Heinsberg: Sind Leerstände nur wie ein „Schnupfen“?

Heinsberg : Sind Leerstände nur wie ein „Schnupfen“?

Wissenschaftlich untersucht worden seien die Gründe für die Geschäftsaufgaben natürlich nicht, sagt Heinsbergs neuer Leiter des Amtes für Wirtschaftsförderung. Michael Dahmen schätzt die Zahl der Leerstände in der Heinsberger Innenstadt derzeit auf etwa „20 plus“.

In „Momentaufnahmen“, das heißt in Gesprächen mit Einzelhändlern und Kunden werde Ursachenforschung betrieben. Das Bild, das sich daraus ergebe, sei sehr vielschichtig. Manchmal spielten ganz persönliche Gründe wie der Verlauf der Lebensplanung für eine Geschäftsaufgabe eine Rolle, mal habe sich aber auch gezeigt, dass das angebotene Sortiment einfach nicht zur Höhe der zu zahlenden Gebäudemiete passe. „In der A-Lage muss ich auch ein A-Produkt verkaufen“, sagt Dahmen.

„Ich glaube persönlich nicht, dass die derzeitigen Leerstände ein chronisches Problem sind. Es ist eher wie ein Schnupfen, der vorübergeht. Net Aachen hat zum Beispiel an der Hochstraße geschlossen, aber das Ladenlokal wird sicher auch schnell wieder vermietet. Der zentrale Bereich Hochstraße dreht sich einfach.“ Als ein weiteres Beispiel nennt Dahmen das kleine Blumengeschäft Orchi Idee, das nach relativ kurzer Zeit an der Hochstraße wieder seine Pforten schloss. „Der neue Mieter steht schon fest.“ Jetzt wird es ein Schlüsseldienst mit Schuhreparaturservice an dieser Stelle versuchen. „Auch die Räume von Black & White an der Ecke Stiftsstraße sind wieder vermietet.“

Grundsätzlich, so wirft der bei der Stadt angestellte Wirtschaftsgeograph Holger Louis ein, dürfe man nicht vergessen, dass die „Einzelhandelszentralitätskennziffer“ für Heinsberg im Jahr 2014 stolze 121 Prozent betragen habe. Hinter dem Begriffsungetüm verbirgt sich der schlichte Sachverhalt, dass in Heinsberg quasi 21 Prozent mehr Kaufkraft gelassen werde, als die Heinsberger alleine erbringen könnten. „Damit liegen Heinsberg und Hückelhoven ganz vorne im Kreisgebiet.“ Die Kunden strömten vor allem über die Parkplätze Gangolfusstraße, Ostpromenade und immer mehr auch über die Bahn in die Stadt, erklärt Dahmen. „Mittlerweile kommen Kunden aus Jülich und Herzogenrath, weil sie mit der Bahn fahren können. Sie sind dann vom Angebot in unserer Stadt positiv überrascht.“

Die rosarote Brille will sich Dahmen aber nicht aufsetzen. Denn selbstredend müsse die Stadt auf der Hut sein, dass sich aus einem „vorübergehenden Schnupfen“ in Sachen Leerstände am Ende nicht doch noch eine „chronische Erkrankung“ entwickele. Er richtet dabei exemplarisch sein Augenmerk auf die Obere Hochstraße. „Wenn Vermieter es scheuen, in die Geschäfte zu investieren und es dadurch eher in Kauf nehmen, keinen Nachmieter zu finden, dann sind die Einflussmöglichkeiten der Stadt begrenzt.“ Mit dem Anziehungspunkt Begas Haus, dem Lebenshilfecafé und der guten Infrastruktur inklusive Parkplätzen sei eigentlich alles getan.

„Wir führen regelmäßig Begehungen durch, und wenn wir dann auf einen neuen Leerstand treffen, rufen wir den Eigentümer an und bieten an, den Leerstand für potenzielle Mieter auf der Homepage der Stadt kostenlos darzustellen.“ Das alleine reiche natürlich nicht, räumt Dahmen ein. „Die Themenfelder, die sich um die Zukunftsfähigkeit der Stadt als Einzelhandelsstandort drehen, müssen ausgebaut werden. Zum Beispiel die Frage, wie geht man mit der Konkurrenz durch den Online-Handel um. Mögliche Ideen reichen da vom Zusammenschluss zu einem gemeinsamen Lieferdienst bis zum Zusammenschluss zu einem Online-Portal auf lokaler Ebene. Wir sind da in konzeptionellen Gesprächen mit dem Gewerbe- und Verkehrsverein und dem Heinsberger Industriegebiet.“

Dahmen und Louis sind der Meinung, dass die höhere Beratungsqualität des stationären Einzelhandels letztlich auch zum Verkauf des Produkts führen müsse. Dazu bedürfe es aber auch eines Umdenkens in den Köpfen der Konsumenten. „Man sollte sich nicht nur auf das bisherige Stammkundenpotenzial konzentrieren“, warnt Louis, „sondern zudem versuchen, junge Käuferschichten zu erschließen. Die legen ein anderes Kaufverhalten an den Tag.“

Michael Dahmen stellt zum guten Schluss gar eine durchaus gewagte These auf: „Die Leerstände sind zum Teil auch eine Chance für uns, um uns weiter zukunftsfähig zu machen. Denn dort ist Platz für Angebote, die wir in Heinsberg noch aufbauen können.“ Welche das denn sein könnten? Spontan denkt Dahmen da an eine Schokolaterie oder Schmuck und Uhren im Luxussegment. Zumindest für die Kunden bleibt es also spannend in Heinsberg.