Erkelenz: Schwermut und Trauer erwecken Hochgefühl

Erkelenz : Schwermut und Trauer erwecken Hochgefühl

Ein musikalisches Erlebnis von großer emotionaler Eindringlichkeit bot das Konzert von Volker Mertens und Blandine Höfer am Sonntag in der Leonhardskapelle.

Die ausdrucksstarke Stimme des Baritons kam bei Schuberts „Winterreise” hervorragend zur Geltung.

Mit der Begleitung von Höfer am Flügel gelang es ihm in meisterhafter Weise, die melancholische Stimmung des Liederzyklus darzustellen, hin und her gerissen zwischen tiefster Schwermut und den Hoffnungsschimmern träumenden Erinnerns.

Der ungünstige Termin, der sich mit dem Biwak der Erkelenzer Karnevalsgesellschaft überschnitt und unmittelbar auf ein Konzert in der Pfarrkirche St. Lambertus folgte, war wohl der Grund für die unverdientermaßen geringe Besucherzahl.

Die seelische Zerrissenheit, das Gefühl der Ausweglosigkeit, die den Grundton der „Winterreise” bilden, fanden sich in Mertens Gesang mit oftmals atemberaubender Ausdruckskraft wieder.

In den einzelnen Stücken bildeten Passagen größter Gemütsbewegung einen deutlichen Kontrast zu ruhigeren, die einerseits von Wehmut und Verzweiflung, andererseits von dem kurzen Verweilen bei einer schönen Erinnerung geprägt waren.

Besonders deutlich wurde das im „Frühlingstraum”, in dem die harte Wirklichkeit des Erwachens die zarten Klänge des Traumgebildes abrupt beendet. Der Gegensatz dieser Stimmungen findet sich ebenfalls in „Der Lindenbaum” („Am Brunnen vor dem Tore”). Gerade an diesem sehr bekannten Stück zeigte sich Mertens Können, dessen Interpretation weit vielschichtiger wirkte als es bei manchen anderen Sängern der Fall ist.

Mertens Gesang überzeugte in jeder der unterschiedlichen Stimmungen, und es gelang ihm mit einem ausgezeichneten Gespür, die Feinheiten der Stücke herauszuarbeiten.

Mimik und Gestik unterstrichen den Ausdruck der einzelnen Passagen, wie im ängstlich-aufgeregten Blick auf ein Blatt vor dem Fall in „Letzte Hoffnung”, während der Flügel die zitternden Bewegungen dieses Blattes im Wind musikalisch nachzeichnete.

Es war dem Bariton deutlich anzumerken, dass er ganz in der Musik aufging. Auf diese Weise gelang es ihm, die Gefühle in Schuberts Liederzyklus den Zuhörern mit einer Unmittelbarkeit zu vermitteln, die nicht oft zu finden ist.

Zu den beeindruckendsten Stücken gehörte „Der Leiermann”, mit dem die „Winterreise” endet. Hier sind es die ruhigen Töne einer zerbrechlich wirkenden Melodie, die auf eine ganz andere, leisere Art den Eindruck von Trostlosigkeit erzeugen, als die meisten anderen langsamen Stellen der Komposition, die von einem Gefühl der Schwere gekennzeichnet sind.

Hier konnten Mertens und Höfer noch einmal musikalisches Feingefühl beweisen. Von ganz anderem Klang war das kurze und äußerst heftige „Der stürmische Morgen” oder das kaum weniger stürmische „Post”, in dem abermals für Momente eine fröhlichere Stimmung aufblitzt, um gleich wieder gebrochen zu werden.

In „Die Krähe” ließ Höfer den umher kreisenden Flug dieses Tieres in ihr Spiel einfließen, während Mertens dem verzweifelten Wanderer erneut seine Stimme verlieh. In den Visionen von „Das Wirtshaus” und „Nebensonnen” ist es eine dumpfe Trauer und Verlorenheit, die beim letzteren schließlich noch einen Einschlag ins Tröstliche nimmt.

Mertens ist im In- und Ausland durch zahlreiche Auftritte in Opern und Konzerten sowie durch seine Mitwirkung bei Rundfunk- und Fernsehproduktionen bekannt geworden. 1996 gründete er mit Paul Mertens-Pavlowsky die Künstlervereinigung „ensemble ouvert”, die sich mit der Verbindung von Literatur und Musik beschäftigt, und ist Mitglied des Ensembles der „Jungen Kammeroper Köln”.

Die Klavierpädagogin Höfer gibt Konzerte im Bereich der Kammermusik und Liedbegleitung. Letzteres studierte sie an der Musikhochschule Köln. Dort legte sie 1990 ihre erste staatliche Musiklehrerprüfung ab.