Diskussionsrunde in der Nadelfabrik: Prostituierte kämpfen weiter um Anerkennung

Diskussionsrunde in der Nadelfabrik : Prostituierte kämpfen weiter um Anerkennung

Ausgewiesene Fachfrauen trafen sich jetzt in der Nadelfabrik am Reichsweg, um die Novellierung des erst 2002 neuverfassten Prostitutionsgesetzes zu diskutieren. Eingeladen zur Runde hatte das Aachener Frauennetzwerk, das als Referentinnen zum brisanten Thema die Anwältin Dorothea Hennen, die Beraterin der Dortmunder Mitternachtsmission, Gisela Zohren, Heidrun Nitschke vom Kölner Gesundheitsamt sowie die Vertreterin des „Berufsverbandes erotische & sexuelle Dienstleistungen“, Golde Carlsson aus Bielefeld, gewonnen hatte.

Gegen die auch heute noch fortdauernde Stigmatisierung der Sexarbeiterinnen (oder auch Sexarbeiter) und für eine vollständige Anerkennung als gleichsam ordentlichen Beruf sprachen sich die Teilnehmerinnen an diesem Abend aus. Von einer im Vorfeld der anstehenden Novellierung diskutierten Kriminalisierung der Freier im Umfeld sogenannter Zwangsprostitution hielten die Referentinnen durch die Bank nichts. Das Thema gesetzliche Kondompflicht — wie bereits im Saarland oder in Bayern festgeschrieben — wurde hingegen kontrovers diskutiert.

Relativ einig waren sich die Fachfrauen auch in der Einschätzung von Bestrebungen, einen sogenannten Hurenausweis schaffen zu wollen, oder auch Sexarbeiterinnen in Karteien zu führen. Denn wie bei allen Daten, die gespeichert werden, befürchtet man gerade im Rotlichtmilieu Datenmissbrauch.

Ursi Becker vom Aachener Frauennetzwerk hatte die etwa 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßt, Loni Finken vom Gleichstellungsbüro moderierte die Veranstaltung. In der Folge berichtete etwa Gisela Zohren über das sogenannte Dortmunder Modell, wonach in der Stadt ein Runder Tisch „Prostitution“ seit mehr als zwölf Jahren gut funktioniere. An ihm sitzen Behörden, Betreiber, Eigentümer, Sozialarbeiter und selbstverständlich Vertreterinnen der Prostituierten, die sich allesamt um ein vernünftiges Neben- und Miteinander von Gewerbe und Gesellschaft kümmern.

Zohren erklärte, gerade auch bei den konservativen Parteien wie der CSU „einen Rückfall in die 1980er Jahre“ zu erkennen. Eine Registrierung etwa von Sexarbeiterinnen dürfe es nicht geben. Auch gebe es keine Zwangsprostitution, sagte Zohren, das sei ein falscher Begriff. Sex unter Zwang sei eben keine Prostitution, sondern ein Verbrechen an Frauen (oder auch an Männern). Zum Gewerbe gehöre die freiwillige Übereinkunft, Sex für eine Gegenleistung zu praktizieren.

Da stimmte Golde Carlsson vom Berufsverband der Sexarbeiterinnen nachdrücklich zu. Carlsson sieht beispielsweise auch in der Kondompflicht einen unzulässigen Eingriff in die Berufsfreiheit der Dirnen, ebenso trat sie der Ächtung sogenannter Sex-Flatrates oder professioneller Gangbang-Partys energisch entgegen. „Wenn sich zu Hause zehn Menschen miteinander vergnügen“, krähe ja auch kein Hahn danach, erklärte sie. Die gesellschaftliche Aufregung um sogenannte Flatrate-Bordelle entspringe rein der männlichen Selbstüberschätzung. Die Kritik, dort würden Frauen ausgebeutet, entstamme dem männlichen Wunschdenken, häufiger zum Zuge zu kommen, als es dann in Wirklichkeit möglich sei. Im Gegenteil, so Golde Carlsson, hätte dort die Sexarbeiterinnen die Sicherheit eines festen Einkommens, sie müssten nicht den nächtlichen Laufbetrieb abwarten.

Als Mitarbeiterin eines Gesundheitsamtes wollte selbst Heidrun Nitschke keine Registrierung der Frauen. Die steuerlichen Auflagen, so die Teilnehmerinnen, seien hart genug. Die Ausbeutung durch Zuhälter sei eindeutig im kriminellen Bereich anzusiedeln, das gleiche gelte für den Zwang insbesondere von Migrantinnen zur Prostitution.

Den Kunden im Umfeld der Zwangsprostitution mit Strafen zu drohen, hielt die Runde nicht für sinnvoll. Zohren beispielsweise berichtete, dass es auch von den Kunden Hinweise gebe, wenn mit den Frauen etwas nicht stimmt. Solche Tipps würden dann wegfallen.

Nicht das Gesetz von 2002 sei schlecht, es habe nur nicht die gewünschten Fortschritte gebracht. Es dürfe jetzt keinen Rückfall in Zeiten geben, in denen Prostituierte als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden. „Prostituierte verkaufen nicht ihren Körper“, stellte Zohren klar, „sie bieten eine sexuelle Dienstleistung an.“ Dafür bräuchten sie ein geregeltes und geschütztes Umfeld, in dem sie selbstbestimmt arbeiten können, lautete die Forderung des Abends.

(wos)