Gerderath: Seit knapp einem Jahr Knappe aus Leidenschaft

Gerderath : Seit knapp einem Jahr Knappe aus Leidenschaft

In Schale geworfen: An diesem verregneten Morgen hat sich Waltraut Schwiderski besonders schick gemacht.

Hat aus ihrem Kleiderschrank einen schwarzen Kittel mit goldenen Knöpfen geholt, eine glänzend schwarze Hose und dazu weiße Handschuhe.

Die Krawatte mit Schlegel und Eisen hat ihr Nachbar Herbert gebunden, das Schiffchen auf ihrem Kopf hat sie vor dem großen Spiegel unten im Flur selbst zurecht gerückt. Waltraut Schwiderski hat allen Grund, sich fein zu machen. Später wird sie draußen vor ihrem Haus für den Pressefotografen posieren und in die Kamera lächeln.

Die schwarze Tracht trägt Waltraut Schwiderski nur an wenigen Tagen im Jahr. Immer dann, wenn ihr Verein einen offiziellen Termin wahrnimmt. Der Verein, das sind die Knappen St. Barbara Hilfarth-Hückelhoven. Waltraut Schwiderski ist ein weiblicher Knappe.

Seit Anfang des Jahres gehört die 55-Jährige aus Gerderath zum Verein. Der bestand ursprünglich nur aus Männern. Aber nach einer Satzungsänderung nehmen die Knappen jetzt auch Frauen in ihren Reihen auf. Ein gutes Dutzend sind es mittlerweile, die meisten von ihnen sind Gattinnen ehemaliger Bergleute. Haben die Männer anfangs nicht komisch geguckt, als auf einmal Frauen mit dabei waren? „Nein”, sagt Waltraut Schwiderski bestimmt. „Wir sind eine richtige Gemeinschaft, wie eine große Familie.”

Wie sie so auf ihrer Wohnzimmercouch sitzt und vom Leben auf der Zeche Sophia-Jacoba erzählt, könnte man meinen, dass die zierliche Frau selbst unter Tage gearbeitet hat. Hat sie natürlich nicht. Trotzdem spielt das 1997 still gelegte Hückelhovener Bergwerk eine große Rolle in Waltraut Schwiderskis Leben.

Geboren in Stade bei Hamburg, kam sie mit anderthalb Jahren nach Hückelhoven, wo der Vater Arbeit bei Sophia-Jacoba gefunden hatte. Auch Waltraud Schwiderskis Mann Detlef war bis zu seinem Tod 1994 bei der Zeche beschäftigt, 36 Jahre lang, zuletzt als Lehrsprengmeister. Bis Ende der 80er Jahre hatte sie nicht direkt mit Sophia-Jacoba zu tun. Aber dann wurden die Pläne zur Schließung des Bergwerks bekannt.

Von diesem Zeitpunkt an begann Waltraut Schwiderski zu kämpfen, in der Fraueninitiative, an der Seite unzähliger weiterer Ehefrauen, die die Existenz ihrer Familien gefährdet sahen. „Wir hatten damals wirklich Angst”, erinnert sie sich heute und blickt zurück: „Die Schließung konnten wir nicht verhindern, aber trotzdem haben wir viel erreicht.”

Viel erreichen möchte sie auch heute noch, im Knappenverein. „Es ist wichtig, dass die bergmännische Tradition nicht in Vergessenheit gerät. Dafür brauchen wir auch die Knappen”, ist sie überzeugt. Darum ist es für sie selbstverständlich, bei Knappentreffen, bei Festumzügen und nicht zuletzt bei der traditionellen Barbarafeier mit dabei zu sein.

Und an solchen besonderen Tagen holt Waltraut Schwiderski den schwarzen Kittel aus ihrem Kleiderschrank.