Heinsberg: Sankt Martin: Mehr als eine fromme Legende

Heinsberg : Sankt Martin: Mehr als eine fromme Legende

Am 11. November ist Martinstag, der letzte Tag der traditionellen Laternenumzüge zum Andenken an den großen Volksheiligen, den heiligen Martin, dessen Todestag sich heute zum 1605. Male jährt.

Im katholischen Rheinland hat das Martinsbrauchtum mit Laternenumzügen, Martinsritt und Abbrennen des Martinsfeuers eine besonders lange Tradition, und Düsseldorf gilt als „Hochburg” des Martinsbrauchtums.

Aber ob katholisch oder protestantisch, gegen den heiligen Martin gibt es keine konfessionellen Vorbehalte.

Selbst als Thüringen protestantisch wurde, mochte man sich dort nicht von der Tradition trennen. Dank der Namensgleichheit des Heiligen mit dem Reformator Martin Luther hielt man dort am Laternenumzug fest. Und in Erfurt trifft sich am Martinstag die katholische und evangelischen Jugend auf der großen Domtreppe alljährlich zur gemeinsamen großen Martinsfeier.

Berühmt wurde Martin, weil er einst vor dem Stadttor von Amiens seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler teilte. Er starb 397 als dritter Bischof von Tours. Gleich nach seinem Tod wurde Martin schon als Heiliger verehrt, ohne heilig gesprochen worden zu sein.

In Tours errichtete man über seinem Grab eine Basilika, in der die Cappa des heiligen Martin, der geteilte Mantel, als vornehmste Reichsreliquie verwahrt wurde. Die merowingischen Könige nahmen sie mit auf ihre Kriegszüge, um Niederlagen abzuwenden.

Die Geschichte der Mantelteilung soll keine fromme Legende sein, sondern auf Berichten von Zeitzeugen beruhen.

St. Martin wurde der Patron der ersten christlichen Kirchen. In Frankreich gibt es etwa 3600 Martinskirchen, in den Bistümern Köln und Aachen deren etwa 70. In unserer engeren Heimat finden sich Martinskirchen in Orsbeck und Steinkirchen.

St. Martin gilt als Beschützer der Bedrängten und als Schrecken aller Gewalttäter. Er ist der Patron der Handschuhmacher, Hufschmiede, Hirten, Hutmacher, der Bettler und Geächteten.

Martin wurde um 316 als Sohn eines römischen Militärtribuns in Ungarn geboren. Als 15-Jähriger trat er in die römische Armee ein und kam mit ihr nach Frankreich.

In die ersten Jahre seiner Dienstzeit ist die Geschichte von der Mantelteilung einzuordnen, die als Zeugnis seiner Nächstenliebe das Martinsbrauchtum maßgeblich beeinflusst hat.

Mit 18 ließ Martin sich taufen, mit 40 nahm er Abschied von der Armee. Danach lebte er einige Zeit als Einsiedler und gründete 361 in Lingugé das erste abendländische Kloster. Seiner Popularität war es zu verdanken, dass man ihn 371 - allerdings gegen seinen Willen - zum Bischof von Tours wählte.

Dieses Ereignis wurde der Ausgangspunkt einer weiteren Legende, auf die das Brauchtum „Martinsgans” zurückgeht. Als Martin erfuhr, dass man ihn zum Bischof machen wollte, flüchtete er in einen Gänsestall. Die schnatternden Gänse sollen ihn verraten haben, wofür sie fortan zum Martinstag in großer Zahl geschlachtet wurden.

Nach einer anderen Version störten sie ihn mit ihrem Geschnatter bei der Predigt. In seinem Zorn ließ Martin sie schlachten und braten. Im Rheinland kommt es einem Feiertag gleich, wenn St. Martin durch „Schnee und Wind” durch die Straßen reitet und Kinder wie Erwachsene ihm mit Fackeln folgen. Ein alter Brauch ist dabei das danach folgende Abbrennen des Martinsfeuers.

In Vergessenheit geraten ist dagegen der Liedvers, den die Kinder beim Einsammeln von Stroh und Reisig für das Martinsfeuer sangen: „Zint Mäete! Zint Mäete! Bockeskook on Melk hant wer lang net geäete!”

Hiermit war das „Festessen” am Martinsabend angesprochen: Wenn das Martinsfeuer heruntergebrannt war und die Jungen sich mit verkohlten Holzstücken selbst die Hände sowie den Mädchen die Gesichter geschwärzt hatten, freute man sich auf die süße Milchsuppe mit eingebrocktem Buchweizenkuchen, die schon auf dem häuslichen Herd dampfte.

„Bockeskook on Melk”, das war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Festessen der ärmeren Landbevölkerung.