Hückelhoven-Brachelen: Provisorium wird zur Notwendigkeit

Hückelhoven-Brachelen : Provisorium wird zur Notwendigkeit

Marie-Luise Lischka weiß, wovon sie spricht: „Wenn die Schüler nicht zu uns in den Kindergarten kommen könnten, müssten sie bei der Stadt als Tagesobdachlose registriert werden.”

Marie-Luise Lischka ist seit 1973 Leiterin des katholischen Kindergartens am Klosterberg in Brachelen. Anderthalb Jahre schon läuft das Modellprojekt „Schülertreff in Tageseinrichtungen”, kurz SIT genannt, im Brachelener Kindergarten.

Die Kinder kommen nach Ende des Grundschulunterrichtes in den Kindergarten, bekommen dort eine warme Mahlzeit und machen dann unter fachlicher Anleitung von Maria Gehlen und anderen Mitarbeiterinnen unter anderem ihre Hausaufgaben.

„Sechs Kinder waren in der Erprobungsphase erlaubt. Aber wir hatten 29 Anmeldungen”, sagt Lischka. Um wenigstens neun Kinder nach der Schule betreuen zu können, musste man eine Ausnahmegenehmigung einholen.

Heute sind 14 Kinder in der SIT-Gruppe im Brachelen Kindergarten - die Nachfrage war einfach zu groß. Lischka: „Wir haben bei uns einen Anteil von 21 Prozent Kindern von Alleinerziehenden.

Und die Erzieherin bringt einen weiteren wichtigen Aspekt ins Spiel: „Weil wir den Kindern hier am Nachmittag eine sichere und auch sinnvolle Bleibe bieten, haben wir viele Frauen wieder in Arbeit gebracht.”

Der Schülertreff in Tageseinrichtungen ist eigentlich ein Provisorium, das nur deshalb entstanden ist, weil das Land NRW die Mittel für die Horte gestrichen hat. Eigentlich sollten dort die Kinder von berufstätigen Müttern an den Nachmittagen betreut werden - aber es fehlt auch hier am Geld.

Nach der Pisa-Studie setzt man nun in der Bildungspolitik auf die Ganztagsschule, die in Hückelhoven am Gymnasium ja schon seit mehr als einem Jahrzehnt praktiziert wird. „Aber wer soll das denn bezahlen?”, fragt Jupp Schmitz als Leiter des Hückelhovener Sozialamtes.

„Die Kommunen sollen den gleichen Anteil aufbringen wie das Land. Welche Stadt kann sich das noch leisten?” fragt er kopfschüttelnd.

Für die 95 Kinder im Brachelener Kindergarten wie auch für das Betreuungspersonal steht mit Beginn des neuen Kindergartenjahres eine weitere große Bewährungsprobe ins Haus: Dort wird dann eine heilpädagogische Gruppe neu eingerichtet.

„Die Aufnahme von acht bis neun mehrfach schwerstbehinderten Kindern ist sicher die größte Mutprobe, der sich unsere Einrichtung seit ihrer Gründung stellt.”

1887 machte der Brachelener Kindergarten seine Tore auf, bis 1972 wurde er von Ordensschwestern geführt, ehe er mit Marie-Luise Lischka und ihrem Team in „weltliche” Hand überging.

„Seitdem die Stadt ein eigenes Jugendamt betreibt, sind wir als Träger der Jugendhilfe verpflichtet, im Stadtgebiet Kindergartenplätze auch für die Schwerstbehinderten anzubieten”, sagt Jupp Schmitz.

20 Kinder, die im Stadtgebiet Hückelhoven wohnen und heilpädagogischer Betreuung bedürfen, werden bisher in Einrichtungen nach Oberbruch, Wassenberg und Geilenkirchen gefahren. Vom Spätsommer an kommen sie nach Brachelen.

Und wie finanziert die Stadt diese Gruppe? „Wir bemühen uns um Mittel aus der Kämpgen-Stiftung in Köln, der Wohlfahrtspflege in Düsseldorf und auch über die Aktion Mensch. Aber die Anträge laufen noch”, sagt Schmitz.

Für den Brachelener Kindergarten hat man sich als Standort der heilpädagogischen Gruppe entschieden, weil im benachbarten Linnich zurzeit eine Schule für körperbehinderte Kinder gebaut wird.

Ein Glücksfall, glaubt Marie-Luise Lischka: „Damit wird der Übergang vom Kindergarten zur Schule erleichtert.”