Erkelenz: Schule: Lesen, Schreiben und Rechnen über alles?

Erkelenz : Schule: Lesen, Schreiben und Rechnen über alles?

Im Wahlkampf ist die Pisa-Studie ein heißes Thema. Nun machte Landesschulministerin Gabriele Behler mit einer neuen Aussage Schlagzeilen, die die Ausfahrt aus Pisa weisen soll.

Die Grundschulen sollen wieder mehr Wert auf Lesen, Schreiben und Rechnen legen. Dies solle aber weder durch eine Ausweitung der Stundenzahl noch durch erhöhten Notendruck, sondern durch gezieltere Anstrengungen der Lehrer erreicht werden.

EVZ-Redaktionsmitglied Ute Steinbusch sprach mit drei Grundschullehrern aus dem Erkelenzer Raum über Behlers Äußerung.

„Ich sehe das ganz gelassen und werde so weiter arbeiten wie bisher”, lehnt sich Hans-Ludwig Reiners von der Honigmann-Schule in Schaufenberg zurück. Reiners bemüht sich, seinen Ärger über eine derartige „Schuldzuweisung” zu unterdrücken.

„Frau Behler muss uns erklären, wie sie sich das vorstellt. Wir haben in Schaufenberg schon immer Wert auf Lesen, Schreiben und Rechnen gelegt, dazu bedarf es keiner Ministerin”, empört er sich. Vor dem Schulbeginn

Heinz Ulrich Stops von der Gemeinschaftsgrundschule Erkelenz bleibt noch ruhiger. „Bislang hat es keine Dienstanordnung gegeben. Aber mit so etwas mussten wir rechnen seit Pisa.”

Stops sieht sich selbst und seine Kollegen aber nicht untätig: „Wir reagieren bereits auf die Problematik, aber wir brauchen auch Unterstützung.” Stops nennt die Vielzahl der Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Aber Schwächen könnten auch andere Ursachen haben, die für die Pädagogen oft schwer erkennbar seien.

„Wir haben einfach zu wenig Vorkenntnisse, um zu erkennen, woran es liegt. Dazu müssten wir eigentlich zugleich Sonderschullehrer sein.” Zukünftig wünscht sich Stops parallele Klassenstandards. „Wir müssen klar definieren, was ein Kind am Ende des zweiten Schuljahres können muss.”

Zudem hält er es für möglich, durch mehr kollegiale Zusammenarbeit noch mehr zu erreichen. „Eines steht aber fest: Noch etwas dazu ist für uns nicht leistbar. Und Neuerungen dürfen nicht zu Lasten anderer Fächer gehen.”

Denn was sollte wegfallen, um auf der einen Seite mehr Rechnen, Schreiben und Lesen zu unterrichten? Die tägliche Bewegungsstunde etwa hat die Ministerin kürzlich noch als besonders wertvoll hervorgehoben.

Die einzige Möglichkeit sieht Heinz Ulrich Stops darin, im Sachunterrricht den Sprachanteil zu erhöhen. „Es kommt ja immer noch mehr dazu. Bald werden die Kinder Englisch als Fremdsprache lernen. Wir kommen irgendwann dahin, dass wir überlegen müssen, ob zwei Stunden Religion im Vergleich zu vier Stunden Mathe pro Woche angebracht sind, aber das ist wieder eine andere heikle Geschichte”, überlegt Stops.

Er plädiert in jedem Fall dafür, schon vor der Einschulung anzusetzen: „Die Kinder, die in die Schule kommen, müssen weiter in der Sprache sein.”

In puncto Klassenstärke stimmen Heinz Ulrich Stops und Horst Ziegahn von der katholischen Grundschule Arsbeck überein: Kleinere Klassen bieten den Lehrern mehr Zeit für den einzelnen Schüler.

Horst Ziegahn wertet die Äußerung von Ministerin Behler als „Schnellschuss” ab.

Er verweist auf die Situation der Lehrer im Kreis Heinsberg: „Wir haben einen eklatanten Lehrermangel. Kollegen müssen zum Teil bereits zwei Klassen führen.”

Das einzige, was für Ziegahn an der Pisa-Schräge etwas ändere, seien mehr Raum und Zeit für die Schüler, „aber das ist momentan weder finanziell noch personalpolitisch zu realisieren.”